Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen der Bibel · 8 Minuten zu lesen

Die Königin von Saba

Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und würziger Winde, das weit im Süden lag, jenseits großer Wüsten und goldbrauner Hügel, regierte eine Königin, deren Ruhm so weit reichte wie der Duft der Gewürze, die ihr Volk anbaute. Man nannte ihr Land Saba, und es war ein Land voll Reichtum und Stille, voll Weihrauch und Myrrhe, voll fließender Gewänder und tiefer, alter Weisheit. Die Königin saß auf ihrem Thron wie eine Figur aus einem alten Traum, und ihre Augen trugen das ruhige Leuchten derer, die viel gesehen und noch mehr gefragt hatten. Sie liebte Fragen mehr als Antworten. Sie liebte das Suchen mehr als das Finden.

Und es geschah in jenen Tagen, dass die Stimmen der Händler und der Reisenden, der Kameltreiber und der Seefahrer, eine Geschichte mitbrachten, die sich wie Wasser durch die Wüste bahnte und überall dort, wo sie hinkam, Staunen hinterließ. Es war die Geschichte eines Königs im fernen Norden, eines Königs namens Salomo, der in der großen Stadt Jerusalem auf einem Berg thronte, und von dem man sagte, er sei weise wie kein Mensch vor ihm. Man sagte, er kenne die Antwort auf jede Frage. Man sagte, seine Worte seien wie Brot für den Hungrigen und wie Wasser für den Durstigen. Die Königin hörte diese Geschichten, und in ihr regte sich etwas Stilles und Waches, wie ein Vogel, der seinen Kopf hebt.

Sie fragte die Händler aus, einen nach dem anderen. Sie fragte die alten Männer in ihrem Hof und die klugen Frauen, die ihr zur Seite standen. Und je mehr sie hörte, desto tiefer wurde das Verlangen in ihr, selbst zu sehen, selbst zu fragen, selbst zu prüfen, ob das, was man erzählte, der Wahrheit entsprach oder ob es nur der Glanz war, den die Ferne den Dingen verleiht. Denn die Königin von Saba war keine Frau, die fremden Worten vertraute, ehe sie sich nicht selbst überzeugt hatte. Sie war eine Frau, die mit eigenen Augen sehen und mit eigener Stimme fragen wollte.

Und so begann sie, ihre Reise zu bereiten. Es war keine kleine Unternehmung. Eine Karawane wurde zusammengestellt, so groß und prächtig, wie es dem Rang einer Königin entsprach: viele Kamele, beladen mit dem Kostbarsten, was ihr Land hervorbrachte. Ballen von feinstem Gewürz, Körbe voll Weihrauch, der schwer und süß duftete, Säcke voller Gold, das in der Sonne glänzte wie geronnenes Licht. Dazu Balsam und Edelsteine und all die Schätze, mit denen man einen großen König ehrt. Die Tiere wurden geführt und die Vorräte gestapelt, und eines Morgens, als die Luft noch kühl war und der Himmel ins Helle überging, setzte sich die Karawane in Bewegung.

Die Reise war lang, und das Land, das sie durchquerten, war weit und schweigsam. Tagsüber brannte die Sonne auf die Rücken der Kamele und auf die Tücher der Reisenden, und der Staub stieg in feinen Wolken auf und legte sich auf alles wie ein hauchfeiner Schleier. Abends aber, wenn das Licht tiefer wurde und die Hitze nachließ, leuchtete der Himmel in Farben, für die es keine Worte gab, und die Sterne traten hervor, eine nach der anderen, bis das ganze Gewölbe brannte. Die Königin saß dann oft allein am Rand des Lagers und sah in den Himmel und dachte nach. Sie dachte über Weisheit nach. Sie dachte darüber nach, was es bedeutet, weise zu sein.

Und sie dachte darüber nach, was sie den König fragen würde. Nach vielen Wochen, als die Landschaft sich verändert hatte und die Hügel grüner und die Luft kühler wurde, sahen sie die Stadt in der Ferne. Jerusalem lag auf seinem Berg wie ein Gedicht, das man sich gemerkt hat, ohne es je gelernt zu haben. Die Mauern leuchteten im Morgenlicht, und der Tempel oben auf der Anhöhe warf seinen Schatten weit ins Land. Die Königin saß hoch auf ihrem Kamel und sah, und sie schwieg, weil Worte in diesem Moment zu klein gewesen wären für das, was sie empfand.

Man hatte in Jerusalem von ihrem Kommen gewusst. Die Boten waren schneller als Kamele, und König Salomo hatte die Ankunft erwartet. Als die Karawane durch die Tore zog, standen die Menschen am Rand der Straße und sahen die fremde Königin an, und sie sahen in ihrem Gesicht eine Würde und eine Ruhe, die sie zum Schweigen brachte. Salomo empfing sie in seinem Hof, der mit Zedern getäfelt war und in dem die Luft nach Harz und Weihrauch roch. Er trat ihr entgegen, und die beiden Herrscher standen sich gegenüber wie zwei große Bäume, die sich im Wind neigen.

Und dann begann die Königin zu fragen. Sie hatte viele Fragen mitgebracht auf ihrem langen Weg, sorgfältig ausgedacht in langen Nächten unter den Sternen, und eine nach der anderen legte sie sie vor den König wie Steine, die man prüfen möchte, ob sie wirklich Gold sind. Sie fragte über Gerechtigkeit und über Weisheit. Sie fragte über das Wesen der Dinge und über die Natur des Lebens. Sie fragte Rätsel, die ihr Volk für unlösbar hielt. Und Salomo antwortete, ruhig und klar, ohne Zögern und ohne Prahlerei, so als würden ihm die Antworten wie Wasser aus einem tiefen Brunnen kommen, immer frisch und immer klar.

Dann führte er sie durch seinen Palast und durch die Hallen des Tempels, der noch nach frischem Holz und geschliffenem Stein duftete, weil seine Vollendung nicht lange zurücklag. Die Königin schritt durch die Räume und sah das feine Handwerk und die Ordnung der Dinge, und sie sah, wie die Menschen am Hof des Königs agierten, mit Würde und ohne Hast. Sie sah, wie er Recht sprach, und sie sah, wie er zuhörte, bevor er redete. Und mit jedem, was sie sah, wurde es stiller in ihr, eine Stille, die sich anfühlte wie die Stille kurz nach dem Regen, wenn die Luft sauber ist und alles neu.

Da blieb sie stehen in einem der großen Höfe, und sie sprach zu dem König. Was man mir erzählt hat in meinem Land, sagte sie, das habe ich nicht geglaubt, als ich es hörte. Ich dachte, es seien Geschichten, aufgebauscht von denen, die weit von hier leben und deshalb allem, was sie nicht kennen, mehr Glanz verleihen als es verdient. Aber nun bin ich hier, und ich habe gesehen, und ich sage dir: die Hälfte ist mir nicht gesagt worden. Ihre Stimme war ruhig, als sie das sagte, und der König hörte zu und neigte leicht den Kopf.

Sie überreichte ihm nun die Geschenke, die sie über so viele Wochen und durch so viele Wüsten getragen hatte. Die Kamele wurden entladen, und was herabkam, war so viel und so kostbar, dass selbst die Männer am Hof des Königs, die Reichtum gewohnt waren, inne hielten und schauten. Gold in solcher Menge, dass es das Licht zurückwarf wie ein kleines Stück Sonne. Gewürze, deren Duft durch den ganzen Hof zog und noch lange danach in den Falten der Kleider blieb. Edelsteine, die leuchteten wie Sterne, die man eingefangen und auf die Erde geholt hatte. Und Salomo empfing alles mit Dankbarkeit und schenkte ihr seinerseits Dinge, die sie sich gewünscht hatte, und mehr noch dazu.

Die Tage, die die Königin in Jerusalem verbrachte, waren Tage voller Gespräche und voller Stille. Manchmal saßen die beiden Herrscher in den Abendstunden in einem Garten, wo Olivenbäume ihre alten Schatten warfen und die Luft nach warmem Stein und feuchter Erde roch, und sie redeten über das, was zählt im Leben und was vergeht. Manchmal schwiegen sie auch einfach nur, und das Schweigen zwischen ihnen war das Schweigen zweier Menschen, die einander verstehen, ohne viele Worte zu brauchen.

Und dann kam der Tag des Abschieds. Die Karawane wurde neu beladen, die Kamele sahen geduldig aus unter ihren Lasten, und die Morgensonne warf lange Schatten über das Pflaster des Hofes. Die Königin wandte sich ein letztes Mal um und sah die Stadt, die auf ihrem Hügel lag wie ein Wort, das man nicht vergisst. Dann saß sie auf und gab das Zeichen zum Aufbruch, und die Karawane setzte sich in Bewegung, langsam und würdevoll, hinaus durch die Tore und hinunter in die weite Ebene. Die Menschen, die am Rand der Straße standen, sahen ihr nach, bis die letzte Gestalt in der Ferne verschwunden war.

Und die Königin ritt südwärts, durch das helle Land und durch die stille Wüste, und in ihr war etwas, das sie mitgenommen hatte und das keine Last war und kein Gewicht: die Ruhe eines Menschen, der gefragt hat und Antwort gefunden hat, der gereist ist und angekommen ist, nicht in einer Stadt, sondern in sich selbst. Und die Abende fanden sie unter denselben Sternen wie auf dem Hinweg, aber sie sah sie nun mit anderen Augen, und das Licht der Sterne schien ihr tiefer und ruhiger als zuvor, als wäre die Welt ein wenig klarer geworden durch die Begegnung zweier Menschen, die beide wussten, dass Weisheit das Kostbarste ist, was man einem anderen schenken kann.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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