Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 11 Minuten zu lesen
Die Insel der glückseligen Träume
In jener Nacht, als der Mond wie eine silberne Scheibe über dem stillen Hafen von Basra stand und das Wasser sanft gegen die Kaimauern schlug, begab es sich, dass ein junger Seemann namens Tariq auf einem aufgerollten Tau saß und in die Ferne schaute. Die anderen Matrosen schliefen bereits in ihren Hängematten, erschöpft von der langen Fahrt, aber Tariq konnte nicht schlafen, denn in seinem Herzen lebte ein Traum, den er nicht benennen konnte, eine Sehnsucht nach etwas, das er noch nie gesehen hatte und doch zu kennen glaubte.
Er hatte von alten Seeleuten Geschichten gehört, in Teehäusern am Basar, beim Schein flackernder Öllampen, Geschichten von einer Insel, die kein Kompass je gefunden hatte, die kein Kapitän zweimal anlaufen konnte, einer Insel, auf der die Träume der Schlafenden Form und Gestalt annahmen wie Paläste aus getriebenem Silber. Sein Schiff, die Stern des Meeres, war ein breites Handelsfahrzeug, beladen mit Gewürzen und Seide aus Persien, und es sollte am nächsten Morgen in Richtung Aden auslaufen. Der Kapitän, ein bärtiger Mann namens Abu Mansur, hatte Tariq oft gesagt:
Träume gehören in die Nacht, Junge, bei Tag muss ein Seemann auf den Wind achten. Doch in dieser besonderen Nacht schien der Wind selbst zu träumen, so still lag er, und die Laternen an den Masten der anderen Schiffe spiegelten sich im Wasser wie Sterne in einem zweiten Himmel. Tariq schloss die Augen und lauschte dem Atem des Meeres, bis er nicht mehr sagen konnte, wo das Wasser endete und der Schlaf begann. Und da, in jenem Zwischenreich zwischen Wachen und Träumen, hörte er es: einen Ton, so fein wie eine einzige Lautensaite, die im Wind schwingt, einen Klang, der aus keiner Richtung kam und aus allen zugleich.
Er öffnete die Augen und sah, dass sich der Hafen verändert hatte, die anderen Schiffe waren verschwunden, der Kai war leer, und das Wasser um sein Schiff leuchtete in einem sanften Blaugrün, als ob der Mond seinen ganzen Schein in die Tiefe geschüttet hätte. Die Stern des Meeres hob sich leise, wie von unsichtbaren Händen gewiegt, und begann zu gleiten, nicht durch irgendwelchen Wind, sondern durch eine Strömung, die sanft und unaufhaltsam war wie die Zeit selbst. Tariq stand auf und ergriff das Steuer, aber er lenkte nicht, das Schiff wusste, wohin es wollte.
Die Küste von Basra verschwand hinter ihm im Dunst, und vor ihm öffnete sich das offene Meer, weiter und stiller als er es je gesehen hatte. Keine Welle erhob sich über die Knöchel, keine Brise raunte in den Segeln, und doch fühlte Tariq, wie sein Haar zurückgestrichen wurde von einer Bewegung, die er nicht spürte, aber ahnte. Über ihm drehten sich die Sterne langsamer als gewöhnlich, als hielten auch sie inne, um zu sehen, wohin diese Reise führte.
Nach einer Zeit, einer Stunde oder einer Nacht, er wusste es nicht, tauchte am Horizont eine Linie auf, grün und golden zugleich, wie ein Edelstein, der auf der Oberfläche des Wassers ruht. Je näher das Schiff kam, desto deutlicher wurden die Umrisse: Bäume, deren Kronen so breit waren wie die Kuppeln großer Moscheen, Blüten, die im Mondlicht leuchteten wie kleine Fackeln, Klippen aus einem Gestein, das nicht weiß und nicht rosa war, sondern beides zugleich, je nachdem, aus welchem Winkel man es betrachtete. Und über alledem lag ein Duft, Jasmin und etwas Süßeres noch, etwas, das Tariq an seine Kindheit erinnerte, an den Garten seiner Mutter in der Dämmerung, an das Gefühl von Sicherheit, das man vergisst und doch nie ganz verliert.
Das Schiff glitt in eine kleine, vollkommen ruhige Bucht, und Tariq warf den Anker aus, obwohl das Wasser hier so klar war, dass er den Grund sehen konnte, weißen Sand, auf dem sich leuchtende Muscheln in Mustern angeordnet hatten, als hätte eine geduldige Hand sie dorthin gelegt. Er bestieg ein kleines Beiboot und ruderte ans Ufer, und als seine Füße den Sand berührten, geschah etwas Sonderbares: Er spürte, wie die Erschöpfung von seinen Schultern glitt wie ein zu schweres Gewand, das man ablegt. Nicht nur die Müdigkeit der Nacht, auch eine tiefere Schwere, die er so lange getragen hatte, dass er gar nicht mehr gewusst hatte, dass sie da war.
Am Strand wartete eine Gestalt, eine Frau in einem Gewand aus dem Blau tiefer Meeresströmungen, ihr Haar mit Perlen durchflochten, ihr Gesicht ruhig und freundlich wie der Vollmond. Willkommen, o Tariq, Sohn des Meeres, sprach sie, und ihre Stimme war so, wie Wasser klingt, wenn es über runde Steine fließt. Ich bin die Hüterin dieser Insel. Hier wohnen keine Menschen und keine Geister, hier wohnen nur die Träume, die noch keinen Träumenden gefunden haben. Tariq verneigte sich tief und sprach: O weise Herrin, was bedeutet das, Träume, die noch keinen Träumenden gefunden haben? Und sie lächelte, als hätte sie diese Frage erwartet.
Wisse, o Seemann, antwortete die Hüterin, dass jeder Traum, bevor er geträumt wird, irgendwo wartet. Wie ein Vogel in seinem Nest, wie eine Blüte vor dem Aufgehen — er ist schon ganz, er fehlt nur noch dem Menschen, dem er gehört. Diese Insel ist der Ort, an dem die Träume der Geduldigen ruhen, der Träume, die zu kostbar waren, um verschwendet zu werden, die auf jemanden warten, der wirklich bereit ist, sie zu empfangen. Sie wandte sich um und winkte Tariq, ihr zu folgen, durch einen Pfad, der zwischen blühenden Sträuchern hindurchführte, an Brunnen vorbei, aus denen stilles Wasser aufstieg, an kleinen Pavillons aus weißem Stein, in denen die Luft selbst zu schimmern schien.
Und dann öffnete sich der Pfad, und Tariq stand auf einer weiten, sanft abfallenden Wiese, die im Mondlicht so leuchtete, als wäre sie aus grünem Licht gewebt statt aus Gras. Über die Wiese verteilt ruhten Gestalten, keine Menschen, aber menschenähnlich, geformt aus Licht und Duft und jenem besonderen Stoff, aus dem die Nacht ihre tiefsten Stunden macht. Einige schimmerten golden wie der Schein einer Lampe in einem warmen Zimmer. Andere leuchteten in einem tiefen Blau, das an den Himmel kurz vor dem Morgengrauen erinnerte. Und manche waren so still und silbern, dass Tariq sie kaum von den Mondlichtteppichen unterscheiden konnte, die über das Gras geworfen wurden. Das sind Träume, sagte die Hüterin leise.
Und einer von ihnen wartet auf dich. Tariq trat langsam über die Wiese, und während er zwischen den ruhenden Gestalten hindurchging, spürte er, wie jede von ihnen eine andere Wärme ausstrahlte, dieser hier roch nach frischem Brot und dem Lachen von Kindern, jener dort strahlte eine Kühle aus wie ein Brunnen im Hochsommer, ein dritter summte so leise, dass es eher eine Erinnerung an Musik war als Musik selbst.
Tariq wusste nicht, wie er wählen sollte, und er wusste, dass er nicht wählen musste, er wartete, bis eines dieser Wesen die Augen öffnete und ihn ansah. Es war eine kleine, ruhige Gestalt am Rand der Wiese, dort, wo die Blüten am dichtesten standen. Ihr Schein war weder gold noch blau — er hatte die Farbe des Himmels in der ersten Sekunde, nachdem die Sonne untergegangen ist, jenes kurze, vollkommene Licht, das man nie festhalten kann.
Die Gestalt öffnete die Augen — sie waren wie zwei ruhige Teiche, und sprach ohne Mund: Ich habe auf dich gewartet, Tariq. Ich bin der Traum, in dem du weißt, dass alles gut ist. Nicht weil nichts fehlt, sondern weil das Fehlende seinen Platz kennt und wartet. Tariq setzte sich neben diesen Traum ins Gras und spürte, wie eine Wärme ihn umhüllte, langsam und vollständig, wie warmes Wasser, das man in ein kühles Bad gießt. Die Hüterin stand ein wenig abseits und sah zu.
Du darfst hier ruhen, sagte sie zu Tariq, so lange wie du brauchst. Und wenn du wieder ans Meer zurückkehrst, nimmst du diesen Traum mit, nicht als Erinnerung, nicht als Bild, sondern als Gewissheit. Als etwas, das in deiner Brust wohnt und nicht mehr geht. Tariq lehnte sich zurück ins Gras und betrachtete den Mond, der hier größer schien als überall sonst auf der Welt, nicht erschreckend groß, sondern so, wie Dinge groß sind, wenn man ihnen endlich nahe genug gekommen ist, um zu sehen, was sie wirklich sind.
Die Nacht auf der Insel der glückseligen Träume war lang und gleichmäßig, keine Stunde drängte die nächste, keine Aufgabe rief aus der Ferne. Die blühenden Sträucher ließen ihre Düfte in Wellen über die Wiese ziehen, die Brunnen plätscherten in einem Rhythmus, der so natürlich war wie der eigene Herzschlag, und die anderen Traumgestalten ruhten still und leuchteten, jede in ihrer eigenen Farbe, jede einer anderen Seele versprochen. Tariq schloss die Augen, nicht weil er schläfrig war, sondern weil er bemerkte, dass Sehen manchmal weniger ist als Fühlen, und weil er lernte, was diese Insel lehrte: dass das Ruhen selbst eine Kunst ist, so alt und würdig wie jede andere.
Als er die Augen wieder öffnete, war das Mondlicht ein wenig blasser geworden, aber nicht kälter, eher so, als ob es sich in etwas verwandelt hätte, das noch stiller war. Die Hüterin saß nun ebenfalls im Gras, nicht weit von ihm, und ihre Hände lagen ruhig in ihrem Schoß wie zwei schlafende Vögel. In den alten Zeiten, sagte sie leise, kamen die großen Kalifen im Schlaf hierher.
Harun al-Raschid selbst soll in einer seiner schwersten Nächte an diesem Ufer gelegen haben, und am Morgen war er ein anderer, nicht verändert, aber vollständiger, wie ein Gefäß, das endlich voll ist. Tariq fragte: Und er erinnerte sich nicht? Und sie antwortete: Er erinnerte sich an das Gefühl. Das ist das Einzige, was von solchen Nächten bleibt, und das Einzige, was zählt.
Irgendwann, denn auf dieser Insel gibt es kein bestimmtes Wann, begann Tariq zu spüren, dass das Schiff auf ihn wartete. Nicht ungeduldig, aber mit einer freundlichen, stetigen Gewissheit, wie ein treues Tier, das seinen Menschen nicht sucht, weil es weiß, dass er kommt. Er erhob sich langsam, und der Traum neben ihm erhob sich mit ihm, aber er löste sich nicht auf, wie Träume es sonst tun, wenn der Morgen kommt.
Stattdessen wurde er kleiner und kleiner, bis er so klein war wie ein Funken, und dann legte er sich Tariq an die Brust, genau dort, wo die Rippen sich in der Mitte treffen, und Tariq spürte eine Wärme, die er kannte und nicht kannte, eine Wärme wie die erste Sonne nach einem langen Regen. Die Hüterin begleitete ihn bis zum Strand, und das Beiboot lag bereit. Kehre zurück ins Meer, o Seemann, sagte sie, und ihre Stimme war jetzt ein wenig leiser, wie die Welt selbst kurz vor dem Schlaf.
Und wenn du eines Tages wieder so müde bist, dass kein Hafen dir Ruhe schenkt, dann wisse: Diese Insel ist nicht weit. Sie liegt immer genau so weit entfernt, wie du bereit bist zu träumen. Tariq ruderte zurück zur Stern des Meeres, und als er an Bord kletterte, sah er, dass die anderen Matrosen noch schliefen und der Mond noch am Himmel stand, als hätte die Nacht auf ihn gewartet. Er legte sich in seine Hängematte, die vertraute Schaukel des Schiffes unter sich, das Rauschen des Wassers um ihn herum, und schloss die Augen.
Die Wärme an seiner Brust war noch da, klein und beständig wie eine Lampe hinter einer Milchglasscheibe, und er wusste mit der ruhigen Sicherheit derer, die wirklich geschlafen haben, dass er sie am Morgen noch spüren würde, und am übernächsten Morgen, und an allen Morgen danach. Die Sterne über dem Schiff drehten sich langsam in ihrer alten Bahn, das Meer atmete gleichmäßig unter dem Rumpf, und Tariq, Sohn des Meeres, der Seemann mit dem Traum an der Brust, schlief tiefer und ruhiger, als er je zuvor geschlafen hatte.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.