Nach Arthur Conan Doyle · 8 Minuten zu lesen
Die Liga der Rothaarigen
An einem milden Herbsttag besuchte ich, Doktor Watson, meinen Freund Sherlock Holmes in der Baker Street. Ich fand ihn in ein ernstes Gespräch vertieft mit einem älteren Herrn, der breit und behäbig in einem Sessel saß und dessen auffälligstes Merkmal sein Haar war: ein leuchtendes, beinahe flammendes Rot. Holmes bat mich freundlich, zu bleiben. Sie kommen wie gerufen, Watson, sagte er. Herr Wilson hat mir gerade eine höchst sonderbare Geschichte zu erzählen begonnen.
Der rothaarige Herr, ein Pfandleiher namens Jabez Wilson, nickte mir zu und fuhr in seinem Bericht fort. Er führe, so erzählte er, ein kleines, ruhiges Pfandleihgeschäft. Vor einiger Zeit habe er einen neuen Gehilfen eingestellt, einen jungen Mann namens Vincent Spaulding. Dieser sei tüchtig und obendrein billig, denn er arbeite für den halben Lohn — nur habe er eine Eigenheit: Er verschwinde oft in den Keller hinunter, um zu fotografieren, einer Leidenschaft, der er mit großem Eifer nachgehe.
Eines Tages nun, fuhr Herr Wilson fort, habe ihm dieser Spaulding eine Zeitung gezeigt mit einer höchst merkwürdigen Anzeige. Darin wurde verkündet, es gebe eine Liga der Rothaarigen, gestiftet von einem reich verstorbenen Amerikaner, und diese Liga suche einen rothaarigen Mann für eine leichte, gut bezahlte Tätigkeit. Spaulding habe ihm eifrig zugeredet, sich zu bewerben, schließlich sei sein Haar von einem so prächtigen Rot, wie man es selten finde.
So sei er also hingegangen, erzählte Wilson. Und er habe gestaunt: Vor dem kleinen Büro habe sich eine ganze Menschenmenge gedrängt, lauter Männer mit rotem Haar in allen Schattierungen, feuerrot, ziegelrot, sandfarben. Ein freundlicher Herr namens Duncan Ross habe die Bewerber gemustert und am Ende ihn, Jabez Wilson, ausgewählt, weil sein Rot das allerleuchtendste gewesen sei. Man habe ihm zur Stelle gratuliert und ihm die Bedingungen erklärt.
Die Arbeit war eigentümlich einfach. Er solle jeden Tag von zehn bis zwei Uhr im Büro der Liga sitzen und die große Enzyklopädie abschreiben, Band für Band, mit eigener Hand. Dafür erhalte er vier Pfund die Woche, ein schönes Geld für so wenig Mühe. Nur eine Regel gebe es: Während dieser vier Stunden dürfe er das Büro unter keinen Umständen verlassen, nicht einmal für einen Augenblick, sonst verliere er die Stelle.
Und so habe er es getan, erzählte Wilson. Acht Wochen lang sei er jeden Tag erschienen und habe fleißig abgeschrieben, von Abt über Armbrust bis Architektur, während Duncan Ross anfangs hin und wieder hereinschaute und später gar nicht mehr. Das Geld sei pünktlich gekommen, und er habe sich an die wunderliche, aber angenehme Beschäftigung gewöhnt.
Bis heute Morgen, sagte Herr Wilson und zog ein kleines Stück Pappe hervor. Als er wie gewohnt zum Büro gekommen sei, habe er die Tür verschlossen gefunden, und an ihr habe ein Zettel gehangen mit nur einer Zeile: Die Liga der Rothaarigen ist aufgelöst. Ratlos sei er im Haus herumgefragt; niemand habe je von einer solchen Liga gehört. Der Mann, der das Büro gemietet hatte, sei verschwunden. Und nun, Herr Holmes, schloss Wilson, weiß ich nicht, ob ich betrogen worden bin oder ob ich nur einen üblen Scherz erlebt habe. Aber sonderbar ist es allemal.
Sherlock Holmes hatte mit geschlossenen Augen und aneinandergelegten Fingerspitzen zugehört. Nun stellte er ein paar ruhige Fragen. Wie lange Spaulding schon bei ihm sei? Etwa einen Monat, ehe die Anzeige erschien. Wie der Gehilfe aussehe? Klein, kräftig, sehr flink, ohne Bart, mit einem weißen Spritzer auf der Stirn, als sei einmal Säure daraufgelangt. Holmes richtete sich ein wenig auf. Und seine Ohren, sind sie für Ringe durchstochen? Ja, das sind sie, sagte Wilson verwundert. Holmes lehnte sich wieder zurück, und um seinen Mund spielte ein feines Lächeln. Ich danke Ihnen, Herr Wilson. Lassen Sie mir ein, zwei Tage Zeit. Ich denke, die Sache wird sich klären.
Als der gute Pfandleiher gegangen war, sprang Holmes auf. Was halten Sie davon, Watson, fragte er. Ich gestand, ich verstünde gar nichts. Eben, sagte Holmes vergnügt. Je seltsamer eine Sache aussieht, desto harmloser ist sie oft am Ende — und je gewöhnlicher, desto schwerer zu durchschauen. Kommen Sie, machen wir einen kleinen Spaziergang.
Wir fuhren in jenen Stadtteil, in dem Herr Wilsons Geschäft lag. Es war eine ruhige, leicht heruntergekommene Straße. Holmes betrachtete das Pfandhaus, dann tat er etwas Merkwürdiges: Er klopfte mit seinem Stock mehrmals kräftig auf das Pflaster vor dem Laden, als horche er auf etwas unter der Erde. Danach klingelte er. Ein junger Mann mit flinkem Gesicht öffnete, Spaulding, der Gehilfe. Holmes fragte ihn nur höflich nach dem Weg, dankte und ging.
Ein bemerkenswerter Mann, dieser Gehilfe, sagte Holmes leise, als wir um die Ecke bogen. Haben Sie seine Knie gesehen, Watson? Ich hatte nichts Besonderes bemerkt. Die Knie seiner Hose waren abgewetzt, verschmutzt, knittrig, sagte Holmes. Vom Knien. Und ich wollte wissen, was er da unten so eifrig tut. Dann führte er mich um den Block. Hier zeigte sich, dass die Rückseite von Wilsons Geschäft unmittelbar an ein großes, vornehmes Gebäude grenzte: eine Bank.
Holmes betrachtete sie lange und nickte still vor sich hin. Ich glaube, ich habe genug gesehen. Heute Abend, Watson, wird sich entscheiden, ob ich recht habe. Kommen Sie um zehn Uhr wieder her — und bringen Sie sicherheitshalber Ihren alten Dienstrevolver mit. Am Abend fanden wir uns ein. Holmes hatte zwei weitere Herren mitgebracht: einen Beamten von der Polizei und den Direktor der Bank, einen Herrn Merryweather. Dieser führte uns durch das stille, dunkle Gebäude hinab in ein tiefes Kellergewölbe. Überall standen schwere Kisten, fest verschnürt.
In diesen Kisten, flüsterte der Direktor, lagert im Augenblick ein großer Vorrat an Gold, viele tausend Goldstücke, die wir uns von einer anderen Bank geliehen haben. Wir haben uns schon gewundert, ob das ganz sicher ist. Das wird sich gleich zeigen, sagte Holmes ruhig. Nun aber müssen wir vollkommen still sein und das Licht löschen. Setzen wir uns und warten wir. So saßen wir im Dunkeln, ganz reglos, und lauschten. Es verging eine lange, stille Zeit. Man hörte nur den eigenen Atem und das ferne Schlagen einer Uhr.
Dann, ganz plötzlich, sah ich am Boden des Gewölbes einen schwachen Lichtschein. Eine der Steinplatten begann sich zu heben. Lautlos klappte sie zur Seite, und aus dem Loch darunter stieg ein Mann herauf, kein anderer als Vincent Spaulding, der flinke Gehilfe. Hinter ihm tauchte ein zweiter auf. Sie hatten, wie Holmes vermutet hatte, einen langen Gang gegraben, vom Keller des Pfandhauses bis hierher, in den Tresor der Bank.
In diesem Augenblick trat Holmes aus dem Dunkel hervor. Alles ging rasch und ohne großes Getümmel: Die beiden Männer wurden gestellt und der Polizei übergeben. Spaulding, so erfuhren wir, war in Wahrheit ein weithin bekannter und besonders schlauer Verbrecher, der sich nur als harmloser Gehilfe ausgegeben hatte. Herr Merryweather, der Bankdirektor, schüttelte Holmes überschwänglich die Hand; sein Gold war gerettet.
Später, wieder in der Baker Street, erklärte mir Holmes die ganze List in aller Ruhe. Die Liga der Rothaarigen sei von Anfang an nur ein Vorwand gewesen. Spaulding habe sich beim ahnungslosen Herrn Wilson als Gehilfe eingeschlichen, um Zugang zu dessen Keller zu bekommen, der so günstig nahe an der Bank lag. Doch um ungestört graben zu können, habe er den Hausherrn loswerden müssen, verlässlich, für mehrere Stunden am Tag. Und was hält einen rothaarigen, ein wenig eitlen Mann sicherer fern als die Aussicht auf leichtes Geld, nur weil er rotes Haar hat, sagte Holmes lächelnd. Die ganze Abschreiberei diente einzig dem Zweck, Herrn Wilson Tag für Tag aus dem Haus zu locken, während unten gegraben wurde.
Und als der Tunnel fertig war, sagte ich, lösten sie die Liga einfach auf. Ganz recht, sagte Holmes. Da brauchten sie den guten Wilson nicht mehr. Es war Zeit zuzuschlagen — und genau darauf habe ich gewartet. Er gähnte und streckte sich behaglich. Solche kleinen Rätsel, Watson, das ist es, wofür ich lebe. Sie vertreiben die Langeweile des Alltags. So endete der wunderliche Fall von der Liga der Rothaarigen. Das Feuer im Kamin glüht nur noch leise, und die Nacht liegt still über der Stadt.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.