Frei nach Hans Christian Andersens Den store Søslange · 4 Minuten zu lesen
Die große Seeschlange
Es war einmal ein kleiner Seefisch aus guter Familie; an die achtzehnhundert Geschwister hatte er, alle im selben Alter, und es ging ihnen gut: Sie hatten Wasser zum Trinken genug, das ganze Weltmeer, und die Nahrung kam von selbst vorbei. Jeder Tag war wie der andere, und das war angenehm — bis zu dem Tag, an dem es von oben dunkel wurde und etwas Ungeheures aus der Höhe herabsank: ein Ding ohne Anfang und Ende, lang wie eine Reise, das sich langsam auf den Meeresgrund legte und liegen blieb.
Man schwamm in dieser Familie in Formation, weil es sich so gehörte, man fraß, was vorbeikam, und wich aus, was einen fressen wollte — das Weitere regelte das Meer. Der kleine Seefisch, von dem hier die Rede ist, galt als Grübler, weil er manchmal aus der Formation hing und nach oben sah, wo das Licht herkam. Was soll da oben sein, sagten die Geschwister, oben ist Wasser, und über dem Wasser ist Schluss. Eben, sagte der kleine Seefisch, aber was für ein Schluss? Darauf wussten achtzehnhundert Geschwister keine Antwort, und so etwas prägt.
Da kam Bewegung in das ganze Meer. Die achtzehnhundert Geschwister stoben nach achtzehnhundert Richtungen auseinander, der Delphin schlug Rad, der Seehund tauchte zur Nachbarbank, um es als Erster zu erzählen, und die Frage lief schneller durchs Wasser als jeder Hering: Was ist das? Der kleine Seefisch fasste sich ein Herz und beschloss, es herauszufinden. Er schwamm an dem Ding entlang, tagelang, und es nahm kein Ende; es lag über Bergen und durch Täler des Meeresgrunds, wie eine endlose dünne Schlange, und rührte sich nicht.
Unterwegs sammelte er die Meinungen der Gelehrten ein. Der Schwertfisch hatte hineingehauen und sich nur die Nase verstimmt. Der Hai sagte, es sei ungenießbar, und was ungenießbar sei, sei bedeutungslos. Der alte Walfisch blies eine Fontäne und erklärte, es sei vermutlich ein sehr langer Verwandter von ihm, der sich nur ausruhe. Und ein alter Aal meinte gekränkt, wenn hier jemand Schlange sei, dann ja wohl er, aber gegen dieses Ding wolle er nichts gesagt haben. Nur was es wirklich war, wusste keiner.
Auch die Tintenschnecke wurde befragt, die als belesen galt, weil sie die Tinte gleich mitbrachte. Sie erklärte, das Ding sei zweifellos eine Grenze; irgendwer habe das Meer in zwei Hälften geteilt, vermutlich aus Ordnungsliebe, und man werde künftig Pässe brauchen. Daraufhin schwammen einige ängstliche Heringe wochenlang nur noch auf ihrer Seite. Ein alter Krebs wiederum behauptete, es handle sich um einen sehr langen Speisezettel, und wer ihn ganz ablaufe, wisse am Ende, was es überall zu essen gebe. Das leuchtete vielen ein, denn es war die schönste der Erklärungen. So ist es unter Wasser wie über Wasser: Geglaubt wird am liebsten, was schmeckt.
Der kleine Seefisch ließ sich von alledem nicht beirren und setzte seine Erkundung fort, und unterwegs stieß er auf seine achtzehnhundert Geschwister wieder, die inzwischen ihrerseits unterwegs waren, denn die Neugier hatte gesiegt, wie sie im Meer immer siegt. Nun schwammen sie alle miteinander an dem langen Ding entlang, eine silberne Wolke über einem schwarzen Strich, und es war das erste Familienunternehmen ihrer Geschichte. Man rief einander Beobachtungen zu, man stritt in Schwarmstärke, man fand gemeinsam nichts heraus — aber gemeinsam nichts herausfinden, das weiß jede große Familie, ist immer noch das Schönste, was man zusammen tun kann.
Zuletzt versammelten sich die Klügsten des Meeres um die weise alte Meerkuh, die schon alles gesehen hatte, was das Meer hergibt, und einiges darüber hinaus. Regt euch ab, sagte sie gemütlich. Das Ding ist von den Menschen. Es ist eine von ihren Erfindungen, und es tut nichts, es liegt nur da. Die Menschen haben es von einem Ufer der Welt zum anderen gelegt, und was sie damit wollen, weiß ich nicht — aber ich weiß, dass man daneben wohnen kann. Das beruhigte die Gemüter, und das Meer ging wieder seinen Geschäften nach.
Das Ding aber war das große Kabel, das die Menschen über den Grund des Weltmeers gelegt hatten, von Land zu Land, und durch dieses dünne Ding liefen von nun an ihre Worte und Gedanken unter dem ganzen Ozean hindurch, schneller als der schnellste Fisch, von einem Erdteil zum anderen. Die große Seeschlange unserer Zeit, so nannten es die Menschen selbst, und sie hatten recht: Es war die längste Schlange der Welt, und sie trug keinen Giftzahn, sondern Nachrichten, gute und schlechte, Geburtstagsgrüße und Kaufmannszahlen. Der kleine Seefisch schwamm noch oft an ihr entlang und erzählte den Jungen, was die Meerkuh gesagt hatte. Und unten in der stillen Tiefe summte das Kabel ganz leise vor sich hin — lauter Menschenworte auf der Durchreise, und kein Fisch hat je eines verstanden.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.