Frei nach Hans Christian Andersens Den lykkelige Familie · 6 Minuten zu lesen
Die glückliche Familie
Das größte grüne Blatt, das hierzulande wächst, ist das Klettenblatt. Hält man es vor den Leib, ist es eine ganze Schürze, und legt man es bei Regen auf den Kopf, ist es beinahe ein Regendach. Bei einem alten Herrenhof nun gab es einen ganzen Wald von solchen Kletten, hoch und dicht, und niemand mähte ihn je — denn er war gepflanzt worden für die großen weißen Schnecken, die darin wohnten.
Wer je an einem Regentag unter einem Klettenblatt gesessen hat — und die Schnecken taten nie etwas anderes —, der weiß, wie es dort klingt: Das Blatt ist ein grünes Dach, und jeder Tropfen schlägt seinen eigenen runden Ton darauf, dunkel die großen, hell die kleinen, und darunter bleibt man vollkommen trocken und hört dem Wetter zu wie einem Konzert, das nur für einen selbst gegeben wird. Dazwischen zogen die silbernen Straßen der Schnecken durchs Grün, hierhin und dorthin, ohne Eile und ohne Ziel, denn wer es schön hat, muss nirgends ankommen. Hinter dem Klettenwald schlief das alte Herrenhaus mit geschlossenen Läden, und das war auch gut so: Herrschaften stören nur.
In den vornehmen alten Zeiten, so hieß es, hatte man diese Schnecken auf dem Herrenhof hoch in Ehren gehalten und die besten von ihnen auf silbernen Schüsseln aufgetragen. Jetzt lebten in dem Wald nur noch zwei von dem alten Geschlecht: ein uraltes Schneckenpaar, würdevoll und langsam, und die beiden wussten genau, dass der ganze Wald allein ihretwegen dastand.
Vom Glanz der alten Zeiten erzählte das Schneckenpaar einander an langen Nachmittagen, und die Geschichten wurden mit jedem Erzählen ein wenig herrlicher. Damals, hieß es, seien die Besten des Geschlechts ins Herrenhaus getragen worden, in Sänften aus Rhabarberblättern gewissermaßen, und man habe sie auf Silber gebettet und ihnen Kränzlein aus Petersilie gewunden. Was danach kam, wusste keine Überlieferung mehr so genau, und die beiden Alten waren stillschweigend übereingekommen, dass es etwas sehr Ehrenvolles gewesen sein müsse, eine Art Erhebung in den Adelsstand, von der man nicht zurückkehrt, weil es einem dort zu gut geht. So kann man die Dinge auch sehen, und die Kletten rauschten dazu und widersprachen nicht.
Eigene Kinder hatten sie nie gehabt, aber sie hatten ein kleines, ganz gewöhnliches Schneckchen angenommen und zogen es auf wie ihr eigenes. Es wollte nicht recht wachsen, denn es war eben von schlichter Art — aber die Alte meinte, es gedeihe doch ganz vortrefflich, man müsse ihm nur Zeit lassen. Und sie klopfte ihm zärtlich ans Häuschen und sagte, ein gutes Haus sei die Hauptsache im Leben, und ein gutes Haus habe es.
Das kleine Schneckchen bekam eine Erziehung, wie sie gründlicher nicht sein konnte. Eile dich nie, lehrte der Alte, wer eilt, ist schon so gut wie kein Schneck mehr. Bleib auf dem Blatt, lehrte die Alte, die Welt ist der Klettenwald, und was dahinter liegt, geht uns nichts an, denn es ist ja nicht der Klettenwald. Und das Wichtigste, sagten beide: Trag dein Haus in Ehren. Man kann im Leben alles verlieren, nur das Haus nicht, das wächst mit, und darum ist unsereins nirgends in der Fremde. Das Schneckchen hörte zu, wie Kinder zuhören, halb, aber das Richtige blieb hängen.
Wenn es regnete, war das Glück am größten. Hörst du, wie es auf den Blättern trommelt, sagte der Schneckenvater, rum, dum, dum, rum, dum, dum. Das ist ein Wetter, ganz für uns gemacht, sagte die Schneckenmutter, die Blätter tropfen gleich so schön nach. Und sie zogen sich tief in ihre Häuser zurück und lauschten dem Regen, und der Regen trommelte den ganzen Nachmittag, und es war ein sehr guter Nachmittag.
Einmal, es muss im dritten oder vierten Sommer gewesen sein, kam sogar ein Mensch in den Klettenwald: ein Gelehrter aus der Stadt mit einer grünen Botanisiertrommel, der sich vor Freude über die riesigen Blätter gar nicht fassen konnte und in ein kleines Buch schrieb, so schnell die Feder lief. Die Schnecken beobachteten ihn von ihren Blättern aus mit größter Ruhe. Er notiert uns, sagte der Alte anerkennend, man kennt uns also auch draußen. Dass der Mann nur die Kletten notierte, konnte er ja nicht wissen, und es hätte ihn auch nicht angefochten. Wer überzeugt ist, der Wald sei seinetwegen da, den kränkt so leicht keine Fußnote.
Als das junge Schneckchen herangewachsen war, wollten die Alten es verheiraten, wie es sich für das letzte große Geschlecht gehört. Sie schickten die Mücken als Boten aus, und die Mücken wussten Bescheid: Hundert Menschenschritte weiter, an einem Stachelbeerstrauch, säße ein kleines Schneckenfräulein mit eigenem Haus, gerade im rechten Alter. Die Braut machte sich auf den Weg und brauchte acht volle Tage bis zum Klettenwald — aber gerade daran, sagte die Schneckenmutter, erkenne man die rechte Art: Eile hat nur, wer nicht weiß, wohin er gehört.
Vor der Hochzeit wurde der Wald festlich gemacht, so festlich, wie Schnecken es verstehen: Die Alten krochen die Hauptwege zweimal ab, damit sie ordentlich glänzten, der Tau wurde in den größten Blattmulden gesammelt, das war der Festtrunk, und die Johanniswürmchen hatten zugesagt, in der Dämmerung auf den untersten Blättern Aufstellung zu nehmen, was einer Illumination gleichkam. Es regnete zur Feier des Tages sogar ein wenig — rum, dum, dum auf allen Blättern —, und die Schneckenmutter weinte vor Rührung, wie es sich bei Hochzeiten gehört, und sagte immer wieder, so ein Fest habe der Wald nicht gesehen, seit sie selbst hier eingeheiratet habe. Und da mag sie recht gehabt haben.
Dann wurde Hochzeit gehalten, still und festlich; die Johanniswürmchen leuchteten wie versprochen von den untersten Blättern, und die alten Schnecken übergaben dem jungen Paar den ganzen Wald und sagten, was sie immer gesagt hatten: dass es der beste Ort der Welt sei.
Dann zogen sich die beiden Alten in ihre Häuser zurück und kamen nicht wieder heraus; sie schliefen. Das junge Paar aber regierte den Klettenwald und bekam eine große Nachkommenschaft. Und da sie niemals gekocht wurden und niemals auf die silberne Schüssel kamen, schlossen sie daraus, dass der Wald wohl noch lange stehen würde und dass sie sehr glücklich waren. Der Regen trommelte auf die Klettenblätter, ihnen zur Freude, und die Sonne schien, dem Wald zuliebe — und so waren sie glücklich, und die ganze Familie war es.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.