Nach griechischer Überlieferung · 9 Minuten zu lesen
Die Reise zu den Schatten
In jenen alten Tagen, als die Götter noch über den Olymp wandelten und das Schicksal der Menschen wie ein unsichtbarer Faden durch die Welt gesponnen war, stand Odysseus, der listenreiche, am Ufer einer Insel und blickte in die Dunkelheit des Westens. Kirke, die Zauberin, hatte ihn entlassen mit einer Aufgabe, die kein sterblicher Mensch leichtfertig auf sich nimmt: Er sollte hinabsteigen ans Ende der Welt, wo das Reich des Hades beginnt und die Schatten der Toten wandern. Nur dort, so hatte sie ihm gesagt, lebt noch der blinde Seher Teiresias, und nur er kann Odysseus den Weg nach Hause weisen.
Die Männer, die den Abend zuvor noch gesungen hatten, schwiegen nun, als Odysseus ihnen verkündete, wohin die Fahrt gehen sollte. Das weinrote Meer vor ihnen war ruhig, aber an seinen Ufern sprach keiner ein Wort. Sie trugen das schwarze Schaf und den schwarzen Widder an Bord, die Kirke ihnen für das Opfer mitgegeben hatte, und dann lösten sie die Taue, und das Schiff glitt in die Nacht hinaus.
Der Wind trug sie westwärts, immer westwärts, weit hinaus über die bekannten Routen der Kaufleute und Fischer. Die Sterne, die Odysseus von Kindheit an kannte, sanken tiefer an den Horizont, und neue, fremde Lichtpunkte stiegen über einem Himmel auf, der sich mit jedem Stundenwechsel dunkler und schwerer zu senken schien. Der Ozean war hier nicht mehr das weinrote Meer der Heimat — er war schwarz und ölig und trug kein Geräusch außer dem gleichmäßigen Schlag der Ruder.
Nach langer Fahrt, als selbst die Sterne zu erlöschen schienen, erreichten sie das Ende der Welt. Hier, am äußersten Rand des Ozeans, stand ein Hain aus hohen Pappeln und Weiden, deren Blätter kein Wind bewegte, denn hier gab es keinen Wind. Das Ufer war aus grauem Sand, und der Himmel darüber war nicht Tag und nicht Nacht, sondern beides zugleich, ein ewiges fahles Zwielicht, das keine Schatten warf. Die Männer zogen das Schiff auf diesen stillen Strand, und Odysseus nahm das Schwert und die Tiere und ging allein in den Hain.
Er fand den Ort, den Kirke ihm beschrieben hatte: eine flache Grube im Boden, nah an der Mündung zweier Flüsse, die mit träge glitzerndem Wasser aus der Tiefe heraufkamen. Der eine war der Pyriphlegethon, der im Verborgenen floss wie Erinnerung, die nicht verblasst; der andere war der Kokytos, ein Nebenarm des großen Styx, und sein Wasser rauschte so leise wie Atem im Schlaf. Odysseus hob sein Schwert und grub die Grube tiefer, und dann sprach er die Worte, die Kirke ihn gelehrt hatte.
Er goss Honigtrank in die Erde, dann Wein, dann reines Wasser, und zuletzt weißes Gerstenmehl darüber. Er bat alle Toten darum, ihm zu helfen auf seinem Weg nach Hause, und schlachtete dann die beiden Tiere über der Grube, sodass das dunkle Blut hineinfloss und die Erde es trank. Und dann geschah, was keinem lebenden Menschen je gewünscht sein kann: Die Schatten kamen.
Sie kamen aus der Tiefe, lautlos und zahlreich, wie Blätter im Herbst, die der Wind über einen Platz treibt. Frauen und Männer, Krieger und Greise, Kinder und alte Hirten, alle kamen sie, angezogen vom Geruch des Blutes, denn Blut ist es, das den Schatten für einen Augenblick Stimme gibt und Erinnerung. Odysseus hielt sein Schwert erhoben und ließ keinen von ihnen nah genug heran, bis Teiresias kommen würde.
Doch dann sah er unter den Schatten ein Gesicht, das er kannte, und sein Herz wurde schwer. Es war Elpenor, einer seiner Männer, der erst wenige Tage zuvor auf Kirkes Insel gestorben war, als er schlaftrunken vom Dach gefallen war. Noch nicht begraben, noch nicht betrauert, stand er nun hier, und sein Blick war so klar, wie nur die Toten blicken können, die gerade erst gestorben sind. Odysseus trat zurück und neigte den Kopf, und Elpenors Schatten neigte den seinen.
Odysseus, sprach der Schatten mit einer Stimme wie Wind durch Schilf, verlass mich nicht unbegraben an Kirkes Ufer. Kehr zurück, wenn deine Aufgabe getan ist, und gib mir ein Grab und ein Ruder daran, damit die Lebenden wissen, dass ich war. Odysseus versprach es, und hielt sein Schwert weiter erhoben, denn die anderen Schatten drängten sich näher. Dann sah er noch ein Gesicht, das ihn erschauern ließ: seine eigene Mutter, Antikleia, die er lebend verlassen hatte, als er nach Troja fuhr. Sie stand still unter den Schatten und wartete, aber er ließ sie nicht heran, nicht jetzt, noch nicht, denn er wusste, Teiresias musste zuerst kommen.
Und Teiresias kam. Der blinde Seher, der schon zu Lebzeiten in zwei Welten gelebt hatte, trat aus der Menge der Schatten wie jemand, der einen Weg kennt, den andere nicht sehen. Er trank vom Blut der Grube, und seine Augen, die im Leben blind gewesen waren, schienen hier im Reich der Toten klarer zu sehen als irgendwo sonst. Er stand aufrecht, den Stab noch in der Hand, und seine Stimme war ruhig und fest.
Listenreicher Sohn des Laertes, sprach Teiresias, du suchst den Weg nach Hause. Höre. Poseidon zürnt dir noch, weil du seinem Sohn das Auge genommen hast, aber selbst sein Zorn hat ein Ende, wenn du klug bist. Hüte die Herden des Helios auf der Insel Thrinakia: lass deine Männer sie unangetastet, und du wirst Ithaka wiedersehen. Doch vergehen sie sich an ihnen, so verlierst du das Schiff und alle Gefährten, und wenn du heimkommst, kommst du spät und allein auf fremdem Boot, und Leid erwartet dich in deinem eigenen Haus. Aber auch das Leid geht vorbei.
Odysseus hörte jeden Satz in sich hinein, als wäre er ein Stein, der auf stilles Wasser fällt. Dann fragte er nach seiner Mutter, und Teiresias sprach: Lass jeden Schatten trinken, der dir etwas sagen soll, so werden sie sprechen können. Der alte Seher trat zurück in die Menge, und Odysseus senkte das Schwert, und Antikleia, seine Mutter, trat vor. Sie trank vom Blut, und als sie die Augen hob, erkannte sie ihren Sohn, und ihre Stimme war wie eine Stimme aus weiter Ferne, deutlich und doch durch etwas gedämpft, das keine lebendige Sprache hat. Sie erzählte ihm, dass sein Vater Laertes noch lebe, alt und traurig auf dem Lande. Sein Sohn Telemachos halte das Erbe aufrecht. Penelope, seine Frau, warte noch immer.
Und sie selbst, sagte Antikleia, sei gestorben vor Sehnsucht nach ihm, der Weg von Troja hatte so lang gedauert. Dreimal wollte Odysseus nach ihr greifen, dreimal fuhr seine Hand ins Leere. Denn die Schatten sind nicht zu umfangen. Sie haben keine Schwere mehr und keinen Wärme, und die Arme, die man nach ihnen ausstreckt, schließen sich um nichts als um das Nichts selbst.
Antikleia lächelte, wie nur Mütter lächeln, wenn sie verstanden werden, und dann trat sie zurück. Dann kamen andere. Agamemnon, der König der Könige, sprach mit erschöpfter Stimme von dem Ende, das ihn zu Hause erwartet hatte, und warnte Odysseus, niemandem zu vertrauen, bevor er nicht weiß, wem er vertrauen darf. Achilleus, der schnellste aller Helden, trat heran, und Odysseus sprach ihn an mit einem Beinamen, der ihn zu Lebzeiten geehrt hätte. Aber Achilleus schüttelte den Kopf.
Rede mir nicht vom Tod als etwas Ehrenwerten, Odysseus. Ich wäre lieber der ärmste lebende Knecht als König über alle Toten. Odysseus schwieg. Es gibt Wahrheiten, auf die man keine Antwort geben kann, und diese war eine davon. Er sah noch Ajax, der sich von ihm abwandte, weil er ihm einst die Rüstung des Achilleus nicht gelassen hatte, ein Schweigen, das schwerer wog als jedes Wort. Dann sah er in der Tiefe des Reiches, weit entfernt, die Gestalten der alten Helden und der Verdammten: Orion, der Jäger, noch immer auf seiner ewigen Jagd; Sisyphos mit seinem Stein; Tantalos in seinem Wasser, das sich senkt, wenn er trinkt. Es waren Bilder wie aus einem Traum, der sich wiederholt, seit die Welt alt wurde.
Da ergriff Odysseus plötzlich ein Schauder, der nicht von der Kälte kam, sondern aus dem Innern, die Ahnung, dass die Toten zahlloser waren als alle Lebenden je sein könnten, und dass das Reich des Hades kein Ende hat. Er rief seine Männer, und sie lösten das Schiff vom grauen Strand, und die Strömung trug sie fort, zurück durch das ölige schwarze Wasser, zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren.
Als die ersten vertrauten Sterne wieder über ihnen standen, atmeten die Männer tief. Das Schiff lief ruhiger jetzt, der Wind füllte die Segel, und die Wellen trugen einen anderen, lebendigen Klang. Odysseus stand am Heck und blickte zurück, bis das ferne Zwielicht hinter dem Horizont verschwunden war. Er hatte gehört, was er hören musste. Er wusste nun, dass der Weg nach Hause lang war und nicht ohne Verlust, aber er wusste auch, dass er am Ende dort ankommen würde, und das allein war genug, um weiterzufahren.
In den Tagen danach, auf der Rückkehr zu Kirkes Insel, bestatteten sie Elpenor, so wie er es erbeten hatte, mit einem Grab aus der Erde und einem Ruder darüber, das in den Himmel ragte. Und Odysseus hielt inne an diesem Grab und dachte daran, was Achilleus gesagt hatte: dass das Leben, so schwer es auch sein mag, das Schwerste von allem ist, loszulassen. Bald würden die Sirenen singen, und neue Prüfungen warteten auf offener See.
Aber in dieser Stunde war es still. Das Meer lag glatt, die Olivenbäume auf den fernen Hügeln Griechenlands schimmerten im Gedächtnis wie Silber im Mondlicht, und die Sterne standen klar und ruhig über dem Wasser, als hätten sie nie aufgehört, den Weg zu weisen, geduldig und unveränderlich, so wie sie es immer getan hatten und immer tun würden, über alle Zeiten und alle Meere hinweg. Die Sirenen und ihr Gesang.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.