Andreas’ Nacht

Nach Arthur Conan Doyle · 6 Minuten zu lesen

Die leere Villa

Drei lange Jahre waren vergangen, seit ich, Doktor Watson, meinen Freund Sherlock Holmes am Reichenbachfall verloren glaubte. Drei Jahre, in denen die Welt für mich um vieles ärmer war. In jenem Frühjahr beschäftigte ganz London ein rätselhafter Fall: Der junge, untadelige Ronald Adair war in seinem Zimmer erschossen aufgefunden worden, bei verschlossener Tür, ohne dass man eine Waffe fand, ohne dass jemand etwas gehört hatte. Aus alter Gewohnheit verfolgte ich den Fall in den Zeitungen und sann darüber nach, wie wohl Holmes ihn angefasst hätte. Wie sehr fehlte er mir gerade in solchen Augenblicken.

Eines Tages, in der Nähe des Tatorts, stieß ich versehentlich mit einem wunderlichen alten Mann zusammen, einem gebeugten Büchersammler mit weißem Backenbart, der einen Stapel alter Bände trug und unwirsch davonschlurfte. Wenig später, ich saß bereits wieder in meinem Studierzimmer, wurde derselbe alte Mann bei mir gemeldet. Er entschuldigte sich umständlich für den Zusammenstoß und bot mir seine Bücher an. Ich wandte mich einen Augenblick ab — und als ich mich umdrehte, stand statt des gebeugten Greises ein hochgewachsener, schlanker Mann vor mir und lächelte mich an.

Es war Sherlock Holmes. Lebendig. Leibhaftig. Zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben wurde mir schwarz vor Augen, und ich sank ohnmächtig zu Boden. Als ich wieder zu mir kam, kniete Holmes besorgt neben mir, einen Flakon in der Hand, und sprach mir mit seiner alten, vertrauten Stimme sanft zu. Verzeihen Sie mir, mein lieber Watson, sagte er, dass ich Ihnen so plötzlich erscheine. Ich ahnte nicht, wie sehr es Sie erschüttern würde.

Und dann erzählte er mir endlich die ganze Wahrheit über jenen Tag am Wasserfall. Er sei keineswegs mit Moriarty in die Tiefe gestürzt. An der Kante des Abgrunds hätten sie gerungen; doch Holmes beherrschte eine fernöstliche Kunst der Selbstverteidigung, und mit einem geschickten Griff habe er sich aus Moriartys Umklammerung gelöst. So sei Moriarty allein in die donnernde Tiefe gestürzt, während Holmes sich im letzten Augenblick am Rand halten konnte. Und in diesem Augenblick, Watson, sagte Holmes, kam mir ein Gedanke, der mir das Leben rettete und zugleich drei Jahre lang verbarg.

Holmes erklärte: Moriarty sei zwar tot, doch seine gefährlichsten Helfershelfer lebten noch und sannen auf Rache. Hätten sie gewusst, dass Holmes überlebt hatte, so wäre er keine Stunde seines Lebens mehr sicher gewesen. So habe er einen kühnen Entschluss gefasst: die Welt, und auch mich, seinen treuen Freund, in dem Glauben zu lassen, er sei tot. Nur so konnte er den letzten Männern der Bande entkommen. Mühsam und unter Lebensgefahr sei er die Felswand emporgeklettert und entkommen.

Es schmerzte mich tief, Sie zu täuschen, Watson, sagte Holmes leise. Aber es war der einzige Weg, und nur mein Bruder Mycroft wusste die Wahrheit; er versorgte mich mit Geld. Drei Jahre lang, erzählte Holmes, sei er unter falschem Namen durch die Welt gereist. Er habe das ferne Tibet bereist, sei in Persien und in fernen Wüstenstädten gewesen, habe stille Studien getrieben, immer in der Hoffnung, dass eines Tages die letzte Gefahr gebannt sei und er heimkehren könne.

Und nun ist dieser Tag gekommen, sagte er. Der gefährlichste der noch lebenden Männer Moriartys ist hier in London — und er ist es, der den jungen Ronald Adair auf dem Gewissen hat. Sein Name ist Oberst Sebastian Moran, einst ein berühmter Großwildjäger, nun der gefährlichste Mann der Stadt. Heute Nacht, Watson, werden wir ihn fangen. Wollen Sie ein letztes Mal mit mir auf die Jagd gehen, wie in alten Zeiten? Mein Herz war so voll, dass ich kaum sprechen konnte; natürlich sagte ich ja.

Holmes hatte alles fein ersonnen. In unserer alten Wohnung in der Baker Street ließ er im erleuchteten Fenster eine täuschend echte Wachsbüste seiner selbst aufstellen, die im Schatten genau wie er aussah. Die treue Frau Hudson sollte sie von Zeit zu Zeit ein wenig drehen, damit sie lebendig wirke. Wir beide aber schlichen uns in ein leeres, dunkles Haus genau gegenüber, von dem aus man unser altes Fenster im Blick hatte, und warteten reglos in der Finsternis.

Die Stunden vergingen. Dann, tief in der Nacht, hörten wir, wie sich jemand leise ins selbe leere Haus stahl. Eine Gestalt trat ans Fenster, stellte ein sonderbares Gewehr zusammen — eine eigens gefertigte Luftbüchse, die fast lautlos schoss —, zielte hinüber auf die erleuchtete Silhouette in unserem Fenster und gab einen Schuss ab. Im selben Augenblick stürzte sich Holmes auf den Mann. Es gab ein kurzes Ringen im Dunkeln, dann hatten wir ihn überwältigt; Holmes gab das verabredete Pfeifsignal, und der herbeieilende Inspektor Lestrade legte dem Schützen die Handschellen an.

Es war Oberst Sebastian Moran, gestellt, während er glaubte, soeben Sherlock Holmes erschossen zu haben — und in Wahrheit nur eine Wachsfigur getroffen hatte. Dieselbe seltene, fast lautlose Waffe, das wies Holmes nach, hatte auch den jungen Ronald Adair getötet. So war mit einem Schlag der Mörder gefasst und der letzte gefährliche Mann aus Moriartys Schatten unschädlich gemacht. Damit, Watson, sagte Holmes zufrieden, ist das alte Konto endlich beglichen.

Was für eine Nacht das war, und was für ein Glück. Mein Freund, den ich drei Jahre lang betrauert hatte, war zurückgekehrt, lebendig und unverändert, und wir standen wieder Seite an Seite, wie in den alten Tagen. Bald zog Holmes wieder in die Baker Street ein, alles war wie zuvor, und ich, der ich inzwischen einsam geworden war, kehrte gern an seine Seite zurück. Es ist gut, wieder daheim zu sein, Watson, sagte er und blickte sich in den vertrauten Zimmern um. Und es ist gut, den alten Freund wieder neben sich zu wissen.

Mir war das Herz so leicht und so voll, wie es lange nicht gewesen war. So endete die lange, dunkle Zeit des Wartens, und so begann sie aufs Neue, die Reihe gemeinsamer Abenteuer. Der Tod war besiegt, der Freund war heimgekehrt, und alles war wieder, wie es sein sollte. Nun ist es still und friedlich, das Feuer in der Baker Street brennt warm, und ein tiefes Glück liegt über allem.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Sherlock Holmes · Die besten Fälle. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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