Nach den Erzählungen der Bibel · 5 Minuten zu lesen
Die Hochzeit zu Kana
Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, lag ein kleines Dorf in den Hügeln Galiläas, das Kana hieß. Es war ein stilles Dorf, umgeben von Weinbergen, deren Reben sich in langen, geduldigen Reihen über die Hänge zogen, und von Olivenhainen, die im Wind wie schlafende Wächter rauschten. Und in jenem Dorf, an einem dieser Tage, die sich für immer ins Herz einschreiben, gab es eine Hochzeit.
Eine Hochzeit in Kana war kein kleines Ereignis. Die Menschen kamen von nah und fern, aus den umliegenden Dörfern und von den Wegen her, die durch das hügelige Land führten. Die Frauen trugen ihre schönsten Gewänder, die Männer kamen mit frohen Gesichtern, und die Kinder liefen zwischen den Beinen der Erwachsenen hindurch und lachten. Es wurde getanzt und gesungen, gegessen und getrunken, und die Luft war erfüllt vom Klang der Flöten und vom Summen der Gespräche.
Unter den Geladenen war auch eine Frau namens Maria, eine Frau von stiller Würde und warmem Blick, die alles um sich herum mit einer Aufmerksamkeit betrachtete, die nicht laut war, aber tief. Mit ihr gekommen waren ihr Sohn und einige seiner Gefährten, Männer, die das Land durchwanderten, Fragen stellten und zuhörten, wo andere schon weitergezogen waren. Ihr Sohn hieß Jesus, und wer ihn ansah, dem wurde ruhiger ums Herz, ohne dass er hätte sagen können, warum.
Die Festtafel war lang, und das Lachen der Gäste stieg auf wie Rauch in die milde Abendluft. Die Amphoren mit Wein standen in einer Reihe am Rand des Hofes, kühle Tonkrüge, die das Licht auf ihrer rauen Oberfläche sammelten. Die Diener eilten hin und her, schenkten nach, trugen Schüsseln und wischten sich den Schweiß von der Stirn. Es war ein schönes Fest, das war nicht zu leugnen. Und doch schlich sich in das Treiben der Diener nach einer Weile eine stille Unruhe.
Maria bemerkte es zuerst. Sie war eine Frau, die solche Dinge bemerkte, das leise Stocken in der Bewegung eines Dieners, das kurze Zögern, wenn jemand nach Wein rief. Sie stand auf, ging ruhig zu einem der Helfer und fragte ihn leise. Der Mann senkte den Blick. Der Wein, so sagte er ihr mit gedämpfter Stimme, der Wein war zu Ende gegangen. Die Krüge waren leer. Und das Fest war noch lange nicht vorbei.
Maria stand einen Moment still. Man konnte sehen, wie sie nachdachte, nicht in Panik, sondern in jener Art von Ruhe, die reife Menschen haben, die schon viel erlebt und getragen hatten. Dann ging sie zu ihrem Sohn, setzte sich neben ihn, und sprach leise, so dass nur er es hören konnte. Sie haben keinen Wein mehr. Das waren ihre Worte, schlicht und klar, wie alles, was sie sagte.
Jesus sah sie an. Es war ein langer, ruhiger Blick, in dem viel lag, was sich nicht in Worte fassen ließ. Er sagte ihr sanft, dass seine Stunde noch nicht da sei, und doch, und doch war es, als läge in diesem Zögern bereits das Ja. Maria stand auf, wandte sich den Dienern zu und sprach zu ihnen mit einer Gewissheit, die keine Frage zuließ. Was er euch sagen wird, sprach sie, das tut.
Die Diener sahen sie an, sahen ihn an, und warteten. Und Jesus stand auf und führte sie zu sechs großen steinernen Wasserkrügen, die dort am Rande des Hofes standen, schwere, alte Krüge, jeder so groß, dass ein Mann beide Arme darum legen musste. Sie waren leer. Jesus bat die Diener, sie mit Wasser zu füllen, bis an den Rand. Die Männer nickten und gingen an die Arbeit. Wieder und wieder trugen sie Wasser, schöpften und gossen, bis alle sechs Krüge voll waren und das klare Wasser im Licht der Abendlampen schimmerte.
Dann sagte Jesus zu den Dienern, sie sollten nun etwas davon nehmen und zum Speisemeister bringen, jenem Mann, der für das Fest zuständig war und über alles die Aufsicht hatte. Die Diener taten, was er gesagt hatte. Sie schöpften, und trugen, und reichten dem Speisemeister den Krug. Der Speisemeister trank. Er trank noch einmal. Dann legte er den Krug nieder und rief den Bräutigam zu sich, ein Staunen auf dem Gesicht, das er nicht verbergen konnte. An jedem anderen Fest, sprach er, und seine Stimme trug die Verwunderung eines Mannes, der nicht weiß, ob er lachen oder schweigen soll, bringt man zuerst den guten Wein, und wenn die Gäste genug getrunken haben, dann den einfacheren.
Aber du hast den guten Wein bis jetzt aufgespart. Er schüttelte den Kopf und lächelte. Und die Diener, die wussten, was sie getan hatten, die das Wasser eingeschenkt und getragen und dem Speisemeister gereicht hatten, die standen still und sahen sich an. In ihren Augen war etwas, das sich nicht leicht benennen ließ. Keine Angst, keine Aufregung, nur eine Stille, wie sie nach einem leisen Donner in der Ferne eintritt, wenn der Himmel sich wieder beruhigt hat. Das Fest ging weiter. Die Flöten klangen, die Stimmen erhoben sich, das Lachen der Gäste stieg in den Sternenhimmel auf. Der Bräutigam saß neben seiner Braut, und ihre Hände lagen ineinander wie zwei ruhige Vögel.
Die Weinberge rund um Kana schliefen im Dunkel, und über ihnen wölbte sich der Himmel Galiläas, tief und weit und voller Licht. Und die Gefährten Jesu, die bei ihm saßen und tranken und die Schönheit des Abends in sich aufnahmen, die trugen von diesem Fest etwas in sich fort, das länger blieb als der Geschmack des Weines, eine stille Gewissheit, die wie Morgenlicht in ihnen weiterleuchtete, ruhig und warm, in den langen Tagen, die noch kommen sollten. Und über Kana, über den Weinbergen und den schlafenden Olivenhainen, stieg die Nacht auf, friedlich und weit, wie sie immer aufsteigt über den kleinen Dingen der Menschen, die sie alle sanft bedeckt und zur Ruhe bringt.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.