Nach Johann Karl August Musäus · 8 Minuten zu lesen · Vorabdruck
Die Nymphe des Brunnens
Am Fuß des Schlossbergs, unterhalb der Burg des Ritters Wackermann Uhlfinger, lag im Gebüsch eine Grotte, und darin kam aus dem nackten Fels eine Quelle heraus und fiel in ein Becken, das niemand gemacht hatte. Das Wasser war im Sommer so kalt, dass die Zähne davon wehtaten, und im Winter fror es nicht. Dorthin ging die Frau des Ritters, wenn sie allein sein wollte, und in jenem Jahr ging sie oft, denn ihr Mann war lange fort und schickte keine Nachricht.
Sie saß am Rand des Beckens und weinte, wie man weint, wenn man weiß, dass es niemand hört. Da ging ein Zug durch das Wasser, und aus der Quelle stieg eine Frau herauf, bis zum Gürtel, und ihr Haar lag ihr nass auf den Schultern. Weine nicht, sagte sie. Dein Mann lebt und kommt zurück. Aber du wirst das Kind, das du trägst, nicht groß werden sehen. Lass mich ihm Gevatterin sein, dann ist für das Mädchen gesorgt, wenn du nicht mehr da bist.
Im Frühjahr kam der Ritter heim, und im Sommer kam das Kind, und sie nannten es Mathilde. Bei der Taufe stand am Rand der Halle eine Frau, die keiner kennen wollte, und sie legte etwas in die Wiege. Es war ein Apfel aus Holz, gedreht und braun poliert, wie man sie damals für Bisam machte, an einer Schnur aus Seide, und er wog in der Hand so gut wie nichts, nicht mehr als eine taube Nuss. Drei Wünsche sind darin, sagte sie leise. Geh nicht verschwenderisch mit ihnen um.
Die Mutter starb, als das Mädchen noch klein war, so wie es ihr gesagt worden war. Der Ritter nahm eine zweite Frau ins Haus, und die hielt es anders. Sie räumte die Truhen aus, warf weg, was ihr wertlos schien, und als ihr der hölzerne Apfel zwischen die Finger kam, sah sie ihn kaum an. Bettelkram, sagte sie und warf ihn aus dem Fenster. Er sprang die Böschung hinunter, immer weiter, bis ins Gebüsch, und fiel in das Becken der Quelle.
Mathilde suchte drei Tage lang und fand ihn am vierten, denn sie fand die Grotte. Sie kniete am Wasser, und da war die Frau wieder da und hielt den Apfel in der Hand und gab ihn ihr zurück. Halte ihn in beiden Händen, sagte sie, und sag laut, was du haben willst, und du wirst es haben. Aber es sind nur drei. Dann lehrte sie ihr noch ein Sprüchlein, das keinen der Wünsche kostet. Wer den Apfel dreimal in der Hand dreht und es hersagt, den sieht niemand. Hinter mir Nacht, vor mir Tag, dass mich niemand sehen mag. Darauf tauchte sie unter, und das Wasser lief weiter, wie es gelaufen war.
Der Ritter hatte auf den Straßen zu viele Wagen angehalten und zu vielen Kaufleuten den Weg verlegt, und was daraus werden musste, kam in einer Winternacht. Die Burg brannte von den Ställen her, und die Leute liefen mit dem, was sie tragen konnten, in den Hof hinunter. Mathilde stand in ihrer Kammer, drehte den Apfel dreimal in der Hand und sagte das Sprüchlein her, und keiner der drei Wünsche ging dabei fort. Dann ging sie die Treppe hinunter, durch die Halle und durch das Tor und dicht zwischen den fremden Männern hindurch, und keiner von ihnen sah auf.
Sie ging drei Tage, tauschte in einem Dorf ihr Kleid gegen ein grobes und kam nach Augsburg, wo sie niemand kannte. Dort vermietete sie sich in die Küche des Grafen Konrad. Es war die wärmste Stelle im ganzen Haus. Über dem offenen Feuer hingen die Kessel, an der Wand stand das Kupfer in Reihen, und wenn draußen der Frost an die Scheiben schrieb, saßen sie drinnen bis Mitternacht und rupften Federn. Mathilde arbeitete gut und redete wenig.
Im Winter gab der Graf ein Fest, und die Mägde durften von der Treppe aus zusehen. Mathilde blieb in der Kammer, nahm den Apfel in beide Hände und tat den ersten der drei Wünsche. Sie wünschte sich ein Kleid, so herrlich, wie eines nur sein konnte, und alles, was dazugehört. Was sie danach über dem Arm hängen hatte, war schwerer als alles, was sie je getragen hatte, und es lief das Licht darin hin und her wie Wasser. Sie ging die Treppe hinauf und in den Saal, und niemand fragte, wer sie sei, weil es niemand zu fragen wagte.
Der Graf tanzte an diesem Abend mit ihr und mit keiner sonst, und die Musikanten spielten, bis ihnen die Arme schwer wurden. Vor dem Morgen war sie fort. Als sie die schmale Treppe zur Küche hinunterging, war von dem Kleid nichts mehr an ihr, nur der Geruch der vielen Kerzen hing ihr noch im Haar. Sie legte sich zu den anderen Mägden, und niemand hatte sie kommen hören, und am Morgen kniete sie vor dem Herd und blies in die Kohlen wie an jedem Tag.
Am nächsten Abend war das Fest noch einmal. Sie nahm den Apfel zum zweiten Mal in beide Hände und wünschte sich ein Kleid aus rosenfarbenem Atlas und dazu Geschmeide, wie es Königstöchter tragen. Der Stoff war so glatt, dass er ihr unter der Hand wegrutschte, und die Kette lag ihr so kalt auf dem Hals, dass sie beim ersten Atemzug erschrak. Diesmal verstummten die Gespräche, sobald sie den Saal betrat, und der Graf ließ sie den ganzen Abend nicht aus den Augen und fragte sie nichts, solange die Musik ging.
Als die Kerzen niedrig standen, zog er einen Ring vom Finger, gab ihn ihr zum Pfand und bat sie um ihren Namen. Sie ließ ihm die Hand und gab ihm keine Antwort, und als die Morgenröte über die Dächer kam, war sie nicht mehr im Saal. Der Graf ließ ein Gastmahl richten und ein Gedeck neben dem seinen frei halten, und der Stuhl blieb leer. Danach legte er sich hin und stand nicht wieder auf, und im ganzen Haus ging man leise und sprach auf den Gängen halblaut.
Am siebenten Tag kochte Mathilde ihm selbst eine Kraftbrühe und stellte sie in die Wärme, bis sie klar war. Dann legte sie den Ring hinein und ließ auftragen. Der Graf rührte ohne Hunger darin, und der Löffel stieß auf etwas Hartes, und als er es heraushob und der Ring am Rand der Schale anschlug, war er auf einmal wieder wach. Er stand aus dem Bett auf, nahm keinen Mantel um und ging die Treppe zur Küche hinunter, wo das Feuer brannte und die Kessel dampften.
Sie wurden Mann und Frau, ohne dass er je erfuhr, aus welchem Haus sie kam, und in zwei Jahren kamen zwei Söhne. Für die Kinder holte man eine Amme aus dem Dorf, eine junge Person mit roten Armen, die beim Wiegen sang und beim Sitzen redete und den ganzen Tag redete, über die Wäsche, über das Wetter, über jeden, der über den Hof ging. Mathilde ließ sie reden. Was in diesem Haus geschah, wusste die Amme immer als Erste und behielt es keine Stunde bei sich.
Die Mutter des Grafen aber hatte diese Ehe nie gewollt und sprach es nie aus. Als der Graf im Feld war, ließ sie die Amme zu sich in die obere Kammer kommen, und was dort geredet wurde, hörte sonst niemand. In der Nacht darauf stand die Wiege leer, und beide Decken lagen ordentlich zurückgeschlagen, als hätte jemand Zeit gehabt. Am Morgen stand die alte Gräfin am Bett und sagte, das sei Hexenwerk und die Fremde habe es getan, und als der Graf heimkam, hörte er zuerst sie und dann lange niemanden.
Er ließ Mathilde in die Badestube bringen, die Tür schließen und unter dem Kessel nachlegen, und dann ging er hinauf und sprach mit keinem. Sie saß auf der Bank im Dampf, und die Luft wurde dick und heiß, und sie hielt den Apfel in beiden Händen, den dritten und letzten Wunsch darin, und rief die Frau aus dem Brunnen an. Da schlug das Wasser über die Steine, kalt und klar, und das Feuer unter dem Kessel ging aus, als hätte man einen Deckel darauf gesetzt. Und die Nymphe stand in der Tür und hatte zwei kleine Jungen an den Händen.
Was in dieser Nacht noch gesprochen wurde, sprach die Amme, und sie sprach es schnell und bis zu Ende, und ihr Weg führte am Morgen nicht mehr durch das Tor. Der Graf trug seine Söhne selbst über den Hof, und der Dampf zog hinter ihnen aus der offenen Tür der Badestube und stand weiß in der kalten Luft, und auf den Platten lag der Reif. Auf der Bank in der leeren Stube blieb der hölzerne Apfel liegen, braun und leicht, und es war nichts mehr darin.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.