Andreas’ Nacht

Nach griechischer Überlieferung · 7 Minuten zu lesen

Die Inseln der Seligen – das Elysium

In jenen alten Tagen, als die Götter noch über den Olymp wandelten und die Welt ihre ersten großen Kreise zog, wussten die Menschen um einen Ort, von dem kein Sterblicher leichten Herzens sprechen konnte. Er lag jenseits des Ozeans, weit im Westen, dort wo die Sonne sich dem Meer nähert und alles in Gold taucht, bevor sie verschwindet. Die Griechen nannten ihn Elysion, die Gefilde der Seligen, und manche nannten ihn auch die Inseln, auf denen keine Trauer wohnt.

Doch bevor wir von jenem Ort erzählen können, müssen wir einen Augenblick innehalten und an das denken, was dem Elysium vorausgeht. Wer in den alten Tagen starb, dessen Seele löste sich vom Körper wie ein Hauch und stieg hinab in das Reich des Hades, des stillen Gottes, der niemals lacht. Hermes, der Botenläufer mit den geflügelten Sandalen, geleitete die Seelen auf ihrem letzten Weg, sanft und ohne Zögern, denn darin kannte er keine Ausnahme. Die Seele betrat das Schattenland und stand vor den Richtern.

Drei waren es, die über das gelebte Leben befanden: Minos, Rhadamanthys und Aiakos, drei Könige, die einst auf Erden mit Weisheit und Gerechtigkeit geherrscht hatten. Sie saßen in jenem Ort zwischen den Wegen, wo sich die Pfade des Jenseits teilten, und jede Seele trat vor sie hin. Nicht Worte entschieden, nicht Reichtum, nicht der Stand, den jemand in der Welt der Lebenden innegehabt hatte. Was zählte, war das gelebte Leben selbst, die Taten, die Redlichkeit, die Art, wie einer mit anderen Menschen umgegangen war.

Wer ein gewöhnliches Leben geführt hatte, weder großes Unrecht noch große Tugend, dessen Seele wanderte auf die Asphodeloswiesen. Das waren weite, stille Ebenen, in denen die Seelen wie Schatten umherzogen, ohne Freude, aber auch ohne Schmerz, ein Dasein wie ein sehr langer, ruhiger Traum. Die Asphodelosblumen wuchsen dort dicht und blass, und die Zeit hatte keine Bedeutung mehr. Doch das Elysium war für andere bestimmt: für jene, die Herausragendes getan hatten, die mit aufrichtigem Herzen gelebt, die Tapferkeit und Güte in einem langen Leben vereint hatten.

Das Elysium selbst war ein Ort von stiller, vollkommener Schönheit. Die Seelen, die dort ankamen, fanden Wiesen, auf denen das Gras in einem Licht leuchtete, das nicht von der Sonne stammte und doch wärmer war als jede Mittagsstunde in Hellas. Winde zogen sanft darüber hin, immer kühl und immer mild, und die Bäume trugen Früchte in allen Jahreszeiten zugleich. Kein Durst, kein Hunger, keine Erschöpfung kannte dieser Ort, und was die Griechen für das Schönste hielten: Es gab dort die Gesellschaft der Gleichgesinnten, der anderen Seelen, die ebenso gelebt hatten.

Manche der Alten sprachen davon, dass die Seligen im Elysium nicht untätig waren. Sie übten sich in den Dingen, die ihnen im Leben am liebsten gewesen waren, die einen in Wettkämpfen, die anderen in Musik, wieder andere saßen zusammen und führten Gespräche, wie man sie auf der Erde nur selten findet, wenn Stille und Vertrauen zusammentreffen. Die Zeit wurde dort nicht gezählt, denn sie lastete nicht. Das war das eigentliche Wunder des Ortes: dass die Stunden kein Gewicht hatten. Tief im Elysium aber, noch weiter im Westen und von einem besonderen Frieden umgeben, lagen die Inseln der Seligen selbst.

Kronos, der alte Titanenkönig, der einst die Welt regiert und seine eigenen Kinder verschluckt hatte, und der dann, überwältigt von Zeus und den Göttern, in das Tartaros verbannt worden war, selbst er hatte schließlich Vergebung empfangen. Die Götter, die er einst unterdrückt hatte, hatten ihn nach langer Zeit aus dem Tartaros befreit und ihm diese Inseln zur Herrschaft gegeben, damit er in Würde über die Seeligsten der Seligen herrsche. So vollendete sich auch sein Schicksal nicht in Dunkel, sondern in einem späten, stillen Frieden.

Auf den Inseln der Seligen wohnten jene, die dreimal auf Erden gelebt und dreimal ein gerechtes Leben geführt hatten. Die Griechen glaubten nämlich, dass manche Seelen den Weg der Wiedergeburt wählten, dass sie aus dem Elysium zurückkehrten in die Welt der Lebenden, noch einmal und noch einmal, um erneut zu lernen, zu handeln, zu lieben. Wer diesen Kreis dreimal vollendete, ohne sich von der Tugend abzuwenden, der erreichte am Ende jenen innersten Ort, der über alle Beschreibung hinausging. Selbst die Dichter, die sonst für alles Worte fanden, hielten hier inne.

Dort lebten Heroen, deren Namen die Menschen noch Jahrhunderte später mit Ehrfurcht aussprachen. Achilleus war darunter, der schnellfüßige, der vor Troja gefallen war und den Hades zunächst wie jeden anderen empfangen hatte, doch seine Seele war schließlich auf die Inseln der Seligen gelangt, und manche sagten, er herrsche dort über die anderen Heroen mit einem Frieden, den er im Leben niemals gefunden hatte. Auch Peleus, sein Vater, wohnte dort, und die alten Sänger erzählten, dass Vater und Sohn einander endlich wieder begegnet waren, nach allem, was zwischen Göttern und Menschen geschehen war.

Dreimal Gesegneter, so nannten die Dichter jene, die die Inseln der Seligen erreichten. Es war keine Auszeichnung, die man sich erkaufen oder erdienen konnte durch Ruhm allein, denn auch mancher Held, der mit lautem Namen durch die Welt gezogen war, gelangte nur auf die Asphodeloswiesen. Was die Richter wogen, war etwas Stilles: die Art, wie einer mit dem Schwachen umgegangen war, ob er Versprechen gehalten hatte, ob er die Götter nicht aus Angst, sondern aus echter Ehrerbietung verehrt hatte.

Es gab eine Geschichte, die besonders oft erzählt wurde, wenn die Menschen abends zusammensaßen und über das Jenseits sprachen. Orpheus, der Sänger, hatte einst den Weg in den Hades gewagt, um Eurydike, die er liebte, zurückzuholen. Seine Leier hatte selbst die steinernen Wände des Totenreiches zum Klingen gebracht, und Hades hatte ihm erlaubt, Eurydike mitzunehmen, unter einer einzigen Bedingung, die Orpheus nicht zu erfüllen vermochte. Er hatte sich umgedreht, und Eurydike war zurückgeglitten in den Schatten. Doch das war nicht das Ende ihrer Geschichte.

Denn Eurydike war eine Seele voller Güte gewesen, und die Richter hatten ihr Leben gewogen und befunden, dass es gut gewesen war. Sie ruhte im Elysium, und als Orpheus selbst am Ende seiner Tage starb, zerrissen von den Mänaden in Thrakien, getreu seiner Trauer und seiner Kunst, da fanden die beiden einander wieder, jenseits der Grenze, in den stillen Gefilden, wo die Zeit kein Gewicht mehr hatte. So war das Elysium in den Vorstellungen der alten Griechen kein Ort, den man fürchten musste.

Es war ein Versprechen. Nicht das Versprechen, dass das Leben leicht sein würde oder dass die Götter gnädig sein würden zu jedem, denn die Mythen lehrten das Gegenteil. Aber es war das Versprechen, dass das, was ein Mensch wirklich war, nicht verloren ging. Dass das stille Gute, das einer im Verborgenen getan hatte, gewogen wurde. Dass die langen Wiesen im Westen warteten, dort wo der Ozean das Ende der Welt berührt und das Licht golden bleibt, lange nachdem die Sonne versunken ist.

Die Zikaden verstummten in dieser Stunde, in der die Nacht sich über Hellas legte. Das Meer lag still, und irgendwo im Westen, jenseits aller Horizonte, leuchteten die Inseln der Seligen in einem Licht, das keine Wolke verdunkeln konnte. Wer morgen erwacht, wird wieder Teil der Welt der Lebenden sein, mit allem, was das bedeutet, den Aufgaben, den Begegnungen, den kleinen und großen Entscheidungen des Tages.

Aber für diese Nacht mag die Seele ruhen, leicht und unbeschwert, im Wissen, dass die alten Geschichten von einem Ende erzählten, das sanft ist. Und vielleicht, wenn der Schlaf sich legt wie ein ruhiger Atem über das Dunkel, ist es diesem Ort nicht ganz unähnlich, diesem stillen Land im Westen, wo keine Stunde lastet und die Seelen wohnen in Frieden. Der Olymp in der Abenddämmerung.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Griechische Mythologie · Götter, Helden und die Odyssee.

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