Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen der Bibel · 6 Minuten zu lesen

Die Hirten auf dem Feld

Und es geschah in jenen Nächten, wie es viele Nächte zuvor geschehen war und wie es viele Nächte danach geschehen sollte, dass die Hirten draußen auf den Feldern saßen und über ihre Herden wachten. Die Nacht war kalt und klar, wie die Nächte in jenem Land oft sind, wenn der Winter naht und der Himmel sich weitet und dunkel wird bis an die Grenzen der Welt. Die Schafe lagen still im Gras, und ihre Atemwolken stiegen auf wie kleiner Rauch, und die Männer saßen beisammen, die Mäntel eng um die Schultern gezogen, und sprachen wenig oder gar nichts.

Es war die Stille, die man kennt, wenn die Nacht schon weit vorangeschritten ist und die Müdigkeit schwer auf den Augenlidern liegt. Die Männer kannten diese Stunden gut, die Stunden zwischen Mitternacht und Morgengrauen, wenn die Welt am tiefsten schläft und man allein zu sein scheint unter dem großen Himmel. Einer von ihnen nährte die kleine Glut des Feuers mit einem trockenen Zweig, und das Licht flackerte warm und golden auf ihren Gesichtern, während ringsum die Dunkelheit schweigend stand.

Und dann, ohne Warnung, ohne Ankündigung, geschah etwas, das keiner von ihnen je beschreiben konnte, ohne inne zu halten und nach Worten zu suchen. Ein Licht brach über sie herein, so anders als das Feuerlicht, so anders als das Mondlicht, so anders als alles, was Licht sein kann in dieser Welt. Es war, als würde die Nacht selbst aufgehen, als würde ein Vorhang weggenommen und dahinter etwas sichtbar, das immer schon dort gewesen war und nun endlich gesehen werden durfte. Und mitten in diesem Licht stand eine Gestalt, und die Hirten fielen nieder vor Schrecken und Staunen, das Gesicht in das Gras gedrückt.

Fürchtet euch nicht. Diese Worte kamen wie Wasser über sie, wie kühles Wasser in großer Hitze, und die Angst in ihren Herzen begann sich zu lösen, langsam, wie sich Nebel löst, wenn die Sonne aufgeht. Fürchtet euch nicht, denn ich bringe euch eine Botschaft, die Freude trägt, eine große Freude, für euch und für alle Menschen. Die Stimme war ruhig und klar, und jedes Wort fiel wie ein Stein ins stille Wasser, und die Kreise breiteten sich aus, immer weiter.

Heute Nacht ist in der Stadt Davids ein Kind zur Welt gekommen. Die Hirten hoben die Köpfe, langsam, wie Menschen, die etwas Heiliges berühren wollen und doch nicht wagen, zu rasch zu greifen. Und die Gestalt sprach weiter, ruhig und feierlich, und sagte ihnen, wie sie das Kind finden würden, eingewickelt in Tücher und in eine Krippe gebettet. Und dann, da war der Himmel nicht mehr leer.

So viele Lichter, so viele Stimmen, dass die Hirten gar nicht wussten, wohin sie schauen sollten. Der ganze Horizont schien zu singen, und das Singen war nicht wie Menschensingen, es war tiefer und weiter und erfüllte nicht nur die Ohren, sondern auch die Brust und die Hände und die Füße. Und die Worte, die gesungen wurden, waren einfach, so einfach, dass ein Kind sie hätte verstehen können, und doch trugen sie etwas in sich, das schwer zu halten war, wie Licht in den Händen. Ehre in der Höhe, und auf der Erde Frieden unter den Menschen, denen es wohlgefällt. Und dann war es wieder Nacht. Dieselbe Nacht wie zuvor, derselbe Himmel, dieselben Sterne. Aber nichts war mehr dasselbe.

Die Hirten sahen einander an. Die Glut des Feuers knisterte noch. Einer von ihnen, der älteste, ein Mann mit weißem Bart und tiefen Augen, stand als erster auf, und die anderen standen mit ihm. Sie sprachen nicht viel. Was hätte man sagen sollen. Sie ließen die Schafe zurück, so wie man Dinge zurücklässt, wenn etwas Größeres ruft, und sie gingen den Weg hinunter in die Stadt, durch die stillen Gassen, durch die Nacht.

Und sie fanden, was sie finden sollten. Eine junge Frau, die still dasaß und müde war, wie Mütter müde sind nach großer Anstrengung. Einen Mann, der neben ihr kniete und ihr die Hand hielt. Und das Kind, klein und warm und atmend, in einer Krippe aus Holz, auf Stroh gebettet, so wie es ihnen gesagt worden war. Die Hirten traten nahe heran, einer nach dem anderen, leise auf den Füßen wie Menschen, die wissen, dass sie heiligen Boden betreten. Und sie schauten auf das Kind hinunter.

Es war so still in diesem Augenblick. Die Nacht draußen war kalt, aber hier drinnen war Wärme, die Wärme der Tiere und der Menschen und des Atems, und das schwache Lampenlicht fiel sanft auf das Gesicht des Kindes und auf die Gesichter der Männer, die sich herabbeugten und staunten. Die Mutter beobachtete sie, und sie schwieg, und in ihrem Schweigen lag etwas, das noch tiefer war als Freude, ein ruhiges, ernstes Bewahren, als würde sie alle diese Dinge in sich einschreiben, einen nach dem anderen.

Dann gingen die Hirten, und der Weg zurück auf die Felder war derselbe Weg wie immer, aber ihre Schritte waren anders. Sie redeten miteinander, leise zuerst, dann lauter, und ihre Stimmen trugen das Staunen in sich wie ein Gefäß das Wasser trägt. Sie erzählten es, wem sie begegneten, den Schlafenden, die sie weckten, den Wachenden, die ihnen zuhörten. Was ihnen gesagt worden war über das Kind, das erzählten sie weiter, und die Menschen, die es hörten, wunderten sich.

Aber dann kehrten sie zurück zu ihren Herden, zu den Schafen, die geduldig gewartet hatten, zu dem kleinen Feuer, das noch schwach glühte. Die Sterne standen noch immer über ihnen, dieselben Sterne wie vor Stunden, und die Nacht war tief und ruhig. Und die Hirten priesen das, was sie gesehen und gehört hatten, mit Worten, die sie kaum fassen konnten, und mit einem Staunen, das nicht aufhören wollte. So verging jene Nacht. Und die Welt schlief, und über den Feldern lag Frieden, und das Kind in der Krippe atmete ruhig und gleichmäßig, und die Sterne hielten Wacht bis zum Morgen.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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