Nach Wilhelm Hauff · 7 Minuten zu lesen
Die Geschichte von der abgehauenen Hand
Ich will euch erzählen, wie ich, Zaleukos, ein griechischer Kaufmann aus Konstantinopel, meine Hand verlor — eine Geschichte, die ich lange in mir verschlossen getragen habe. Sie ist seltsam und ein wenig dunkel, doch sie endet im Frieden, und ich erzähle sie euch leise, wie man von fernen, längst vergangenen Dingen spricht, die einem das Herz nicht mehr schwer machen.
In meiner Jugend zog ich aus, um in fremden Ländern die Heilkunst zu erlernen, und kehrte als Arzt und Kaufmann zurück in die Welt. Eine Zeit lang lebte ich in der schönen Stadt Florenz, trieb dort meinen Handel und hatte ein stilles, geordnetes Leben. Doch eines Abends, als die Dämmerung sich über die Gassen senkte, geschah etwas, das mein Schicksal für immer wenden sollte.
Ich war allein durch die abendlichen Straßen gegangen, als plötzlich ein Fremder neben mir stand. Er war hochgewachsen, in einen langen, dunkelroten Mantel gehüllt, und sein Gesicht lag im Schatten einer Kapuze, sodass ich seine Züge nicht erkennen konnte. Mit leiser, gedämpfter Stimme sprach er mich an und nannte mich bei meinem Namen, und ein kalter Schauer lief mir über den Rücken, denn ich kannte ihn nicht und wusste nicht, woher er mich kannte.
Der Mann im roten Mantel trug mir ein sonderbares, beängstigendes Geschäft an. Er bot mir eine große Summe Goldes, wenn ich ihm noch in dieser Nacht einen Dienst erweise, einen Dienst, sagte er, der meine ärztliche Kunst und eine feste Hand verlange. Mehr wollte er nicht verraten. Ich zögerte und wollte ablehnen, denn etwas in seiner Stimme machte mir Furcht. Doch er drängte, und seine Worte lagen über mir wie ein Bann, dem ich mich nicht zu entziehen vermochte.
So folgte ich ihm durch dunkle, menschenleere Gassen, bis wir an ein abgelegenes Haus kamen. Er führte mich hinein, eine Treppe hinauf, in ein stilles, von wenigen Kerzen erhelltes Gemach. Und dort, auf einem Lager, ruhte eine junge Frau von großer Schönheit — doch sie war nicht mehr unter den Lebenden. Bleich und friedlich lag sie da, als schliefe sie nur, und ein tiefer Ernst erfüllte den Raum.
Der Fremde sprach nun mit gebrochener Stimme. Diese Tote, sagte er, sei ihm teuer gewesen, und es liege ihm daran, sie in ihrer fernen Heimat zu bestatten; doch könne er den ganzen Leichnam nicht ungesehen über die weite Reise bringen. Darum bat er mich um einen schweren, dunklen Dienst, den ich hier nicht in allen Einzelheiten schildern will. Es war eine Tat, vor der mein ganzes Wesen sich sträubte, und ich weigerte mich lange und heftig. Doch der Mann flehte und gebot zugleich, und seine Trauer war so groß und sein Wille so unbeugsam, dass ich am Ende, mit zitternder Hand und abgewandtem Blick, tat, worum er mich bat.
Lasst uns über diesen finsteren Augenblick rasch hinweggehen, wie man im Dunkeln rasch an einer Stelle vorübergeht, die einem das Herz beschwert. Es geschah, und es war getan, und der Fremde dankte mir mit erstickter Stimme und drückte mir den schweren Beutel Goldes in die Hand. Verstört und voller Grauen über das, was ich getan hatte, eilte ich hinaus in die Nacht und fand kaum den Weg zurück in meine Wohnung. In meiner Verwirrung hatte ich, ohne es zu bemerken, den roten Mantel des Fremden mit mir genommen, der über einem Stuhle gelegen hatte. Ich warf mich auf mein Lager, doch der Schlaf floh mich, und die Bilder jener Stunde ließen mich nicht los, bis endlich der fahle Morgen graute.
Am nächsten Tage aber lief eine schreckliche Kunde durch die ganze Stadt. Eine junge Edelfrau aus vornehmem Hause, Bianca mit Namen, die Tochter eines mächtigen Mannes von Florenz, sei in der Nacht auf grausame Weise umgekommen. Mir aber wurde das Herz schwer wie Blei, denn ich ahnte mit Entsetzen, dass die Tote in jenem stillen Gemach und die beklagte Edelfrau ein und dieselbe gewesen sein mussten.
Und bald wandte sich der Verdacht gegen mich. Man hatte mich in jener Nacht durch die Gassen eilen sehen; der rote Mantel, den ich ahnungslos mit mir genommen hatte, wurde in meiner Wohnung gefunden und als ein verräterisches Zeichen gedeutet. So wurde ich ergriffen, vor die Richter geführt und des Mordes angeklagt, dessen ich doch im Herzen unschuldig war — denn ich hatte nicht getötet, sondern war nur, betört und gedrängt, das Werkzeug eines Fremden gewesen.
Vergebens beteuerte ich meine Unschuld und erzählte von dem Mann im roten Mantel. Niemand glaubte mir, denn niemand kannte diesen Fremden, und alle Zeichen sprachen gegen mich. Das Gericht sprach das härteste Urteil über mich aus, und ich sah mein Ende nahen, ohne dass ich mich retten konnte. In jenen dunklen Stunden im Kerker gab ich alle Hoffnung verloren und bereitete mein Herz auf das Schlimmste vor.
Doch am Tage, da das Urteil vollstreckt werden sollte, geschah etwas Unerwartetes. Als ich vor die versammelte Menge geführt wurde, trat aus ihr eine hochgewachsene Gestalt hervor, in einen dunkelroten Mantel gehüllt — es war der geheimnisvolle Fremde. Er trat vor die Richter, und mit seiner gedämpften, ernsten Stimme legte er ein Zeugnis ab, das alle in Staunen versetzte und mein verwirktes Leben in letzter Stunde noch wendete.
Was genau er sprach, das blieb mir wie durch einen Schleier verhüllt, denn meine Sinne waren von allem Erlittenen wie betäubt. Doch das Ergebnis war, dass die Richter mein Leben schonten. An die Stelle des äußersten Urteils setzten sie eine mildere, doch harte Buße: dass mir jene Hand genommen werde, die, wenn auch ungewollt und gedrängt, das dunkle Werk verrichtet hatte, und dass ich für immer aus der Stadt Florenz verbannt sei.
So verlor ich meine Hand, und dieser Verlust hat mich mein Leben lang begleitet. Doch er war mir am Ende beinahe ein Trost, denn er hatte mir das Leben gerettet, und ich nahm ihn an als das Zeichen eines Schicksals, das tiefer war, als ich es verstehen konnte.
Schweigend und gezeichnet verließ ich die Stadt, in der ich so viel Schreckliches erlebt hatte. Ehe ich aber Florenz für immer verließ, suchte mich der Fremde noch einmal auf. Er drückte mir einen Beutel mit Gold in die verbliebene Hand und versprach mir noch weit mehr, genug, um mein ganzes Leben in Wohlstand zu verbringen, als Buße und Sühne für das Unheil, in das er mich gestürzt hatte. Und mit halben, dunklen Worten ließ er mich ahnen, dass hinter allem eine alte, traurige Geschichte von erlittenem Unrecht und von Vergeltung stand, in die ich, ahnungslos, hineingezogen worden war.
Wer der Mann im roten Mantel in Wahrheit war und welches Leid ihn zu seiner dunklen Tat getrieben hatte, das habe ich nie ganz erfahren. Er verschwand in der Nacht, aus der er gekommen war, und ich sah ihn nie wieder. Zurück blieb mir das Gold, die fehlende Hand und ein Geheimnis, das ich mit mir trage und das sich mir nie vollends entschleiert hat.
Ich kehrte heim nach Konstantinopel, in meine Heimatstadt, und lebte dort fortan in Ruhe und ohne Sorge um mein täglich Brot. Reich war ich nun, doch gezeichnet, und ein stiller Ernst ist mir seither geblieben. Ich tue Gutes, wo ich kann, ich helfe den Kranken mit dem, was ich von der Heilkunst weiß, und ich habe Frieden gemacht mit dem dunklen Knoten meines Schicksals, den ich nicht zu lösen vermochte.
Denn das habe ich gelernt: dass es im Leben Geschehnisse gibt, die wir nie ganz begreifen, Fäden, deren Anfang und Ende uns verborgen bleiben. Und doch dürfen wir Ruhe finden, auch ohne alles zu verstehen, wenn wir nur unser Teil mit redlichem Herzen tragen. So trage auch ich das Meine, ohne Bitterkeit, und blicke ohne Furcht in die ruhige Nacht. So endet die Geschichte von der abgehauenen Hand und von dem Mann im roten Mantel, der aus dem Dunkel kam und ins Dunkel zurückkehrte.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.