Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 7 Minuten zu lesen
Die Karawane und der Geist der Wüste
In den Zeiten der Kalifen, als die Karawanenwege sich wie silberne Fäden durch das Meer des Sandes zogen und die Sterne so tief hingen, dass die Reisenden glaubten, sie könnten sie mit ausgestreckter Hand berühren, da begab es sich eine Geschichte, eine Geschichte von einer Karawane, die sich in der Wüste verirrte, und von dem Geist, der seit Äonen zwischen den Dünen hauste.
Der Mond stand als schmale Sichel über dem Horizont, und das Licht der Öllampen an den Sätteln der Kamele warf tanzende Schatten auf den weichen Sand, als der Kaufmann Tariq ibn Yusuf seine dreißig Kamele und seine fünf Gefährten durch die Stille der Nacht führte. Er kannte diesen Weg, oder glaubte, ihn zu kennen, denn er hatte ihn zwölfmal gemacht, von der Stadt der Gewürze bis zu den Häfen am Großen Meer. Doch in dieser Nacht war etwas anders. Der Wind, der sonst aus dem Norden wehte und den Reisenden wie ein treuer Freund den Weg wies, hatte sich gedreht.
Die Sterne, die Tariq so gut kannte wie die Linien seiner eigenen Hand, schienen an fremde Orte gewandert zu sein, als hätte jemand in der Nacht den Himmel neu geordnet. Sein erfahrenster Gefährte, der alte Massud mit dem weißen Bart, trat neben ihn und sprach leise: O Tariq, ich fürchte, wir haben den Weg verloren. Diese Düne kenne ich nicht, und jene Felsformation dort habe ich noch nie gesehen.
Tariq schwieg und betrachtete den Horizont, der sich unter dem schwachen Mondlicht wie eine schlafende Schlange erstreckte, reglos, rätselhaft, unendlich. Sie lagerten, wo sie standen, denn es war töricht, in der Nacht ohne Orientierung weiterzuziehen. Die Kamele legten sich mit ihrem leisen Knurren in den Sand, und die Männer rollten ihre Decken aus Wolle und Seide aus und suchten Schutz an den Flanken der ruhigen Tiere.
Tariq konnte nicht schlafen. Er saß aufrecht, die Knie ans Kinn gezogen, und lauschte in die Stille der Wüste, eine Stille, die nicht leer war, sondern voll: voll von winzigen Geräuschen, dem Rieseln des Sandes, dem fernen Ruf eines Nachtvogels, dem gleichmäßigen Atem der Schlafenden. Und dann, in jener tiefsten Stunde der Nacht, als selbst die Sterne zu schlafen schienen, hörte er etwas anderes. Es war kein Wind und kein Tier.
Es war ein Klingen, fein wie das Klingen eines Glöckchens aus Bergkristall, das jemand in großer Ferne bewegte. Tariq erhob sich lautlos und folgte dem Klang, ohne zu wissen warum, ohne darüber nachzudenken, so wie man im Traum Dingen folgt, die man im Wachen niemals verfolgen würde. Der Sand unter seinen Füßen war kühl geworden in der Nacht, und er spürte jeden Schritt wie eine Berührung, sanft, aufnehmend, als ob die Wüste ihn kannte. Das Klingen wurde stärker, und vor ihm, hinter einer Düne, die er noch nicht gesehen hatte, erschien ein Licht, kein Feuer, kein Mondschein, sondern ein Leuchten von innen heraus, bläulich und ruhig wie das Innere einer Muschel.
Hinter der Düne stand eine Gestalt. Sie war groß, größer als ein Mensch, und doch hatte sie die Form eines Mannes: einen langen Gewand aus Nichts, aus Mondlicht und Sand gewoben, ein Gesicht, das Tariq nicht beschreiben konnte, außer dass es alt war, uralt, und gleichzeitig so zeitlos wie die Wüste selbst. Die Gestalt wandte sich Tariq zu, und in ihren Augen lag das Licht von tausend Sternen.
Wisse, o Reisender, sprach sie, und ihre Stimme war wie das Flüstern von Sand über Stein, ich bin Zarif, der Hüter dieses Weges. Ich bewohne diese Dünen seit Zeiten, die vor dem ersten Kalifen lagen, und ich kenne jeden Pfad zwischen dem Aufgang und dem Untergang der Sonne. Tariq fiel auf die Knie, denn er verstand, was er vor sich hatte.
O erhabener Zarif, sprach er mit gesenktem Haupt, wir sind Reisende in deiner Wüste, und wir haben den Weg verloren. Nicht aus Unachtsamkeit, sondern weil die Nacht uns täuschte. Sei gnädig und weise uns den Pfad zurück. Der Geist betrachtete ihn lange, eine Stille, die Tariq wie Wasser über sich fühlen konnte, prüfend und kühl. Dann sprach Zarif: Ich habe viele Karawanen gesehen, die durch diese Wüste zogen. Manche kamen mit Gier, manche mit Furcht, manche mit Gleichgültigkeit. Du bist der erste in vielen Jahren, der niederkniete und bat, anstatt zu befehlen oder zu fliehen.
Zarif hob die Hand, und Tariq sah, wie der Sand um ihn herum sich bewegte, nicht aufgewirbelt, nicht aufgewühlt, sondern fließend, formend, als würde eine unsichtbare Hand eine Karte in die Fläche der Wüste zeichnen. Hügel entstand, und Täler, und eine Linie, die sich durch das alles schlängelte wie ein Fluss durch das Gras einer Oase. Dort, sprach Zarif, liegt der Weg. Drei Stunden in Richtung des ersten Morgenlichts, dann eine Biegung nach Süden, wo der schwarze Felsen liegt, den die alten Reisenden den Schlafenden Riesen nannten. Von dort aus führt dich die Straße selbst.
Und mit diesen Worten begann das Leuchten um die Gestalt zu verblassen, wie eine Flamme verblasst, wenn die Nacht endet, langsam, sanft, ohne Abschied. Tariq kehrte zum Lager zurück und legte sich nieder, und diesmal kam der Schlaf wie eine gütige Woge über ihn. Als er am Morgen erwachte, war der Horizont in Rosa und Gold getaucht, und Massud stand bereits mit den Kamelen bereit, die schon ungeduldig schnaubten. Tariq, sprach der Alte, ich weiß nicht wie, aber ich träumte heute Nacht den Weg, klar wie eine Linie auf Papier. Drei Stunden Richtung Osten, dann südwärts zum schwarzen Felsen. Tariq lächelte und sagte nichts, denn manche Geschenke sind am schönsten, wenn man sie schweigend annimmt.
Sie brachen auf, und alles war so, wie der Geist gesagt hatte. Nach drei Stunden tauchte der Schwarze Fels aus dem Sand auf, massig, ruhig, unerschütterlich, als hätte er seit dem Anbeginn der Zeit dort gelegen und auf diese Karawane gewartet. Von dort aus fand sich der Weg wie von selbst, und die Kamele schritten leichter, als hätten sie ausgeruht, obwohl sie doch die ganze Nacht gelagert hatten. Gegen Mittag tauchten die Minarette der Stadt am Horizont auf, und die Männer riefen vor Freude, und die Kamele hoben die Köpfe und rochen das Wasser der Brunnen von weitem.
Tariq ibn Yusuf aber erzählte niemandem von dem, was er in jener Nacht gesehen hatte, nicht in dieser Stadt, nicht in der nächsten, nicht in seinem Haus, als er endlich zurückkehrte. Denn er wusste: Manche Dinge der Wüste gehören der Wüste, und der Geist der Dünen hatte ihn nicht aus Pflicht gerettet, sondern aus einer alten, stillen Güte heraus, die keine Worte brauchte und keinen Zeugen.
Und wenn Tariq in späteren Jahren wieder durch jene Gegend reiste, und er tat es oft, dann hielt er immer inne bei dem schwarzen Fels, legte eine Hand auf den warmen Stein und sprach leise in den Wind: Ich erinnere mich, o Zarif. Ich vergesse nicht. Ob der Geist ihn hörte, weiß niemand zu sagen. Aber der Wind antwortete jedes Mal, sanft, warm, aus der Richtung, aus der in jener Nacht das kristallene Klingen gekommen war, und die Kamele standen still und lauschten, als verstünden sie etwas, das Menschen nur ahnen können.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.