Andreas’ Nacht

Frei nach Hans Christian Andersens Klokken · 7 Minuten zu lesen

Die Glocke

In den engen Straßen der großen Stadt, am Abend, wenn die Sonne unterging und die Wolken zwischen den Schornsteinen wie Gold glänzten, hörte bald der eine, bald der andere einen seltsamen Ton: wie von einer Kirchenglocke, tief und feierlich — aber nur für einen Augenblick, dann rollten die Wagen wieder, und die Stimmen der Gassen deckten ihn zu. Draußen vor den Toren, wo die Häuser weiter auseinanderstanden und die Gärten größer wurden, war der Klang deutlicher zu hören. Die Glocke läutet im Wald, sagten die Leute, und sahen zu den Bäumen hinüber, und es wurde ihnen feierlich zumute.

Jeder hörte den Klang ein wenig anders, das war das Merkwürdige. Der Schuster meinte, er komme aus dem Osten, der Bäcker schwor auf den Westen, und die Kinder, die abends auf den Dächern saßen, weil man von dort die Sonne länger sieht, sagten: Er kommt nicht aus einer Richtung, er kommt aus allen. Sonntags, wenn die Stadt stiller war, hörte man ihn am deutlichsten, und manche Leute nannten ihn darum den Sonntagsklang und meinten, wer ihn höre, dem sei der Tag geraten. Nur woher er kam, konnte niemand sagen, und das ließ vielen keine Ruhe.

Viele gingen hinaus, sie zu suchen. Sie fanden den Wald und die Abendsonne und den Duft des Laubes — aber eine Glocke fanden sie nicht. Manche sagten, es sei nur eine Eule, die in einem hohlen Baum rufe, und einer schrieb sogar eine gelehrte Abhandlung darüber, die viel gelesen wurde. Die Glocke aber läutete weiter, an jedem stillen Abend, tief im Wald, und wer sie hörte, dachte an Dinge, für die es keine Worte gibt.

Nun kam ein Frühlingssonntag, an dem die Kinder der Stadt konfirmiert wurden. Es war ein feierlicher Tag; die Orgel klang lange nach, die Sonne schien, und als die Kinder aus der Kirche traten, hörten sie alle zugleich, klar wie nie, den tiefen Ton aus dem Wald. Da beschlossen sie, noch in ihren Festkleidern, die Glocke endlich zu finden — alle bis auf drei: Eines musste heim, sein Ballkleid anprobieren, das zweite hatte sein Festgewand nur geliehen, und das dritte durfte nicht. Die anderen aber wanderten los, und die Sonne wanderte mit.

Es war ein ganzer fröhlicher Zug in Festkleidern, und der Wald nahm sie freundlich auf: Es roch nach Maiengrün, die Buchenblätter waren noch so neu, dass sie durchschienen wie grünes Glas, und über den Wipfeln riefen die Kuckucke. Die ersten Schritte gingen sich leicht, und alle waren sich einig, dass man die Glocke heute finden würde. Aber Wälder sind lang, und Festkleider sind empfindlich, und schon nach einer Weile blieb der Erste zurück, weil ihm der Weg zu feucht wurde, und ein Zweiter erinnerte sich an dringende Dinge daheim, und beide sagten: Die Glocke, nun ja — sie läutet ja morgen auch noch. So beginnt jedes Suchen: mit vielen. Und so geht es weiter: mit wenigen.

Am Waldrand stand eine kleine Hütte, in der ein Zuckerbäcker seine Waren aufgebaut hatte, und da war es hübsch und roch nach Mandeln, und viele blieben dort und meinten, weiter gebe es ohnehin nichts; das Läuten sei nur der Wind in den Wipfeln. Ein paar gingen tiefer hinein, und der Wald nahm sie auf: Moos unter den Schuhen, Anemonen am Weg, Vogelruf über den Kronen. Aber der Wald wurde dichter und der Weg beschwerlicher, und einer nach dem anderen kehrte um, bis zuletzt nur noch der Sohn des Königs weiterging. Denn er hatte gesagt: Und wenn es bis ans Ende der Welt geht — ich will die Glocke sehen.

Der Königssohn ging, bis der Weg aufhörte und der Wald selbst die Führung übernahm. Hier wuchsen wilde Äpfel und Schlehen, das Licht fiel in schrägen Säulen zwischen den Stämmen herab, und in den Säulen tanzten die Mücken wie Goldstaub. Es wurde stiller und stiller, aber es war keine leere Stille — es war die Art Stille, in der man das eigene Herz gehen hört, und mittendrin, immer wieder, tief und fern: die Glocke. Sie wurde nicht lauter, je weiter er ging. Sie wurde näher. Das ist nicht dasselbe, und der Königssohn spürte den Unterschied, ohne ihn erklären zu können.

Auf der anderen Seite des Waldes aber ging noch einer: der arme Junge in den Holzschuhen, der gleich nach der Kirche heimgelaufen war, die geliehene Jacke zurückzugeben, und der nun allein hinterherkam, in seinen eigenen, zu kurzen Ärmeln. Der Königssohn wandte sich rechts, der arme Junge links, und der Wald lag groß und still zwischen ihnen. Dornen rissen an den Kleidern, Bäche mussten überschritten werden, und der Abend legte sich schräg und golden durch die Stämme. Aber keiner von beiden kehrte um, und die Glocke klang vor ihnen her, immer eine Wegbiegung weiter.

Der arme Junge hatte den schwereren Weg erwischt, durch Brombeergestrüpp und über moorige Stellen, und seine Holzschuhe wurden ihm bald zu schwer; da band er sie zusammen, hängte sie über die Schulter und ging barfuß weiter, wie er den Sommer über ohnehin ging. Die Dornen rissen an seiner zu kurzen Jacke, aber er sang leise vor sich hin, ein Lied aus der Kirche von heute Morgen, und es half gegen die Kratzer, wie Singen eben hilft. Und die Glocke klang auch für ihn, keinen Deut leiser als für den Königssohn — Glocken kennen keine Stände, das ist das Königliche an ihnen.

Und dann, als die Sonne den Rand der Welt berührte, trat der Königssohn aus den letzten Bäumen und stand auf hohen Felsen über dem Meer. Da lag es, weit und leuchtend, und der Himmel darüber stand in Gold und Rot, und das Ganze war eine einzige große, heilige Kirche: das Meer der Boden, der Himmel das Gewölbe, und die sinkende Sonne der glühende Altar. Und im selben Augenblick trat von der anderen Seite, zwischen den Felsen hervor, der arme Junge in den Holzschuhen. Er war auf seinem eigenen Weg gekommen, und er war zur selben Stunde am selben Ziel.

Da standen sie nun, hoch über der Brandung, und die große Kirche schlug ihre Gewölbe über ihnen auf: Das Meer sang mit tausend Stimmen sein tiefes Immergleiches, das wie Orgelgrund unter allem liegt, die Möwen zogen ihre weißen Bögen wie Chorknaben durchs Gestühl, und am Rand des Himmels wurden, eine nach der anderen, die ersten Sterne angezündet. Und je dunkler es wurde, desto deutlicher hörten die beiden, dass das Läuten nicht aufgehört hatte. Es kam nicht vom Wald mehr und nicht vom Wasser: Es kam von überall, und es kam von innen, und es war jetzt gar nicht mehr fern. Man muss nur weit genug gehen, dann ist die Glocke da, wo man selber ist.

Da liefen die beiden einander entgegen und reichten sich die Hände, der Königssohn und der arme Junge, mitten in der großen Kirche der Natur, und keiner sagte ein Wort, denn es war keines nötig. Über ihnen aber, unsichtbar und überall, klang die heilige Glocke — ruhig, tief und ohne Ende, wie das Atmen der Welt. Und der Abend wurde dunkler und weicher, und das Meer schlug leise unten an die Felsen, und die beiden standen still nebeneinander und hörten zu.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Andersen Märchen, Teil zwei · Die vergessenen 65 Geschichten. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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