Andreas’ Nacht

Nach Wilhelm Hauff · 7 Minuten zu lesen

Die Höhle von Steenfoll

Hoch im Norden, auf einer einsamen Insel an der schottischen Küste, wo das graue Meer ohne Unterlass gegen die Felsen brandet und der Nebel oft tagelang über dem Wasser liegt, lebten vor langer Zeit zwei Fischer, die seit ihrer Kindheit Freunde waren. Der eine hieß Kaspar Strumpf, ein ruhiger, bedächtiger Mann, zufrieden mit seinem kleinen Häuschen, seinem Boot und dem täglichen Fang. Der andere hieß Wilm Falke, und der war von anderer Art: unruhig, kühn und voller Sehnsucht nach Reichtum und großen Dingen.

Wenn die beiden abends am Feuer saßen und das Meer draußen rauschte, dann sprach Kaspar wohl davon, wie gut es sich lebe in Genügsamkeit, mit einem Dach über dem Kopf und einem warmen Herd. Wilm aber blickte dann hinaus in die Dunkelheit und träumte von Schätzen, von einem Leben ohne Mühsal, von Gold, das alle Sorgen fortspülen würde. Ein armer Fischer zu bleiben mein Leben lang, sagte er oft, das ist mir zu wenig.

Nun ging auf der Insel eine alte Sage um, die sich an einen schaurigen Ort knüpfte: an die Höhle von Steenfoll. Dort, wo die Klippen am steilsten ins Meer abfielen, klaffte ein dunkler Schlund, in den das Wasser mit donnerndem Getöse hineinstürzte und wieder zurückwich. Man erzählte sich, dass vor langer, langer Zeit ein reich beladenes Schiff an dieser Stelle gesunken sei und dass sein Gold noch immer in der Tiefe der Höhle ruhe.

Doch der Schatz, so sagte die Sage, sei nicht ohne Weiteres zu gewinnen. Nur in einer einzigen Nacht, alle fünfzig Jahre, wenn der Sturm am wildesten tobe und die Flut sich auf besondere Weise zurückziehe, hebe sich das Gold aus der Tiefe und liege offen da. Wer es dann zu holen wage, der müsse einem Geist begegnen, der über dem versunkenen Schatz wache, dem Geist des ertrunkenen Schiffers mit dem roten Haar. Viele, hieß es, hätten den Schatz zu heben versucht, und keiner sei je zurückgekehrt.

Wilm Falke nun konnte den Gedanken an dieses Gold nicht mehr loslassen. Und als die Kunde durch die Hütten lief, dass eben jene Nacht wieder bevorstehe, die nur alle fünfzig Jahre kommt, da war sein Entschluss gefasst. Er bestürmte den Freund mit Bitten: Komm mit mir, Kaspar, ein einziges Mal nur. Mit dem Gold von Steenfoll wären wir beide auf immer geborgen. Lass uns das Wagnis gemeinsam bestehen.

Kaspar wehrte lange ab, denn ihm war nicht wohl bei der Sache. Lass das Gold, wo es liegt, Wilm, sagte er. Was die Tiefe behalten will, das soll man nicht ans Licht zwingen. Mir genügt, was ich habe. Doch Wilm ließ nicht nach, er bat und drängte, bis Kaspar endlich, mehr aus Sorge um den Freund als aus eigener Gier, einwilligte, ihn wenigstens zu begleiten und nicht allein in die Gefahr ziehen zu lassen.

So ruderten die beiden in jener Nacht hinaus. Der Himmel war schwer und schwarz, kein Stern war zu sehen, und ein kalter Wind trieb Nebelfetzen über das Wasser. Die Wellen gingen hoch und warfen das kleine Boot, doch Wilm hielt mit kräftigen Schlägen auf die dunkle Höhle zu, deren Rachen sich vor ihnen auftat, und das Donnern der Brandung wurde lauter und lauter, je näher sie kamen.

Als sie in die Höhle einfuhren, verstummte mit einem Mal der Sturm, und eine unheimliche Stille legte sich über alles. Ein fahles, grünliches Licht stieg aus dem Wasser auf und erfüllte die gewölbten Felswände mit gespenstischem Schimmer. Und auf dem Grund der Höhle, durch das klare Wasser hindurch, sahen die beiden es glänzen und blinken — Goldstücke, ungezählte, über den ganzen Boden verstreut, wie ein Feld voller Sterne.

Wilm stieß einen Ruf der Begierde aus und beugte sich weit über den Rand des Bootes. Doch im selben Augenblick teilte sich das grüne Licht, und aus der Tiefe stieg langsam eine Gestalt empor: ein hochgewachsener Mann mit langem, rotem Haar, das ihm nass um die bleichen Schultern hing, und mit Augen, die traurig und kalt zugleich in die Nacht blickten. Es war der Geist des ertrunkenen Schiffers, der über dem Golde wachte.

Mit hohler, ferner Stimme, die wie aus großer Tiefe heraufdrang, sprach der Geist zu ihnen. Wer das Gold von Steenfoll begehrt, sagte er, der bedenke wohl, was er tut. Nimm, wenn dein Herz dich treibt, doch wisse: Nicht jeder, der hier greift, kehrt zurück an das Licht des Tages. Geh in Frieden, solange du es noch kannst.

Kaspar erschauerte und legte dem Freund die Hand auf den Arm. Komm, Wilm, flüsterte er, lass uns umkehren. Dies Gold ist nicht für uns. Doch Wilm hörte nicht mehr. Die Gier hatte sein Herz ganz erfüllt, und das Glänzen des Goldes blendete ihm den Verstand. Mit einem wilden Griff beugte er sich hinab und schöpfte mit beiden Händen nach den Goldstücken in der Tiefe.

Im gleichen Augenblick erhob sich ein dumpfes Grollen in der Höhle, das grüne Licht flammte grell auf, und das Wasser begann zu steigen und zu wirbeln, als erwache das ganze Meer aus tiefem Schlaf. Kaspar warf sich vor, um den Freund zurückzureißen, und rief seinen Namen. Doch eine große Welle hob das Boot empor und schleuderte es gegen die Felswand, und in dem Aufruhr von Wasser und fahlem Licht verlor Kaspar den Freund aus den Augen. Er rief und rief, er streckte die Hände aus in den grünen Schimmer, doch da war nur noch das tosende Wasser, und Wilm Falke war fort, hinabgezogen in die Tiefe, der er sein Herz verschrieben hatte.

Wie Kaspar aus der Höhle wieder ins Freie gelangte, das wusste er später selbst nicht mehr zu sagen. Es war ihm, als trügen ihn fremde Kräfte hinaus, als schöbe die Flut sein zerschlagenes Boot sanft zurück durch den dunklen Schlund, hinaus aufs offene Meer. Als er wieder zu sich kam, lag er erschöpft am Strand seiner Insel, der Morgen graute fahl über dem Wasser, und der Sturm hatte sich gelegt. Von Wilm und von dem Gold aber war keine Spur mehr zu finden.

Lange saß Kaspar still am Ufer und blickte auf das graue, ruhig gewordene Meer hinaus. Eine große Trauer um den verlorenen Freund lag auf ihm, und doch lag in seinem Herzen auch eine stille, ernste Erkenntnis. Er dachte an Wilms unaufhörliche Sehnsucht nach Reichtum, an die Warnung des Geistes, an das blendende Glänzen in der Tiefe, und er begriff, wie wenig all das Gold der Welt wert ist gegen ein ruhiges, zufriedenes Gemüt.

Von jenem Tage an lebte Kaspar Strumpf still und genügsam weiter in seinem kleinen Häuschen am Meer. Er fuhr hinaus, wenn das Wetter es zuließ, fing seine Fische und kehrte abends heim an seinen warmen Herd, und nie wieder verlangte es ihn nach mehr. Wenn die jungen Leute der Insel ihn nach dem Gold von Steenfoll fragten, dann schüttelte er nur den Kopf und sagte leise: Lasst die Tiefe behalten, was ihr gehört. Wer zufrieden ist mit dem Seinen, der ist reicher als alle Schätze der Welt.

So endet die Sage von der Höhle von Steenfoll — eine Geschichte vom Meer und vom Nebel, von der Gier, die ins Verderben führt, und von der stillen Zufriedenheit, die das Leben trägt. Das Meer ist ganz ruhig geworden, der Sturm ist fern, und nur das sanfte, gleichmäßige Rauschen der Wellen klingt durch die Nacht, hin und zurück, hin und zurück, wie ein leiser Atem.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

Zurück zum Anfang

Lieber hören?

Diese Geschichte ist Kapitel in Wilhelm Hauffs Märchen · Das kalte Herz, Kalif Storch und mehr. Der Sprung führt an genau die Stelle.

Noch etwas zu lesen