Nach den Erzählungen der Bibel · 6 Minuten zu lesen
Die Gesetzestafeln am Berg
Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, zog ein Volk durch die Wüste. Es war ein weiter Weg, den sie gegangen waren, und die Füße kannten schon den Sand vieler Tage. Hinter ihnen lag Ägypten mit seinen schweren Erinnerungen, und vor ihnen lag ein Versprechen, das größer war als alles, was das Auge sehen konnte. Sie hatten Hunger gekannt und Durst, und sie hatten erlebt, wie beides auf wundersame Weise gestillt worden war. Nun hatten sie ihr Lager aufgeschlagen am Fuße eines Berges, dessen Gipfel sich in die Wolken hob, und sie warteten.
Der Berg hieß Sinai, und er war anders als alle anderen Berge des Landes. Etwas ruhte auf ihm, still und zugleich gewaltig, wie das Schweigen vor einem großen Gewitter. Das Volk saß in seinen Zelten, die Kinder schliefen an der Schulter ihrer Mütter, die Männer sprachen leise miteinander, und alle spürten sie es: dass dieser Ort besonders war. Dass hier etwas geschehen würde, das nicht in Worte zu fassen ist, und das dennoch für immer in Erinnerung bleiben sollte.
Mose aber stieg auf. Er war ein alter Mann mit breiten Schultern und ruhigen Augen, ein Mann, der viel gesehen hatte und dem das Staunen dennoch nicht vergangen war. Er kannte diesen Berg. Einmal, vor langer Zeit, hatte er hier an einem brennenden Dornbusch gestanden, und die Flammen hatten nicht verzehrt, sondern nur geleuchtet. Nun stieg er wieder hinauf, Schritt für Schritt, und die Steine unter seinen Sandalen waren warm vom Tag. Je höher er stieg, desto stiller wurde die Welt um ihn, und desto weiter lag das Lager des Volkes unter ihm, klein wie ein Traum.
Vierzig Tage und vierzig Nächte blieb Mose auf dem Berg. Das Volk unten wartete, und die Tage zogen langsam dahin wie Wolken über dem Wüstenhimmel. Die Kinder stellten Fragen, die schwer zu beantworten waren: Wann kommt er zurück? Ist er noch da oben? Wird er wiederkommen? Die Älteren blickten zu dem Gipfel hinauf, der manchmal in Wolken gehüllt war, manchmal in einem seltsamen Leuchten, und sie sprachen: Er ist nicht allein dort oben. Er spricht mit dem, dem der Berg gehört.
Was in jenen Nächten auf dem Sinai geschah, hat keine Zunge ganz beschrieben und kein Auge ganz gesehen. Man sagt, die Stille dort oben war eine Stille, die redete, und das Dunkel war ein Dunkel, das hell war. Mose saß oder kniete oder stand, und er hörte zu mit allem, was er war. Und was er hörte, waren keine donnernden Befehle, sondern Worte, die wie Quellwasser waren: klar, kühl und nährend. Worte, die sagten, wie das Leben gelingen kann. Wie Menschen miteinander und mit dem, was größer ist als sie, in Frieden wohnen können.
Und die Worte wurden in Stein gemeißelt. Zwei Tafeln, schwer und flach, und auf ihnen standen Zeichen, tief eingegraben, als hätte das Licht selbst sie geschrieben. Zehn Worte, wie man später sagte. Nicht zehn Lasten. Zehn Wegweiser. Es waren Worte über das, was heilig ist und was es bedeutet, füreinander Sorge zu tragen. Worte, die sagten: Ruhe. Erinnere dich. Ehre die, die dir das Leben gegeben haben. Sprich die Wahrheit, und nimm keinem, was ihm gehört.
Als Mose schließlich von dem Berg herabstieg, die Tafeln in seinen Armen, da war das Lager des Volkes laut und unruhig. Manches war geschehen in seiner Abwesenheit, Dinge, die ihn betrübten, und sein Herz war schwer. Die Tafeln, die er trug, zerbrachen in einem Moment des Schmerzes, und es war, als würde der Kummer eines Augenblicks sichtbar werden in dem Klang des Steins auf dem Boden. Aber Trauer vergeht, und Entschlossenheit bleibt, wenn das Herz weiß, warum es geht.
Mose stieg ein zweites Mal auf den Berg. Wieder vierzig Tage, wieder vierzig Nächte. Wieder die Stille, wieder die Worte. Und wieder die Tafeln, neue Steine, diesmal von ihm selbst gehauen, glatt und bereit. Und dieselben Worte wurden noch einmal eingegraben, tief und klar, als wäre kein einziger Buchstabe vergessen worden. Denn was wahr ist, bleibt wahr. Was hilft, bleibt hilfreich. Was gut ist, muss nicht zweimal erfunden werden.
Als er zum zweiten Mal herabkam, merkten die Menschen, die ihm entgegengingen, etwas Seltsames. Sein Gesicht leuchtete. Nicht wie Feuer, nicht erschreckend, sondern wie das Gesicht eines Menschen, der lang in der Sonne gewesen ist und das Licht in sich getragen hat. Er selbst wusste es nicht. Aber die anderen traten zurück, einen Schritt, in stiller Ehrfurcht. Und dann kamen sie doch näher, langsam, denn das Licht war nicht fremd, es war warm.
Er trug die Tafeln in seinen Armen wie ein Vater ein Kind trägt, sorgfältig und liebevoll. Die Steine glänzten nicht, sie waren schlicht und grau, schwer und geerdet. Und doch fühlten alle, die zusahen, wie etwas Bedeutsames in ihre Mitte gebracht wurde. Nicht eine Last. Ein Geschenk. Worte, die bleiben sollten. Worte, die von einem Berg herabgekommen waren, um bei den Menschen zu wohnen, in ihrer Mitte, für immer.
Eine Lade wurde gebaut, kunstvoll und mit Sorgfalt, aus dem besten Holz, das die Wüste hergab, mit Gold ausgekleidet. In sie legten sie die Tafeln, und die Lade wurde getragen, wohin das Volk auch zog. Immer in der Mitte des Zuges. Immer behütet. Als wäre das, was auf dem Berg geschrieben worden war, ein lebendes Wesen, das Begleitung brauchte und das selbst begleitete.
Die Nächte in der Wüste waren klar und voller Sterne, und wenn das Volk lagerte und die Feuer erloschen, dann ruhte die Lade still in ihrem Zelt, und die Tafeln ruhten darin. Und wer in jenen Nächten wach lag und hinaufschaute in den Himmel, der spürte vielleicht, dass er nicht allein war. Dass die Worte, die auf dem Berg geschrieben worden waren, noch immer redeten, leise und beständig, wie ein Atem, der nie aufhört. Und so zog das Volk weiter, durch den Sand und unter den Sternen, die Tafeln bei sich, die Worte in der Mitte ihres Lebens, ruhig getragen, durch alle Tage und alle Nächte.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.