Nach griechischer Überlieferung · 10 Minuten zu lesen
Die Jugend des Herakles
In jenen alten Tagen, als die Götter noch über den Olymp wandelten und die Welt der Menschen noch ganz nah an den Himmel grenzte, wurde in der Stadt Theben ein Kind geboren, das nicht ganz von dieser Welt war. Seine Mutter hieß Alkmene, eine Frau von seltener Schönheit und noch seltenerer Güte, und sein Vater, der mächtigste unter allen Göttern, war Zeus selbst, der wolkenversammelnde Herrscher des Himmels. Das Kind kam zur Welt in einer Nacht, die kürzer gewesen war als alle Nächte zuvor, denn Zeus hatte die Zeit selbst gedehnt, damit dieses Kind nach seinem Willen in die Welt trete. Sie nannten ihn zunächst Alkaios, doch die Welt sollte ihn unter einem anderen Namen kennen.
Hera, die königliche Gemahlin des Zeus, thronte derweil in ihren Hallen auf dem Olymp und wusste, was geschehen war. Ihr Herz war schwer von altem Zorn, und dieser Zorn richtete sich auf das neugeborene Kind, das mit seinem bloßen Dasein an den Verrat ihres Gemahls erinnerte. Sie beschloss, dass dieses Kind nicht in Frieden aufwachsen sollte, und so griff sie ein, noch bevor der Kleine seinen ersten Monat auf Erden erlebt hatte. Sie sandte zwei Schlangen in der Dunkelheit der Nacht, schweigsam wie Schatten, in das Gemach, wo das Kind mit seinem Halbbruder Iphikles schlief.
Die Schlangen glitten über die Schwelle, durch die Stille des Hauses, und in das kleine Zimmer, wo zwei Wiegen nebeneinander standen. Iphikles erwachte und schrie, ein erschrockener, menschlicher Schrei, der die Wächter und die Eltern aufweckte. Doch das andere Kind, der kleine Alkaios, erwachte ebenfalls, und griff zu. Als Alkmene und ihr Gemahl Amphitryon mit Fackeln ins Zimmer stürmten, fanden sie den Kleinen aufrecht in seiner Wiege sitzen, in jeder kleinen Faust eine Schlange haltend, die sich nicht mehr rührte. Das Kind lachte, als halte es ein Spielzeug. Amphitryon ließ sofort den Seher Teiresias rufen, und der blinde Seher, der mehr sah als alle mit Augen Gesegneten, sprach ruhig in die nächtliche Stille.
Dieses Kind, sagte Teiresias, wird Taten vollbringen, von denen die Menschen noch in tausend Jahren sprechen werden. Hege ihn und lass ihn wachsen, denn er ist dazu bestimmt, Großes zu leisten, auch wenn der Weg dorthin beschwerlich sein wird. Amphitryon hörte zu, und noch in dieser Nacht beschlossen er und Alkmene, dem Kind einen neuen Namen zu geben, einen Namen, der Heras Gunst erbitten sollte, auch wenn man wusste, dass diese Gunst wohl nicht zu gewinnen war. Sie nannten ihn Herakles: der, dem Hera Ruhm bringt. Es war ein Name voller stiller Hoffnung.
Herakles wuchs in Theben auf, und von Beginn an war klar, dass er anders war als andere Kinder. Er lernte schnell, was man ihm beibrachte, doch seine Kraft wuchs noch schneller als sein Verstand, und manchmal kam das eine dem anderen in die Quere. Amphitryon selbst lehrte ihn, ein Gespann zu lenken, und zeigte ihm, wie man Pferde behandelt, wie man auf einem Wagen steht und die Zügel hält, wenn das Gelände steinig wird.
Ein alter Krieger namens Kastor lehrte ihn den Umgang mit Lanze und Schild, die Kunst, sich zu bewegen und den Gegner zu lesen. Eurytos, der berühmteste Bogenschütze seiner Zeit, zeigte ihm, wie man den Bogen spannt und den Atem anhält, bevor man loslässt. Und Linos, ein Bruder des Orpheus, übernahm es, ihm Musik und Buchstaben beizubringen, was sich als schwierigeres Unterfangen erweisen sollte.
Linos war ein geduldiger Lehrer, doch Herakles war kein geduldiger Schüler. Er saß lieber draußen im Hof und warf Steine nach Zielen, die er sich selbst ausgedacht hatte, als drinnen über Griffeltafeln zu sitzen. Er übte Griffe mit den Söhnen der Nachbarschaft, die alle irgendwann aufhörten, gegen ihn anzutreten, weil keiner von ihnen je gewann. Wenn Linos ihn ermahnte und schließlich an einem bestimmten Tag zum Stab griff, um den Schüler zur Aufmerksamkeit zu bringen, da geschah etwas, das Herakles selbst erschreckte. Er wandte sich um, und in einem Moment, den er später nicht ganz erklären konnte, traf ihn die Stärke seiner eigenen Hände, und Linos fiel und stand nicht mehr auf.
Es war kein böser Wille gewesen, und Herakles saß lange noch neben ihm, ohne sich zu rühren. Doch das, was geschehen war, ließ sich nicht ungeschehen machen. Es folgte eine Untersuchung, und ein weiser Richter sprach Herakles frei, denn er hatte in der Hitze eines Moments gehandelt und nicht aus bösem Herzen. Doch Amphitryon entschied, dass es für alle besser sei, wenn Herakles fortan außerhalb der Stadtmauern lebe, auf den Weiden und Hügeln, wo seine überschäumende Kraft Raum hatte. So zog der Jüngling hinaus auf die grünen Hänge des Kithairon, des mächtigen Bergzugs, der Theben im Süden überragte, und lebte dort bei Hirten, trieb Herden und lernte, was Natur und Wildnis lehren, wenn man auf sie hört.
Auf dem Kithairon war der Jüngling glücklich, auf seine eigene, stille Art. Er kannte jeden Pfad, jeden Quell, jede Schlucht. Die Hirten schätzten ihn, weil er ohne Klage die härteste Arbeit übernahm und weil sie sich sicher fühlten, wenn er in der Nähe war. Es war auf diesen Hängen, dass er seine erste eigene Tat vollbrachte: Ein Löwe, groß und furchtlos, hatte monatelang die Herden des Kithairon heimgesucht, und niemand hatte ihn stellen können. Herakles zog allein aus, fand die Spur des Tieres, folgte ihr durch Gestrüpp und Felsgeröll, und nach einem langen Ringen kehrte er zurück. Das Fell des Löwen trug er auf den Schultern. Von da an war sein Name in den Dörfern am Fuß des Berges bekannt.
Es war kurz nach dieser Zeit, dass eine Begegnung stattfand, die Herakles für sein ganzes Leben formen sollte. Er saß an einem Wegkreuz in der Abenddämmerung, müde von einem langen Tag, und überlegte, wohin sein Weg ihn führen sollte. Da traten zwei Gestalten auf ihn zu, zwei Frauen von sehr verschiedener Art. Die eine war üppig gekleidet, mit weichen Augen und sanfter Stimme, und sie sprach zu ihm von Ruhe und Vergnügen, von einem Leben ohne Mühe, in dem alle Freuden nah und alle Lasten fern wären.
Komm mit mir, sagte sie, und du wirst nie wieder hungern, nie frieren, nie kämpfen müssen. Die andere Gestalt war schlichter gekleidet, aufrecht und ruhig, und ihre Augen hatten die Klarheit von Quellwasser. Sie sprach von Anstrengung und von dem, was am Ende der Anstrengung wartet, nicht Ruhm um des Ruhmes willen, sondern das Wissen, etwas Echtes getan zu haben. Herakles saß lange still, und die beiden Frauen warteten. Er war jung, und der Gedanke an ein leichtes Leben war nicht ohne Reiz.
Doch er dachte an den Löwen auf dem Kithairon, und an das Gefühl, als er zurückgekehrt war. Er hatte sich damals nicht gefragt, ob es sich gelohnt hatte. Es hatte sich einfach richtig angefühlt. Er erhob sich, nickte der zweiten Frau zu, der, die Tugend und Mühe versprach, und die erste Gestalt verblasste in der Dämmerung wie ein Traum, der sich auflöst, wenn das Licht kommt. Diese Begegnung, die die Menschen später die Wahl des Herakles nannten, war keine leichte Entscheidung gewesen, aber sie war seine eigene.
Herakles kehrte nach Theben zurück, ein junger Mann nun, breit in den Schultern und ruhig im Blick. König Kreon von Theben, der in jener Zeit in Bedrängnis war, denn die Stadt zahlte einen beschämenden Tribut an das benachbarte Orchomenos, empfing ihn freundlich. Herakles bot an, die Angelegenheit zu regeln. Er zog mit einer kleinen Schar thebanischer Männer aus, und nach einem kurzen, entschlossenen Zug war der Tribut beendet. Orchomenos würde ihn nicht mehr fordern. Kreon, dankbar und erleichtert, gab Herakles zur Belohnung seine Tochter Megara zur Frau, und für eine Zeit lebte der Sohn des Zeus ein ruhiges, gewöhnliches Leben in der Stadt seiner Kindheit.
Mit Megara hatte er Kinder, und es gab Jahre, die friedlich verliefen. Herakles baute und pflanzte und lebte so, wie ein Mann lebt, der seinen Platz gefunden hat. Doch Heras Zorn hatte sich in all dieser Zeit nicht gelegt — er hatte sich nur verborgen, wie Glut unter Asche. Dann kam ein Tag, an dem ein Wahnsinn über Herakles kam, nicht aus ihm selbst heraus, sondern von außen gesandt, ein Schleier über den Augen und einen Aufruhr im Geist. Was in jenen dunklen Stunden geschah, endete in einem Verlust, den Herakles nie verwinden würde und der ihm für den Rest seines Lebens als schwere Last auf den Schultern lag. Er verlor, was ihm am teuersten war.
Als der Schleier sich hob und Herakles wieder klar sah, was geschehen war, da wollte er sich von der Welt zurückziehen und nicht mehr zurückblicken. Doch eine Stimme in ihm, oder vielleicht war es die Erinnerung an die Frau am Kreuzweg, die aufrechte, mit den klaren Augen, hielt ihn davon ab, den Weg nach innen zu gehen und dort zu verharren. Er wandte sich dem Einzigen zu, was ihm geblieben war: dem Wunsch, seinen Schmerz durch Taten abzutragen, durch etwas Echtes, das in der Welt blieb, wenn er selbst vergangen war.
Er reiste nach Delphi, wo die Pythia auf ihrem Dreifuß saß und die Worte des Gottes Apoll aus dem Erdinnern aufnahm und sie weitersprach. Der Tempel lag im Morgennebel, die Felsen des Parnassos ragten steil dahinter auf, und das heilige Schweigen lastete auf allem wie warme Luft. Herakles trat ein und kniete nieder, und die Pythia sprach, mit einer Stimme, die nicht ganz ihre eigene war.
Geh nach Tiryns, sagte sie, und diene König Eurystheus zwölf Jahre lang. Vollbringe, was er dir aufträgt. Am Ende des Weges wartet das, wonach du nicht zu fragen wagst. Herakles verließ Delphi in der Stille des frühen Morgens, das Licht noch dünn und golden über den Bergen. Er war kein Kind mehr und kein leichtfüßiger Jüngling — er war ein Mann, der verloren und gewählt und verloren und dennoch nicht aufgehört hatte, vorwärtszugehen.
Der Weg nach Tiryns lag vor ihm, und was dort wartete, zwölf Aufgaben, die größer und schwerer waren als alles, was die Welt je einem Menschen zugemutet hatte — das ahnte er vielleicht, als er so dastand, mit dem Fell des Kithairon-Löwen auf den Schultern und dem Bogen auf dem Rücken. Die Olivenhaine schimmerten im Morgenlicht, und irgendwo in den Hügeln riefen die Zikaden. Herakles setzte einen Fuß vor den anderen und ging. Vor ihm lag ein langer Weg, der längste, den je ein Sterblicher gegangen ist, und er ging ihn, wie man alle großen Wege geht: einen Schritt nach dem anderen, in der Stille des frühen Lichts.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.