Frei nach Hans Christian Andersens Nabofamilierne · 5 Minuten zu lesen
Die Nachbarfamilien
Am Dorfteich stand ein Bauernhaus, und an seiner Mauer blühte ein großer Rosenstrauch, und über dem Rosenstrauch, in einem alten Schwalbennest, wohnten die Sperlinge: Vater, Mutter und drei Junge. Das waren die Nachbarfamilien — die Rosen unten, die Sperlinge oben —, und sie hatten verschiedene Ansichten. Die Rosen sahen still ins Wasser und dufteten und fanden, mehr müsse man vom Leben nicht verlangen. Die Sperlinge fanden, die Rosen brächten es zu nichts: kein Nest, keine Jungen, nur herumstehen und schön sein. Piep, sagten die jungen Sperlinge, und das war ihr ganzes Urteil.
Zwischen den beiden Familien wurde über die Gartenfragen hinweg durchaus verkehrt, auf Nachbarschaftsart. Wenn die Rosen am Morgen ihren Duft aufmachten, schnupperten die Sperlinge oben im Nest und sagten: Nun ja, es riecht — als Nahrung taugt es nichts. Und wenn die Sperlinge badeten, im Staub des Weges, mit einem Eifer, dass es nur so stob, sahen die Rosen still zu und dachten: Man kann sich auch mit Staub waschen, es muss ja jeder wissen. Aber wenn der Habicht über dem Teich stand, warnten die Rosen mit keinem Blatt zu rascheln zwar nicht — das können Rosen nicht —, doch sie hielten den Atem an, das spürte man. Nachbarn eben. Man versteht sich nicht, aber man gehört zusammen.
Die Sperlingsmutter war eine tüchtige Frau. Sie brachte ihren Dreien das Fliegen bei und das Fürchten der Katzen, und dazwischen erzählte sie vom Dorf und von den Menschen, so gut sie es wusste. Das Beste ihres Sommers aber war der Tag, an dem ihre Drei flügge wurden. Eines nach dem anderen hatte sich auf den Nestrand gewagt, mit viel Geschrei und wenig Würde, und war hinuntergeflattert auf den Rosenstrauch, der die kleinen Poltergeister geduldig auffing und sich nicht einmal über die zerdrückten Blüten beklagte. An jenem Abend saß die Mutter lange auf dem Dachfirst und sah auf ihr Nest, das nun zu groß geworden war, und auf den Strauch, in dem ihre Kinder schliefen, und sie war müde und zufrieden, wie man nur nach gelungener Arbeit ist.
Eines Tages aber geriet sie den Knaben des Dorfes in die Hände, die allerlei Unfug im Kopf hatten; sie kam erst gegen Abend wieder frei und flatterte müde und zerzaust heim, und der Sommer war ihr in einem einzigen Tag lang geworden. Sie setzte sich unten in den Rosenstrauch, wo es weich war und gut roch. Ihr Rosen, sagte sie leise, ihr habt es vielleicht doch am besten. Und eines Morgens, nicht lange danach, lag sie still zwischen den Rosen, als schliefe sie nur, und die Rosen hielten ihr die Blätter über den Kopf.
Die drei jungen Sperlinge zerstreuten sich in die Welt, wie junge Sperlinge das tun: einer aufs Nachbardach, einer an den Mühlbach, einer in die Stadt. Das alte Bauernhaus wurde später abgetragen, die Menschen zogen fort, und nur der Rosenstrauch blieb stehen und blühte am Teich weiter, als hätte ihn jemand darum gebeten. Die Schwalben kamen wieder, die Jahre gingen, und der Strauch wurde von Sommer zu Sommer schöner.
Es erging ihnen unterschiedlich, wie Geschwistern eben. Der auf dem Nachbardach heiratete früh und hatte bald selbst ein Nest voller Piep; der am Mühlbach wurde ein Original, das mit den Enten stritt und die Müllersleute imitierte, dass die Spatzen von den Dächern lachten. Der in der Stadt aber lernte das harte Brot der Straßen kennen und auch das gute: Er wohnte am Marktplatz, wo für einen wachen Sperling immer etwas abfällt, und wurde ein grauer, kluger Stadtvogel, der die Menschen kannte wie kein zweiter. Nur wenn irgendwo Rosen dufteten, saß er still und war eine Weile nicht anzusprechen. Das trug er von daheim mit sich herum. So etwas verfliegt nicht, auch bei Sperlingen nicht.
Und dann geschah das Merkwürdige: Ein Maler fand den blühenden Strauch am stillen Teich, malte ihn mit aller Sorgfalt, und das Bild kam weit herum. Und weil der Strauch so schön war, wurde er am Ende behutsam ausgegraben und in die große Stadt gebracht und dort in einem Museumshof neu gepflanzt, an einem Grab, in dem ein berühmter Meister ruhte — als schönster Schmuck, den man finden konnte. Da stand er nun zwischen Marmor und altem Gemäuer und duftete wie damals am Teich.
Der Museumshof war ein stiller, feierlicher Ort: hohe Mauern in warmem Gelb, in der Mitte das schlichte Grab mit dem großen Namen, und darüber der offene Himmel, denn der Meister hatte es so gewollt — kein Dach zwischen ihm und den Wolken. Und mitten in dieser Stille nun der Rosenstrauch vom Dorfteich, der von alldem nichts wusste und einfach tat, was er immer getan hatte: blühen. Die Besucher, die kamen, um Marmor zu sehen, blieben oft am längsten bei ihm stehen. So weit kann man es bringen, wenn man nur beharrlich an seiner einen Sache bleibt — und die Sache schön genug ist.
Und eines Frühlingstages saßen auf der Museumsmauer drei alte Sperlinge, die einander lange nicht gesehen hatten, und sahen auf die Rosen hinunter. Kennt ihr die, sagte der eine. Das sind doch die Rosen von daheim, sagte der zweite, die Nachbarsleute. Piep, sagte der dritte, und das hieß: Ja, und wie die Zeit vergeht. Und sie erzählten einander den Nachmittag lang von der Mutter, vom Nest und vom Teich. Unten dufteten die Rosen in der Abendsonne, still und reichlich, wie sie es immer getan hatten — und wer von den beiden Nachbarfamilien es nun weiter gebracht hatte, das war auf einmal keine Frage mehr, denn hier saßen sie ja wieder beieinander.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.