Andreas’ Nacht

Nach Wilhelm Hauff · 17 Minuten zu lesen

Die Geschichte von Kalif Storch

Es war einmal, vor langer, langer Zeit, in der großen und prachtvollen Stadt Bagdad, wo die Paläste im Licht der Sonne wie goldene Träume leuchteten und der Duft von Gewürzen, von Rosenwasser und reifen Früchten durch die engen Gassen zog. Über den flachen Dächern flimmerte die warme Luft, die Minarette ragten schlank in den blauen Himmel, und von den Märkten her klang das ferne, gedämpfte Summen vieler Stimmen herauf, wie das Rauschen eines sanften Meeres. Dort herrschte ein Kalif, der Chasid hieß und für seine Weisheit und seine Güte weit und breit gerühmt wurde.

Kalif Chasid liebte es, an manchem Morgen auf dem breiten Divan seines Palastes zu sitzen, ein wenig auszuruhen von den Geschäften des Reiches und dem Treiben der Stadt zuzusehen. Er rauchte dann bedächtig aus seiner langen Pfeife, trank hin und wieder einen Schluck Kaffee aus einer kleinen, fein verzierten Tasse und strich sich zufrieden den Bart, wenn ihm etwas besonders gut schmeckte. Es waren stille, friedliche Stunden, und der Kalif schätzte sie sehr.

An einem solchen Morgen nun, als die Sonne noch tief stand und das Licht weich und golden über den Palastgarten fiel, saß Chasid wieder auf seinem Divan. Neben ihm lehnte sein treuer Großwesir Mansor, ein älterer, würdevoller Mann mit einem langen weißen Bart und klugen, freundlichen Augen. Die beiden unterhielten sich leise und beobachteten das ruhige Treiben im Hof, als unten ein Händler vorgelassen wurde, ein Krämer, der allerlei Waren feilbot.

Der Händler verbeugte sich tief und breitete vor dem Kalifen seine Schätze aus — seidene Tücher in vielen Farben, fein gearbeitete Gefäße aus Messing und Silber, Perlenketten und kleine Fläschchen mit duftenden Ölen. Der Kalif betrachtete alles mit Wohlgefallen und kaufte dem Mann manch hübsches Stück ab, teils für sich, teils als Geschenk für den Großwesir.

Schon wollte der Händler seine Sachen wieder einpacken, da fiel dem Kalifen eine kleine schwarze Schatulle ins Auge, die ganz unten im Bündel lag. Er ließ sie sich reichen und öffnete den Deckel. Darin lag ein wenig schwärzliches Pulver, fein wie Asche, und ein kleines, vergilbtes Zettelchen, auf dem seltsame, fremdartige Zeichen standen. Der Kalif konnte sie nicht entziffern, und auch der Großwesir Mansor, der der arabischen und der persischen Schrift wohl kundig war, schüttelte den Kopf, als er die Zeichen sah.

Da ließ der Kalif einen Gelehrten seines Hofes rufen, einen alten, gebeugten Mann, der über vielen Büchern grau geworden war. Dieser betrachtete das Zettelchen lange, hielt es ins Licht, murmelte vor sich hin — und dann erhellten sich seine Züge. Es ist eine alte lateinische Schrift, o Herr, sagte er und übersetzte mit ruhiger, bedächtiger Stimme, was dort geschrieben stand.

Das Pulver in dieser Schatulle, so las der Gelehrte, verleihe demjenigen, der eine Prise davon schnupfe und dabei das Wort Mutabor spreche, die Macht, sich in jedes Tier des Feldes und des Himmels zu verwandeln. Und obendrein verstehe er dann auch die Sprache der Tiere. Wolle er wieder ein Mensch werden, so brauche er sich nur dreimal gen Osten zu verneigen und dasselbe Wort erneut zu sprechen, und sogleich kehre seine wahre Gestalt zurück. Doch hüte sich ein jeder, schloss der Gelehrte und hob warnend den Finger, dass er nicht lache, solange er ein Tier ist. Denn wer in der verwandelten Gestalt auch nur ein einziges Mal lacht, dem entfällt das Zauberwort auf der Stelle, wie weggewischt, und er bleibt für immer ein Tier.

Der Kalif hörte gespannt zu, dankte dem Gelehrten und entließ ihn reich beschenkt. Lange saß Chasid nun da und hielt das kleine schwarze Kästchen in den Händen, drehte es hin und her und betrachtete es nachdenklich. Eine große Neugier erwachte in ihm. Endlich wandte er sich an den Großwesir und sagte mit einem Leuchten in den Augen: Mansor, mein Freund — was meinst du? Sollten wir nicht einmal versuchen, was dieses Pulver vermag?

Der Großwesir strich sich den weißen Bart und überlegte. Es reize ihn wohl, gestand er, einmal die Sprache der Tiere zu verstehen; doch man müsse sehr vorsichtig sein mit dem Lachen. Sie verabredeten, am nächsten Morgen in aller Frühe vor die Tore der Stadt zu gehen, an einen stillen Teich, wo allerlei Getier zu finden war, und dort in Ruhe das Wunder zu erproben.

So zogen die beiden am nächsten Morgen, ehe die Hitze des Tages kam, hinaus vor die Tore Bagdads, in einen weiten, stillen Garten am Ufer eines Flusses, wo hohes Schilf am Wasser wuchs und der Tau noch in den Gräsern glänzte. Schon von weitem sahen sie an einem kleinen Teich zwei Störche stehen — groß und würdevoll, auf ihren langen roten Beinen, die Schnäbel bedächtig gesenkt. Die Vögel schritten gemessen hin und her und nickten einander von Zeit zu Zeit zu, als führten sie ein ernstes, gewichtiges Gespräch.

Der Kalif flüsterte dem Großwesir zu: Jetzt, Mansor, wollen wir hören, was diese edlen Vögel miteinander bereden. Er öffnete die Schatulle, nahm eine Prise des feinen Pulvers, reichte sie dann dem Großwesir, und beide sprachen leise, doch deutlich das Wort: Mutabor.

In demselben Augenblick war es, als ob die ganze Welt um sie her sich verwandelte. Ihre Beine wurden lang und dünn und färbten sich rot, ihre weiten Gewänder wurden zu glatten, grauweißen Federn, ihre Arme zu breiten Flügeln, und wo eben noch ihre Nasen gewesen waren, da wuchsen lange, rote Schnäbel. Die beiden standen nun als zwei stattliche Störche am Rand des Teiches und betrachteten einander voller Staunen. Und sieh — als ein Schwarm Sperlinge zwitschernd vorüberflog, da verstanden sie auf einmal jedes Wort, als wäre es das reinste Arabisch.

Eine Weile standen sie reglos und konnten sich gar nicht satt wundern. Der Kalif betrachtete seine langen roten Beine, hob behutsam einen Flügel und versuchte, ein paar würdevolle Schritte zu tun, wie es einem Kalifen geziemte — wenn auch in Storchengestalt. Dann erinnerten sie sich an ihren eigentlichen Plan und wandten sich den beiden Störchen am Teich zu, um zu lauschen.

Die beiden Störche waren ein altes Storchenweibchen und seine Tochter, ein junges, etwas einfältiges Fräulein Storch. Die Mutter mahnte die Tochter, sich fein und anmutig zu halten, denn am Abend werde ein vornehmer Freier zu Besuch kommen, ein junger Storch aus gutem Hause, und da müsse sie zeigen, dass sie zu tanzen verstehe.

Folgsam begann das junge Fräulein Storch sogleich zu üben. Es hob ein langes Bein, dann das andere, schwenkte die Flügel, neigte den Hals nach links und nach rechts und versuchte, sich zierlich im Kreise zu drehen. Doch so sehr es sich auch mühte, es geriet ihm gar zu ungeschickt: Es stolperte über die eigenen Füße, knickte ein, schlug hilflos mit den Flügeln und wäre beinahe kopfüber in den Teich gefallen.

Der Kalif und der Großwesir sahen einander an — und es zuckte ihnen das Lachen durch den ganzen Leib. Sie bissen die Schnäbel zusammen, sie wandten die Köpfe ab, sie bezwangen sich mit aller Macht. Doch als das junge Fräulein Storch ein zweites Mal zu tanzen anhob, sich noch unbeholfener verhedderte und dabei einen so überaus verdutzten, feierlichen Blick aufsetzte, da war es um die beiden geschehen. Erst prustete der Großwesir los, und gleich darauf brach auch der Kalif in lautes, schallendes Storchengelächter aus.

Im selben Augenblick verstummte alles. Das Lachen blieb ihnen im Halse stecken, die Welt schien für einen Herzschlag den Atem anzuhalten. Erschrocken sahen sich die beiden an. Schnell, Mansor, rief der Kalif, ehe man uns belacht — das Wort, sprich das Wort! Es heißt — es heißt — Doch er stockte. Das Wort war fort. Wie fortgetragen vom Wind. Und auch Mansor, so angestrengt er auch sann, fand es nicht mehr.

Sie verneigten sich gen Osten, einmal, zweimal, dreimal, sie murmelten alles, was nur entfernt nach dem Zauberwort klang — Mutibor, Mudabor, Mutebor. Doch nichts geschah. Sie blieben Störche. Da begriffen die beiden mit Schrecken, dass die Warnung des Gelehrten in Erfüllung gegangen war: Sie hatten gelacht, und nun war ihnen das Wort genommen, das sie hätte erlösen können.

Traurig wanderten sie auf ihren langen Beinen über die Wiesen, und das Herz war ihnen schwer. Was sollten sie nun beginnen? Sie konnten nicht heimkehren, denn wer hätte in zwei Störchen den Kalifen und seinen Wesir erkannt? Und sprechen konnten sie auch nicht mehr zu den Menschen, sondern nur noch klappern, wie Störche eben klappern.

So beschlossen sie, wenigstens nach Bagdad zurückzufliegen, um in der Nähe ihrer Heimat zu sein. Sie breiteten die großen Schwingen aus und erhoben sich in die Luft, und es war ein seltsames, schwindelndes Gefühl, zum ersten Mal zu fliegen. Bald sahen sie unter sich die Türme und Dächer der Stadt, den Palast, die Gärten — ihre ganze vertraute Welt, klein und fern wie ein gemaltes Bild.

Doch als sie über die Stadt kreisten, bemerkten sie etwas Sonderbares. Auf den Straßen drängten sich die Menschen, Trommeln erklangen, und ein Herold rief mit lauter Stimme aus, dass Bagdad einen neuen Herrscher habe: einen gewissen Mizra, den Sohn des mächtigen Zauberers Kaschnur. Da durchfuhr es den Kalifen wie ein kalter Schreck. Nun verstand er alles. Der Händler mit der schwarzen Schatulle — das war kein Krämer gewesen, sondern Kaschnur selbst, sein alter Feind, verkleidet und voller Tücke. Mit dem Zauberpulver hatte er den Kalifen in eine Falle gelockt, ihn aus seiner Gestalt und aus seiner Stadt vertrieben, um den Thron für seinen eigenen Sohn zu rauben.

Voller Gram, doch ohne alle Macht, sich zu wehren, wandten sich die beiden Störche ab und flogen wieder hinaus aufs Land. Viele Tage lebten sie nun draußen in Feldern und Sümpfen, suchten nach Nahrung, wie Störche es tun, und schliefen auf hohen Bäumen oder auf einsamen Mauern. Der Kalif aber dachte in den stillen Stunden viel nach. Er dachte daran, wie leicht man aus einer großen Höhe fällt, wenn man unvorsichtig wird, und wie schnell ein Lachen zur Unzeit alles wenden kann. Eine tiefe Demut erfüllte ihn, gemischt mit der Sehnsucht nach seinem Volk.

Eines Abends — die Sonne sank bereits hinter fernen Hügeln, und das Licht wurde rötlich und warm — flogen die beiden über eine weite, einsame Ebene und kamen zu den Ruinen eines alten, verlassenen Schlosses. Die Mauern standen noch halb aufrecht, von Efeu überwuchert, und in den leeren Fensterhöhlen nisteten Vögel. Müde ließen sich die beiden Störche auf einer zerfallenen Mauer nieder, um auszuruhen. Da drang aus einem der dunklen Gemächer ein leises Klagen zu ihnen herauf — ein Laut, der kein Vogelruf war, sondern eher wie das Weinen eines Menschen klang.

Verwundert traten der Kalif und der Großwesir näher und spähten durch eine zerbrochene Tür. In einem verfallenen Saal, auf dem kalten Steinboden, saß eine große Nachteule, und ihre runden Augen glänzten im Dämmerlicht wie flüssiges Gold. Als die Eule die beiden Störche erblickte, hellte sich ihr Gesicht auf, und sie rief ihnen mit klarer, höflicher Stimme einen Gruß zu. Zu ihrem großen Staunen verstanden die Störche jedes Wort.

Die Eule aber erzählte ihnen, traurig und doch voll Würde, ihre Geschichte: Sie sei kein Tier, sagte sie, sondern eine Königstochter — Lusa, die Tochter des mächtigen Königs von Indien. Ein böser Zauberer, Kaschnur mit Namen, habe für seinen Sohn Mizra um ihre Hand angehalten und sei von ihrem Vater voller Zorn abgewiesen worden. Zur Rache habe Kaschnur sich heimlich in den Palast geschlichen, sie in eine Eule verwandelt und sie hierher, in diese öden Ruinen, gebannt. Hier müsse sie nun ausharren, bis — so habe der Zauberer höhnisch gesagt — sich freiwillig ein Mann finde, der bereit sei, sie in dieser hässlichen Gestalt zur Frau zu nehmen. Erst dann falle der Bann von ihr ab.

Der Kalif und der Großwesir hörten ihr tief bewegt zu, und als sie von Kaschnur sprach, da merkten beide auf. Sie erzählten der Eule nun ihrerseits, wie es ihnen ergangen war, wie derselbe Kaschnur auch sie betrogen und um ihre Gestalt gebracht habe. So erkannten die drei, dass sie ein gemeinsames Leid und einen gemeinsamen Feind hatten, und das verband sie sogleich in herzlicher Freundschaft.

Da sagte die Eule, und in ihrer Stimme lag ein Schimmer von Hoffnung: Vielleicht ist uns allen noch zu helfen. Einmal im Monat versammeln sich die Zauberer dieses Landes hier in diesen Ruinen, in einem großen unterirdischen Saal, und halten Rat. Auch Kaschnur ist dann zugegen und prahlt mit seinen Untaten. Heute Nacht ist es wieder so weit. Wenn ihr euch verbergt und lauscht, so hört ihr vielleicht das Wort, das euch erlösen kann.

Doch ehe sie die beiden zu dem Saal führte, senkte die Eule den Kopf und fügte leise hinzu: Eine Bitte habe ich. Einer von euch müsste mich zur Frau nehmen, damit auch mein Bann sich löst. Die Störche zogen sich kurz zur Beratung zurück. Und der Kalif, der in diesen Tagen als Storch so vieles über Demut gelernt hatte, sprach: Ich will es tun. Eine Königstochter, die so klug und so gütig spricht, wird auch ein gutes Herz haben, gleich welche Gestalt sie trägt.

Hocherfreut führte die Eule die beiden durch dunkle Gänge tief hinab unter die Ruinen, bis sie an eine Wand kamen, in der ein Spalt offenstand. Durch diesen Spalt fiel ein matter Lichtschein. Vorsichtig spähten die drei hindurch und sahen einen weiten Saal, von Fackeln erhellt, und an einer langen Tafel saßen die Zauberer beisammen, viele finstere Gestalten, und hielten Rat über ihre dunklen Geschäfte.

Unter ihnen aber erkannte die Eule sogleich den Kaschnur. Und als die Reihe an ihn kam, zu erzählen, was er Listiges vollbracht habe, da lachte er hämisch und prahlte vor den anderen: wie er den Kalifen von Bagdad und dessen Wesir mit einem Zauberpulver betört, wie er ihnen das Lösewort verschwiegen und sie in Störche verwandelt habe. Und in seinem Übermut sprach er das Wort laut aus, damit alle es hörten: Mutabor.

Den beiden lauschenden Störchen schlug das Herz bis zum Halse. Mutabor. Das war es. Wie ein Blitz der Erinnerung durchfuhr es den Kalifen. Lautlos, voller Aufregung, zogen sich die drei zurück, eilten durch die dunklen Gänge wieder hinauf ins Freie, hinaus unter den nächtlichen Himmel, wo die Sterne über den alten Mauern standen. Dort, im fahlen Mondlicht, verneigten sich der Kalif und der Großwesir dreimal gen Osten und sprachen feierlich das Wort: Mutabor.

Und wie ein Vorhang, der fällt, verschwand das Gefieder. Die langen Beine wurden kürzer, die Flügel wurden wieder zu Armen, die Schnäbel verschwanden — und wo zwei Störche gestanden hatten, standen nun wieder Kalif Chasid und sein Großwesir Mansor, in ihren eigenen Gesichtern, einander die Hände schüttelnd, mit Tränen der Freude in den Augen.

Da sie nun das Wort kannten, sprach es der Kalif auch über die Eule. Und sanft wie das Fallen eines Blattes verschwand die Gestalt des Vogels, und an seiner Stelle stand eine junge Frau von großer Schönheit, mit dunklen Augen, in denen noch der Schimmer langer Einsamkeit lag, nun aber auch eine stille, tiefe Dankbarkeit. Es war die Prinzessin Lusa, befreit von ihrem Bann.

Gemeinsam machten sich die drei nun auf den Weg zurück nach Bagdad. Die Kunde, dass der rechte Kalif noch lebe, verbreitete sich rasch, und von allen Seiten strömten ihm treue Gefolgsleute zu, die den falschen Herrscher Mizra längst durchschaut hatten. So zog Chasid an der Spitze eines wachsenden Zuges in seine Stadt ein, und das Volk jubelte ihm entgegen, als sähe es die Sonne nach langer Nacht wieder aufgehen.

Der falsche Kalif Mizra und der Zauberer Kaschnur wurden gefasst, ohne dass viel Blut vergossen werden musste. Den alten Zauberer ließ Chasid für immer aus dem Reiche verbannen, fort über die Grenzen, dass er nie wieder Unheil stifte. Dem Mizra aber, der den Thron geraubt hatte, stellte er es frei, sein Schicksal zu wählen. Und Mizra wählte — das Pulver. So musste er selbst eine Prise von dem schwarzen Pulver schnupfen und ward zu einem Storch. Der Kalif ließ ihn in einem weiten Gehege im Palastgarten halten, wohlversorgt, doch in der Gestalt, die er selbst so vielen zugedacht hatte — als eine stille, lebendige Mahnung an seinen eigenen Betrug. Niemandem aber geschah ein Leid darüber hinaus, denn Chasid war ein gerechter und kein grausamer Herr.

Bald darauf saß Kalif Chasid wieder auf seinem breiten Divan, die lange Pfeife in der Hand, und neben ihm der Großwesir Mansor mit seinem weißen Bart und seinen klugen, freundlichen Augen. An seiner Seite aber saß nun die Prinzessin Lusa, die seine Gemahlin und die Kalifin von Bagdad geworden war. Oft, wenn die beiden Männer an den Tanz des jungen Fräuleins Storch dachten, mussten sie noch herzlich lachen — jetzt aber durften sie es, so viel sie wollten.

Den kleinen schwarzen Kasten ließ der Kalif tief in seinem Schatz verwahren. Noch einmal betrachtete er das wenige Pulver, das darin geblieben war, und das vergilbte Zettelchen mit den alten Zeichen, ehe er den Deckel schloss. Dann lehnte er sich zurück, schloss für einen Augenblick die Augen und atmete tief, wie jemand, der nach einer langen, langen Reise endlich wieder daheim ist.

Über den Dächern von Bagdad aber zog im goldenen Abendlicht ein Schwarm weißer Vögel seine ruhigen Kreise. Vielleicht waren es Störche. Vielleicht blickten sie von dort oben auf die Paläste und Gärten hinab und dachten an nichts weiter als an weite, stille Wiesen und an den sanften Wind, der durch das Schilf am Wasser strich. So endet die Geschichte des Kalifen Chasid, der durch eine kleine Unachtsamkeit so viel verloren und durch Geduld und Güte noch mehr gewonnen hatte — und die Nacht legt sich sacht über die Minarette, der Wind trägt den Duft von Jasmin durch die stillen Gassen, und irgendwo in der Ferne rauscht der Fluss leise vor sich hin.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Wilhelm Hauffs Märchen · Das kalte Herz, Kalif Storch und mehr. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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