Andreas’ Nacht

Frei nach Hans Christian Andersens Laserne · 5 Minuten zu lesen

Die Lumpen

Vor der Papiermühle lagen die Lumpen in großen Ballen, von nah und fern zusammengekauft; jeder Lumpen hatte seine Geschichte, und jeder erzählte sie gern, aber man kann nicht allen zugleich zuhören. Ganz obenauf lagen zwei beieinander: ein Lumpen aus Norwegen und einer aus Dänemark — der eine rau und fest wie Fels und Fjord, der andere weich und glatt und von feiner Lebensart.

Ein Lumpenhaufen ist, wenn man es recht bedenkt, eine Versammlung von lauter gedienten Leuten. Da lag das Segeltuchstück, das Stürme gesehen hatte, neben dem Kinderhemdchen, das nur Wiegenlieder kannte; da lag der Rest einer feinen Tischdecke, die von Festen erzählen konnte, neben dem Arbeitskittel, der von allem anderen erzählen konnte. Und alle zusammen warteten sie auf dasselbe: noch einmal gebraucht zu werden. Das ist der Trost der Lumpen und vielleicht nicht nur ihrer — dass das Mühlrad sich dreht und aus Abgetragenem Unbeschriebenes macht.

Wie die beiden hergekommen waren, wusste jeder von ihnen noch genau, denn die letzte Reise vergisst kein Lumpen. Der Norweger war mit einem Küstenschiff gefahren, in einem Ballen zuunterst, und hatte unterwegs durch eine Ritze das Meer gerochen; der Däne war auf einem Leiterwagen gekommen, zwischen lauter Landsleuten, und hatte den ganzen Weg die Lerchen gehört. Beide hatten unterwegs dasselbe gedacht — nämlich: Was nun wohl kommt? —, und beide hätten es nie zugegeben, denn Bange sein passte weder zum Fels noch zur feinen Lebensart. Dabei ist es das Verbindendste, was es gibt. Nichts macht so schnell zu Nachbarn wie dieselbe leise Sorge im selben Wagen.

Ich bin norwegisch, sagte der Norweger, und wenn ich sage, ich bin norwegisch, dann ist damit alles gesagt: fest von Faser wie das alte Gebirge, ein Lumpen mit Charakter. Der Däne sagte mild: Wir haben eine feine Art, höflich zu sein, und wir sprechen leise und meinen es freundlich; das ist auch etwas. So redeten sie hin und her, jeder von seinem Land, der eine wie ein Wasserfall im Frühjahr, der andere wie ein Bach durch Buchenwald — und jeder war fest überzeugt, das Beste zu sein, was auf einem Lumpenhaufen je gelegen hatte.

Dabei muss man sagen: Ganz unrecht hatten ja beide nicht, sie hatten nur jeder bloß die halbe Wahrheit, und jeder die eigene Hälfte. Der Norweger erzählte von Wasserfällen, die im Frühjahr donnern, dass man das eigene Wort nicht hört, von Felsen, an denen die Wolken hängenbleiben, und von Menschen, die wenig sagen und es halten. Der Däne erzählte von Buchenwäldern, in denen das Licht grün wird, von Inseln, die im Sund liegen wie ausruhende Tiere, und von Menschen, die freundlich fragen und gern lachen. Wer beiden zuhörte, bekam zwei schöne Länder geschenkt und wunderte sich nur, warum daraus ein Streit werden musste. Aber so ist das mit den Nachbarn: Der Zaun macht den Lärm, nicht der Garten.

In der Mühle geht es gründlich zu, und es ist gut, dass Lumpen kein Heimweh haben. Erst wurden sie sortiert, dann geschnitten, dann kamen sie in den großen Bottich, und das Wasser nahm ihnen Farbe und Staub und alle alten Flecken, und die Stampfen klopften dazu ihren geduldigen Takt, tagein, tagaus. Aus grob wurde fein, aus grau wurde hell, und zuletzt floss ein weicher weißer Brei über die Siebe, in dem Norwegen und Dänemark nicht mehr zu unterscheiden waren — und auch gar nicht mehr unterschieden werden wollten. Dann kam die Presse, dann die Trockenstube, und dann lagen sie da: zwei neue Bogen, still und glatt, mit nichts als Zukunft darauf.

Was einmal auf ihnen stehen würde, das wussten die neuen Bogen noch nicht, und gerade das war das Feierliche an ihnen. Vielleicht ein Liebesbrief, sagte die Presse, die romantisch veranlagt war, weil sie ihr Leben lang Dinge zusammenfügte. Vielleicht ein Kaufvertrag über drei Kühe, sagte das Sieb, das nüchterner dachte. Vielleicht, sagte der alte Müller, der zufällig vorbeikam und gern das letzte Wort hatte, vielleicht auch ein Märchen für Kinder, das abends vorgelesen wird, hundert Jahre lang. Da wurden die beiden Bogen ganz still vor Ehrgeiz. Es soll ja vorgekommen sein, dass genau das geschah. Man munkelt, du hörst gerade den Beweis.

Und wie es der Zufall liebt: Auf den Bogen aus dem norwegischen Lumpen schrieb ein Däne sein Gedicht über die Schönheit Norwegens, und auf den dänischen Bogen schrieb ein Norweger eine Ode auf Dänemarks Buchenwälder.

Die beiden Blätter kamen in dasselbe Buch, und da liegen sie noch, Seite an Seite, und vertragen sich gut — denn was auf ihnen steht, ist freundlich, und was in ihnen steckt, ist rein. So enden die alten Streitereien am besten: als zwei weiße Seiten in einem stillen Buch, das jemand abends zuklappt und neben das Bett legt. Und die Mühle rauschte weiter am Bach, geduldig wie der Bach selbst, und machte aus allem, was müde und zerschlissen war, etwas Weißes, auf dem Neues stehen darf.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Andersen Märchen, Teil zwei · Die vergessenen 65 Geschichten. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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