Nach den Erzählungen der Bibel · 6 Minuten zu lesen
Die Reise nach Bethlehem
Und es geschah in jenen Tagen, als ein großes Reich seine Hände über viele Länder ausgestreckt hatte und ein Erlass erging, der die Menschen in Bewegung setzte wie der Wind das reife Korn. Von den Palästen der Mächtigen bis in die kleinsten Dörfer trug man die Botschaft: Jeder sollte sich einschreiben lassen, jeder in der Stadt seiner Väter. Und so brachen die Menschen auf, von Norden und Süden, von Osten und Westen, auf Wegen voller Staub und Steine, mit dem Wenigen, das sie tragen konnten.
In einem stillen Winkel des Landes, in dem kleinen Ort Nazaret, wo die Hügel sanft in den Himmel übergehen und die Olivenbäume alt und geduldig ihre Zweige ausbreiten, lebte eine junge Frau namens Maria. Sie trug ein Geheimnis in sich, tief und leuchtend wie ein Stern hinter Wolken, ein Geheimnis, das noch kein Wort der Welt ganz fassen konnte. Und an ihrer Seite war Josef, ein Mann mit ruhigen Händen und einem stillen Herzen, der zu ihr stand mit einer Treue, die keine Frage mehr kannte.
Auch sie mussten aufbrechen. Josef stammte aus dem Geschlecht eines alten Königs, dessen Name noch über Jahrhunderte hinweg in den Herzen der Menschen lebte, und so wies der Erlass ihn nach Bethlehem, jener kleinen Stadt im Hügelland, vier Tagesreisen weit im Süden. Maria war weit fortgeschritten in ihrer Schwangerschaft, und der Weg war lang und nicht ohne Beschwer. Doch sie rüsteten sich, so gut sie konnten, banden das Wenige zusammen, was sie mitnehmen wollten, und traten hinaus in die Morgenfrühe.
Der erste Tag führte sie aus dem grünen Hügelland von Galiläa hinab in die tiefere Ebene. Die Luft roch nach Thymian und nach dem trockenen Stein der Wegränder. Maria saß auf dem Rücken eines geduldigen Tieres, das seinen Schritt gleichmäßig setzte, Schritt für Schritt, als kenne es das Gewicht der Stille, das diese Reise trug. Josef ging nebenher, die Hand manchmal leicht an ihrer Seite, nicht aus Sorge allein, sondern aus jener Nähe, die keine Worte braucht. Sie sprachen wenig und hörten viel: das Klingen der Grillen, das ferne Blöken einer Herde, das gedämpfte Knirschen ihrer Schritte auf dem Pfad.
Wenn die Mittagssonne hoch stand und das Licht weiß und hart wurde, suchten sie Schatten unter einem Baum oder an der Wand eines Brunnens und ruhten sich aus. Das Wasser in den Krügen war kühl und klar, und Maria hielt den Krug eine Weile in beiden Händen, bevor sie trank, als halte sie etwas Kostbares. Die Welt war groß und schweigend um sie herum, und doch war da, mitten in dieser Weite, etwas wie ein stilles Geborgensein.
In der Nacht lagerten sie unter dem offenen Himmel oder fanden Unterkunft in den einfachen Herbergen am Wegrand, wo andere Reisende ebenfalls rasteten, Menschen aus vielen Orten, alle unterwegs demselben Erlass gehorchend. Die Stimmen der anderen zogen sich bald in den Schlaf zurück, und dann war es nur noch der Atem der Nacht, der leise über das Land strich. Die Sterne standen dicht und klar, so klar wie nur in der trockenen Bergluft dieser Tage, und Maria schaute lange in diesen Himmel, bevor auch sie die Augen schloss.
Der zweite und der dritte Tag brachten sie durch das rauere Bergland. Die Wege wurden enger, die Hügel steiler, das Gestein heller und kantiger unter dem Licht. Manchmal begegneten sie anderen Reisenden, und man grüßte sich mit einem kurzen Neigen des Kopfes, mit dem ruhigen Einverständnis jener, die denselben Weg gehen. Kinder, die müde geworden waren, schliefen auf dem Rücken ihrer Väter. Alte Frauen trugen Bündel mit der Selbstverständlichkeit eines langen Lebens voller Lasten. Und überall dieser Staub, fein und warm, der sich auf Kleider und Haare legte wie ein Zeichen der Zugehörigkeit zu diesem Land.
Maria schwieg viel auf diesen Tagen, aber ihr Schweigen war nicht leer. Es war erfüllt von etwas, das schwer zu benennen ist, von einer Aufmerksamkeit, die nach innen gerichtet war und zugleich nach außen: auf das Licht, das am Morgen die Felskuppen rosa färbte, auf den Wind, der plötzlich kühl wurde wenn sie eine Kuppe überschritten, auf das Zittern des Landes unter dem Atem des Abends. Sie trug etwas Heiliges in sich, und dieses Heilige hatte seinen eigenen Rhythmus, seinen eigenen ruhigen Atem, der sich manchmal wie eine Welle durch sie hindurchbewegte.
Josef beobachtete sie, ohne sie zu drängen. Er kannte ihre Blicke und ihre Stille, er kannte den leichten Zug um ihren Mund, wenn sie müde war, und das sanfte Licht in ihren Augen, wenn sie an etwas dachte, das über die Müdigkeit weit hinausging. Er sorgte für Wasser und Schatten und dafür, dass der Weg so eben war, wie er ihn eben machen konnte. Manchmal legte er ihr einen Mantel unter, damit das Tier weicher wurde. Manchmal sagte er ihren Namen, einfach so, ohne mehr zu sagen, und sie antwortete mit einem Blick, der alles enthielt.
Und dann, am Ende des vierten Tages, als das Licht wieder warm und lang wurde und die Schatten der Steine sich über den Boden streckten wie ruhende Tiere, sahen sie Bethlehem. Die kleine Stadt lag auf einem Hügelrücken, die alten Mauern hellgrau im Abendlicht, die Olivenbäume darunter dunkel und schwer von den Jahren. Rauchfäden stiegen aus den Dächern auf, gerade und blau in der stillen Luft. Aus der Ferne klang das Läuten einer Herde, die heimkehrte.
Maria hielt inne und schaute. Lange und still. Dies war die Stadt, aus der Josefs Vorfahren stammten, die Stadt, in der der Atem vieler Generationen lag wie eine unsichtbare Gegenwart. Und in dieses alte, schlichte Städtchen sollte nun auch das Kind kommen, das sie in sich trug. Etwas in ihr war still geworden, stiller als die Müdigkeit, stiller als die Freude, eine Art tiefer Ruhe, wie wenn man nach langer Zeit an den Ort kommt, wo man hingehört.
Sie stiegen den letzten Hang hinauf in der schwindenden Dämmerung, und die erste Nacht in Bethlehem lag noch vor ihnen, offen und unbekannt, wie alle großen Nächte unbekannt sind, bevor sie sich erfüllen. Doch das gehört zu einer anderen Geschichte, die noch kommen wird. Für jetzt war die Reise getan. Der Weg war weit gewesen und die Tage lang, und die Stille des Abends legte sich wie ein sanftes Tuch über alles: über die Felder, über die Hügel, über die beiden Menschen, die müde und still nebeneinander standen und auf die Lichter der kleinen Stadt schauten, die vor ihnen lag.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.