Nach griechischer Überlieferung · 11 Minuten zu lesen
Die Heimkehr nach Ithaka
In jenen alten Tagen, als das Meer noch Göttergedanken trug und jede Welle eine Botschaft sein konnte, lag ein Mann in einem tiefen, dunklen Schlaf auf dem Deck eines phäakischen Schiffes. Es war Odysseus, der listenreiche, der Sohn des Laertes, und er schlief so fest, als hätte der Schlaf selbst ihn endlich in seine Arme genommen. Die Phäaken hatten ihn gut bewirtet, ihm Gastgeschenke gegeben und ein Schiff bereitgestellt, das schneller fuhr als jeder andere Kiel, der je das Wasser berührt hatte. Nun glitt dieses Schiff durch die Nacht, und die Ruder tauchten lautlos ein, und das weinrote Meer öffnete sich sanft vor dem Bug.
Unter den Sternen des Mittelmeeres war Ithaka noch weit, und doch fühlte es sich nah an, so nah wie ein Atemzug. Zwanzig Jahre waren vergangen seit Odysseus seine Heimat verlassen hatte, zehn Jahre lang hatte er vor den Mauern Trojas gekämpft, zehn weitere Jahre hatte er auf dem Meer geirrt, getrieben von dem Zorn des Poseidon, des Erderschütterers, der ihm nicht vergab. Nun aber schlief er, und das Schiff trug ihn. Und das war, in jener Stunde, genug.
Hoch oben, in den goldenen Hallen des Olymp, blickte die eulenäugige Athene auf das kleine Schiff hinab. Sie hatte Odysseus stets mit ihrer Gunst begleitet, klug und beharrlich wie er selbst, und jetzt lächelte sie, denn der Augenblick war gekommen, auf den sie so lange gewartet hatte. Die Wolken um den Götterberg ruhten still, und der Morgen war noch weit, als das phäakische Schiff in eine ruhige Bucht glitt, die Odysseus kannte, oder einmal gekannt hatte, in einem anderen Leben, das er fast vergessen hatte.
Die Männer der Phäaken trugen ihn behutsam an Land. Sie legten ihn auf dem weichen Gras unter einem Olivenbaum ab, und neben ihm stellten sie seine Gastgeschenke: Gewänder, Bronze und Gold, alles ordentlich geschichtet. Dann kehrten sie zu ihrem Schiff zurück, ohne ein Wort, denn die Phäaken verstanden sich auf das Schweigen der Nacht. Das Schiff verschwand im Morgendunkel, und Odysseus lag allein auf dem Boden seiner Heimat, ohne es zu wissen. Als er erwachte, erkannte er den Ort nicht.
Athene hatte die Luft um ihn verändert, hatte einen Schleier über die vertrauten Formen gelegt, über die Hügel, die Bucht, die Felsen, denn sie wollte, dass niemand seinen Augen traute, bevor die Zeit reif war. Odysseus richtete sich auf und blickte sich um, und sein Herz zog sich zusammen, denn er glaubte sich abermals verschlagen auf einer fremden Küste. Er berührte die Erde mit beiden Händen, als wollte er sie prüfen, und dann klagte er leise in sich hinein, wie ein Mann klagt, der das Glück zu kennen glaubt und es doch immer wieder verliert.
Da trat ein junger Hirt den Pfad herab, ein schlanker Mann in einer einfachen Tunika, und dieser Hirt war niemand anderes als Athene selbst, die Göttin der Weisheit, die die Gestalt angenommen hatte, um mit ihm zu sprechen. Odysseus fragte ihn nach dem Land, und der Hirt antwortete ruhig, fast belustigt: Du stehst auf Ithaka, Fremdling. Jeder Seefahrer kennt diesen Namen. Da zog Odysseus die Brauen zusammen, und eine Welle von Gefühlen lief durch ihn hindurch, Staunen, Misstrauen, und dann, ganz langsam, Hoffnung. Doch er war der listenreiche Odysseus, und er erfand sofort eine Geschichte, sprach von sich als einem Fremden aus Kreta, als einem, der nichts von Ithaka wisse.
Athene hörte ihm zu und lächelte wieder, jenes Lächeln, das kein sterbliches Gesicht ganz fassen kann. Dann ließ sie die Hirtengestalt fallen wie einen alten Mantel, und sie stand vor ihm als sie selbst: groß, mit den stillen Augen der Eule, in einem Licht, das nicht von der Sonne kam. Immer der Gleiche, sagte sie, immer Geschichten. Du wärst nicht du, wenn du anders wärst.
Sie nannte ihn bei seinem wahren Namen, und Odysseus erkannte sie, und er kniete nicht, aber er neigte den Kopf, denn so war es zwischen ihnen. Sie verwandelten ihn dann: Sie ließ ihn alt aussehen, ließ seine Haut faltig werden und seinen Rücken sich krümmen, legte ihm zerlumpte Kleider um. So würde niemand in Ithaka den König erkennen, der heimgekehrt war.
Sie sprach mit ihm vom Zustand seines Hauses, dass Freier sich dort eingenistet hatten, dreist und laut, die seit Jahren von seinem Gut zehrten und um seine Frau Penelope warben, als ob Odysseus tot wäre. Sie sprach davon ruhig und sachlich, wie man von einem Sturm spricht, der zu bewältigen ist. Dann sandte sie ihn den Weg zum Saustall des treuen Eumäos, seines alten Schweinehirten, der ihm Unterkunft geben würde. Odysseus machte sich auf den Weg, und die Göttin verschwand im Licht des frühen Morgens.
Eumäos war ein guter Mann, kernig und herzlich, der Art, die das Leben formt, wenn es jemanden durch viel Mühsal trägt und doch nicht bricht. Er empfing den Bettler, denn als solchen sah er Odysseus, ohne Fragen, setzte ihm Brot und Fleisch vor und einen Becher Wein, und sprach von seinem fernen Herrn Odysseus mit einer Treue, die kein Wort aufgewogen hätte. Odysseus saß ihm gegenüber, das Gesicht von Athenes Zauber verändert, und hörte einem Mann zu, der ihn liebte, ohne ihn zu erkennen. Er sagte nichts, aber er trank langsam und dachte nach.
In dieser Zeit war auch Telemachos unterwegs gewesen, der Sohn des Odysseus, ein junger Mann, der aufgebrochen war, seinen Vater zu suchen. Athene hatte auch ihn geleitet, ihn nach Sparta gebracht und zurück, und nun landete er ebenfalls auf Ithaka, vorsichtig, denn die Freier hatten ihm nach dem Leben getrachtet. Er kam zum Saustall des Eumäos, und Vater und Sohn standen sich zum ersten Mal in zwanzig Jahren gegenüber, ohne dass Telemachos ahnte, wer der Alte vor ihm war. Sie sprachen.
Dann gab Athene das Zeichen. Odysseus trat einen Schritt zur Seite, in den Schatten zwischen den Bäumen, und in diesem Schatten berührte Athene ihn wieder und nahm den Zauber zurück. Er richtete sich auf, die Jahre fielen von ihm ab, er stand so, wie er wirklich war: nicht jung mehr, aber stark, mit den Schultern eines Mannes, der zwanzig Jahre lang getragen hatte, was kein anderer hätte tragen können. Telemachos starrte ihn an, und in seinen Augen war Entsetzen, denn er glaubte an einen Gott.
Ich bin kein Gott, sagte Odysseus ruhig, ich bin dein Vater. Der Augenblick, der dann folgte, war kein Augenblick für Worte. Telemachos weinte, und Odysseus weinte, und Eumäos, der draußen bei seinen Tieren war, verstand nicht, was drinnen geschah. Sie hielten sich fest, Vater und Sohn, lange, und draußen rauschten die Olivenbäume im Wind, und die Zikaden sangen, und das Meer lag unten, ruhig und blau, als hätte es nie einen Sturm gegeben. Dann fassten sie einen Plan, leise und bedächtig, denn Odysseus war immer noch der listenreiche.
Er kehrte in seine Bettlergestalt zurück, und Telemachos ging voraus nach Hause, in den Palast, der ihm wie ein fremder Ort geworden war. Odysseus folgte am nächsten Morgen, langsam den Weg durch die Hügel hinunter, an den Olivenhainen vorbei, durch den Staub der Sommerpfade. Er sah die Bucht unter sich, sah die weißen Mauern seines Hauses, sah die Zypressen, die er selbst als junger Mann gepflanzt hatte. Er ging den Weg als Fremder, aber seine Füße kannten jeden Stein.
Am Tor des Palastes lag ein alter Hund im Staub. Er war mager und die Augen trüb, und niemand achtete mehr auf ihn. Es war Argos, den Odysseus selbst großgezogen hatte, bevor er nach Troja gesegelt war. Zwanzig Jahre hatte dieser Hund gewartet. Jetzt hob er den Kopf, und trotz des Zaubers, trotz der fremden Kleider, trotz allem erkannte er seinen Herrn, und wedelte einmal, schwach, mit dem Schwanz. Odysseus sah ihn und musste geradeaus schauen und weitergehen, denn er durfte sich nicht verraten.
Noch an diesem Abend schloss Argos die Augen und schlief ein, für immer. Er hatte getan, was er getan hatte, und mehr war ihm nicht beschieden gewesen. Drinnen im Palast saß Penelope, die kluge, die treue, die seit zwanzig Jahren gewartet hatte, ohne den Faden der Hoffnung fallen zu lassen. Sie hatte gewebt und aufgetrennt, hatte die Freier hingehalten mit Geschick und Würde, hatte jeden Tag ihr Gesicht gegen alles geschlossen, was kein Odysseus war.
Sie ließ den Bettler zu sich kommen, denn sie pflegte Fremde zu befragen, ob sie etwas von ihrem Mann gehört hätten. Odysseus saß vor ihr, die Frau seines Lebens, nach zwanzig Jahren, und erzählte ihr Geschichten von Kreta, und doch mischte er Wahrheit darunter, gab ihr Zeichen, die sie nicht ganz deuten konnte, und Penelope weinte, weil etwas in ihr vibrierte wie eine Saite, die man nicht benennen kann.
Sie verkündete an jenem Abend einen Wettbewerb: Wer den großen Bogen des Odysseus spannen und einen Pfeil durch zwölf aufgereihte Äxte schießen könne, der solle sie zur Frau bekommen. Die Freier versuchten es nacheinander und scheiterten, denn der Bogen war steif von den Jahren und wollte keine fremde Hand. Dann bat der Bettler, es auch versuchen zu dürfen. Die Freier spotteten, aber Penelope bestand darauf. Odysseus nahm den Bogen, und in dem Augenblick, als seine Hände das alte Holz berührten, wich aller Zweifel von ihm. Er spannte ihn, mühelos, wie ein Mann, der einen alten Freund wiedererkennt, und schoss.
Was dann folgte, war der Abend, an dem Ithaka sich veränderte. Die Freier wurden besiegt, so wie es kommen musste, in einem Kampf, der groß und entschieden war, Odysseus an der Seite seines Sohnes und treuer Männer, Athene als stilles Licht über allem, bis der Palast wieder dem gehörte, dem er immer gehört hatte. Davon weiß das nächste Kapitel zu erzählen. Dann stand Odysseus vor Penelope. Der Zauber war gefallen, er war er selbst, und sie saß ihm gegenüber und schaute ihn an. Sie war vorsichtig, sie, die Kluge, denn zwanzig Jahre lehren eine Frau, nicht jedem Anblick zu trauen.
Sie prüfte ihn, sprach von dem Bett, das ein Fremder wohl aus dem Zimmer getragen habe, und Odysseus fuhr auf, denn er wusste, dass dieses Bett unbeweglich war, aus einem lebenden Ölbaumstamm gefügt, den er selbst in den Boden des Hauses eingebaut hatte, als Fundament und Geheimnis zugleich. Niemand kann dieses Bett bewegen, sagte er, wenn er nicht den Baum selbst aus der Erde reißt. Da wusste Penelope, dass es er war. Da weinte sie nicht mehr, sondern trat zu ihm hin. Die Nacht über Ithaka war still. Die Zikaden sangen ihr altes Lied in den Olivenhainen, und das Meer lag ruhig in der Bucht, und der Mond warf sein Licht auf die weißen Mauern des Hauses.
Drinnen saßen Odysseus und Penelope und sprachen, lange, leise, durch die ganze Nacht, denn zwanzig Jahre sind viele Geschichten, und Athene, die Gütige, hielt die rosenfingrige Morgenröte zurück, damit ihnen die Zeit nicht entglitt, bevor sie fertig gesprochen hatten. So saßen sie, und der Wind strich durch die Blätter, und das Haus ruhte um sie her, als hätte es auf diesen Abend gewartet, all die Jahre.
Odysseus war heimgekehrt. Nicht als Held mit Fanfaren, nicht strahlend und unversehrt, sondern langsam, Schritt für Schritt, durch Lug und Gestalt und Geduld, so wie er immer gegangen war, der listenreiche, der vielgeprüfte. Und das Meer draußen vor der Bucht lag so still, dass man hätte meinen können, Poseidon selbst habe endlich den Atem angehalten und losgelassen, was er so lange festgehalten hatte. Selene und Endymion.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.