Nach Wilhelm Hauff · 20 Minuten zu lesen
Die Geschichte von dem kleinen Muck
Als ich noch ein Knabe war, lebte in unserer Stadt ein wunderlicher alter Mann, den alle nur den kleinen Muck nannten. Er war winzig von Gestalt, kaum größer als ein Kind, und doch saß auf den schmalen Schultern ein großer, runder Kopf, viel größer, als ihn andere Leute tragen. Ganz allein wohnte er in einem alten, hohen Haus, und man sah ihn nur selten, denn er ging nur einmal im Monat aus, um seine Einkäufe zu machen.
Wenn er aber auf die Straße trat, dann bot er einen sonderbaren Anblick. Er trug ein weites, längst aus der Mode gekommenes Gewand, das ihm um die kleine Gestalt schlotterte, dazu große, breite Pantoffeln an den Füßen und einen mächtigen Turban auf dem Kopf, der fast so groß war wie er selbst. Wir Kinder liefen ihm dann nach, klatschten in die Hände, tanzten um ihn herum und riefen ihm allerlei Spottverse hinterher, und mancher warf wohl auch ein welkes Blatt oder ein Steinchen nach ihm. Der kleine Muck aber wandte sich dann nur langsam um, nickte uns ernst und freundlich mit dem großen Kopf zu und ging bedächtig weiter, ohne zu zürnen.
Eines Tages jedoch hatte ich es gar zu arg getrieben, war ihm bis vor seine Tür nachgelaufen und hatte ihm einen besonders bösen Vers nachgerufen. Mein Vater sah es vom Fenster aus, und als ich nach Hause kam, nahm er mich beiseite. Er schalt mich nicht laut, doch er sah mich lange und ernst an. Setz dich, mein Sohn, sagte er, und höre mir zu. Ich will dir die Geschichte des kleinen Muck erzählen, und ich bin gewiss, dass du ihn danach nie wieder verlachen wirst. Und so setzte ich mich zu seinen Füßen, und mein Vater erzählte mir die ganze sonderbare Geschichte, die ich nun auch dir erzählen will.
Der kleine Muck, so begann mein Vater, hieß mit rechtem Namen Mukrah und war der Sohn eines angesehenen, doch nicht reichen Mannes hier in unserer Stadt. Schon als kleines Kind war er so zierlich geblieben und hatte einen so großen Kopf gehabt, dass sein Vater sich des wunderlichen Sohnes ein wenig schämte. Er hielt ihn meist im Hause verborgen, ließ ihn wenig lernen und kümmerte sich kaum um ihn, sodass der kleine Muck einsam aufwuchs, ohne Spielkameraden und ohne die Freuden der Kindheit.
Mukrah blieb lange ein Kind an Erfahrung, obwohl die Jahre vergingen. Als sein Vater starb, war er schon ein junger Mann von Jahren, doch arm an Wissen und arm an allem, was die Welt schätzt. Kaum war der Vater begraben, da kamen die Verwandten und teilten unter sich, was es zu erben gab. Dem kleinen Muck aber ließen sie nur die alten Kleider seines Vaters, das leere Haus und eine Handvoll alter Schulden, und bald stand er allein in den kahlen Räumen.
Lange saß er da und überlegte, was nun werden solle. Schließlich fasste er einen tapferen Entschluss: Hier, sagte er sich, halte ihn nichts mehr; er wolle in die weite Welt hinausziehen und sein Glück suchen. Er kleidete sich in das beste Gewand seines Vaters, einen langen Rock und weite Beinkleider, die ihm freilich viel zu groß waren, sodass er beinahe darin verschwand. Dann band er sich einen großen Turban um den Kopf und steckte einen langen Dolch an den Gürtel, der ihm beim Gehen fast bis auf den Boden reichte.
So gerüstet trat der kleine Muck eines Morgens hinaus in die kühle Frühe. Die Stadt lag noch halb im Schlummer, die Gassen waren still, und nur hier und da schob ein Händler seinen Karren oder rief ein früher Vogel in den hellen Himmel. Muck blickte noch einmal zurück auf das alte Haus, in dem er so freudlos gelebt hatte, dann wandte er sich entschlossen ab, und der Staub der Landstraße nahm seine kleinen Schritte auf.
Er wanderte und wanderte, viele Tage lang, durch Hitze und Staub bei Tag, durch kühle Stille bei Nacht. Er aß, was er am Wegrand fand, ein paar Beeren, ein Stück Brot, das ihm ein mitleidiger Bauer reichte, und schlief unter freiem Himmel, eingehüllt in das weite Gewand seines Vaters. Oft schmerzten ihn die Füße, oft knurrte ihm der Magen, und manchmal verzagte er beinahe. Doch er trug sein Schicksal mit stiller Würde und hielt sich aufrecht, wie einer, der weiß, dass das Leben noch Wendungen bereithält.
Endlich, nach langer Reise, erblickte er von einem Hügel aus eine große, prächtige Stadt, mit Türmen und Kuppeln, die im Mittagslicht schimmerten. Voller Hoffnung stieg er hinab und trat durch das Tor. Doch in den Gassen wusste er bald nicht mehr, wohin er sich wenden sollte, denn er hatte ja nichts gelernt, was er hätte anbieten können, und niemand kannte ihn. Er schlich durch das Gewühl, sah die bunten Auslagen der Kaufleute und roch den Duft von frischem Brot und gebratenem Fleisch, und sein Hunger wurde groß.
So kam er an ein stattliches Haus, aus dessen Fenstern ein sonderbarer Lärm drang. Es war ein lautes Schelten und Keifen, vermischt mit dem Bellen vieler Hunde und dem Miauen vieler Katzen, sodass es klang, als sei dort drinnen ein ganzer Tiergarten versammelt. Neugierig und ein wenig ängstlich blieb der kleine Muck vor der Tür stehen und wagte nicht recht, anzuklopfen. Da öffnete sich die Tür, und eine alte Frau trat heraus, von einer ganzen Schar Katzen umringt.
Es war die Frau Ahavzi. Sie war alt und knorrig, mit scharfen Augen und einer schrillen Stimme, und sie lebte ganz allein in dem großen Haus, umgeben von vielen Hunden und Katzen, die sie hegte und pflegte und verwöhnte wie andere Leute ihre Kinder. Verwundert betrachtete sie den kleinen, seltsamen Mann in den viel zu weiten Kleidern. Muck verbeugte sich, so gut es in dem schlotternden Gewand gehen wollte, und bat demütig um Arbeit und ein Dach über dem Kopf. Die Alte musterte ihn von oben bis unten, von dem großen Turban bis zu den kleinen Füßen, und ein listiges Lächeln spielte um ihren Mund. Du könntest mir wohl dienen, sagte sie, und meine lieben Tiere pflegen. Komm herein, ich will dich behalten.
Und so trat der kleine Muck in den Dienst der Frau Ahavzi. Nun begann eine mühsame Zeit. Von früh bis spät hatte Muck zu schaffen: Er trug Wasser vom Brunnen, fegte die Treppen, wusch und kochte und putzte. Vor allem aber musste er die vielen Tiere versorgen. Er kämmte den Katzen das Fell, bürstete die Hunde, fütterte sie mit den feinsten Bissen und musste es geduldig ertragen, wenn sie ihn kratzten oder anbellten. Die Tiere wurden gehegt wie kleine Fürsten; für Muck selbst aber blieben nur die Reste. Nachts schlief er auf einer schmalen Matte in einem Winkel des Hauses, müde von der Arbeit des Tages.
Eines jedoch betrübte ihn von Woche zu Woche mehr: Er bekam keinen Lohn. So oft er die Alte schüchtern an sein Gehalt erinnerte, wurde sie zornig, schalt ihn einen undankbaren Wicht und drohte, ihn auf die Straße zu setzen. Da schwieg Muck und arbeitete weiter, doch in seinem Herzen wuchs die Bekümmernis.
Eines Tages, als die Alte ausgegangen war, bemerkte Muck eine Tür im Hause, die stets verschlossen gehalten wurde und die er nie hatte betreten dürfen. Heute aber stand sie einen Spalt offen, denn die Alte hatte in ihrer Eile vergessen, sie zu verriegeln. Die Neugier zog ihn hin. Vorsichtig schob er die Tür auf und trat in ein staubiges Zimmer, in dem allerlei wunderliche Dinge verwahrt lagen — alte Truhen, fremde Gefäße, verblichene Gewänder aus längst vergangener Zeit.
In einer Ecke aber fiel ihm zweierlei besonders ins Auge. Da stand ein Paar großer, breiter Pantoffeln, altmodisch und mit spitzen Nasen, viel zu groß für gewöhnliche Füße; und daneben lehnte ein schlankes Stöckchen aus dunklem, glattem Holz, das aussah wie ein ganz gewöhnlicher Wanderstab. Muck betrachtete beides eine Weile, und ein Gedanke reifte langsam in ihm: So oft hatte er um seinen Lohn gebeten und ihn nie erhalten — sollte er sich nicht selbst entlohnen? Diese Pantoffeln und dieses Stöckchen, dachte er, sind wohl Lohn genug für meine vielen Mühen.
Er beschloss, das Haus am nächsten Morgen heimlich zu verlassen, ehe die Alte erwachte. Und so geschah es. In aller Frühe, als noch alles schlief, zog er die großen Pantoffeln über seine kleinen Füße, nahm das Stöckchen fest in die Hand und schlich auf Zehenspitzen hinaus auf die stille Gasse, das Herz klopfend vor Aufregung. Draußen blieb er stehen, atmete die frische Morgenluft und dachte nur das eine: Nun rasch fort, ehe man mich vermisst.
Doch kaum hatte er den Wunsch gefasst, schnell zu gehen, da geschah etwas Unbegreifliches. Die Pantoffeln begannen von selbst zu laufen. Erst langsam, dann schneller, dann immer schneller, rissen sie den kleinen Muck mit sich fort, sodass ihm Hören und Sehen verging. Die Gassen flogen vorüber, die Häuser verschwammen zu einem bunten Streifen, der Wind pfiff ihm um die Ohren, und Muck rief vor Schreck und Staunen zugleich. Er ruderte mit den Armen, er versuchte stehenzubleiben, er stemmte die Fersen in den Boden — doch nichts half, die Pantoffeln trugen ihn unaufhaltsam weiter, hinaus aus der Stadt, über Felder und Hügel, durch hohes Gras und über staubige Wege, immer geradeaus.
Erst als der atemlose Muck in seiner Verzweiflung strauchelte und sich dabei auf der Stelle herumdrehte, dreimal herum auf dem Absatz, da standen die Pantoffeln mit einem Mal still. Keuchend, mit zitternden Knien, blieb er stehen und sah sich um. Mitten auf einer einsamen Lichtung war er gelandet, und in wenigen Augenblicken hatte er weiter Weg zurückgelegt als ein rüstiger Wanderer an einem ganzen Tag. Da begriff er allmählich: Dies waren Zauberpantoffeln.
Nun erprobte er ihre Kraft bedächtig. Er stellte fest, dass die Pantoffeln ihn überallhin trugen, wohin er nur wünschte, wenn er sich nur dreimal auf dem Absatz drehte und den Ort dabei fest in Gedanken hielt. Und wollte er anhalten, so genügte dieselbe Drehung. So konnte er reisen wie der Wind und in einem Augenblick weite Strecken zurücklegen, von denen andere Menschen nur träumen.
Auch das Stöckchen, so entdeckte er bald, war kein gewöhnliches. Als er ermüdet auf einem Hügel saß und sann, ob wohl irgendwo in der Erde ein Schatz verborgen liege, da begann das Stöckchen in seiner Hand sich leise zu regen. Es neigte sich zum Boden und klopfte sacht auf eine Stelle, einmal, zweimal. Muck grub neugierig nach und fand dort tatsächlich ein paar alte Münzen, tief im Erdreich. Da war seine Freude groß: Mit den Pantoffeln konnte er reisen, mit dem Stöckchen würde er nie mehr Not leiden.
Lange überlegte Muck, wie er aus diesen Gaben sein Glück schmieden könne, und endlich kam ihm ein kluger Gedanke. In der Hauptstadt eines nahen Reiches, so hatte er auf seinen Wanderungen gehört, hielt der König sich eine ganze Schar von Läufern, die seine Botschaften überbrachten, und der schnellste unter ihnen genoss große Ehre und reichen Lohn. Wenn jemand schnell laufen kann, dachte Muck und blickte zufrieden auf seine Pantoffeln, dann doch wohl ich.
So wünschte er sich mit seinen Zauberpantoffeln vor das Tor des königlichen Palastes, trat ein und ließ sich beim König melden. Als der König und seine Höflinge den kleinen, possierlichen Mann erblickten, der sich als der schnellste Läufer des Reiches anbot, da brachen sie in lautes Gelächter aus. Du willst ein Läufer sein, rief der König und hielt sich den Bauch. Mit deinen kurzen Beinchen?
Doch Muck blieb ruhig und bat höflich um eine Probe. Belustigt ließ der König einen Wettlauf ansetzen, zwischen dem kleinen Muck und seinem besten und stolzesten Läufer. Der ganze Hof versammelte sich im weiten Garten, um das Schauspiel zu sehen, und mancher spottete schon im Voraus über den kleinen Mann. Die beiden Läufer stellten sich an der Linie auf, der hochgewachsene Schnellläufer des Königs und neben ihm der winzige Muck in seinen großen Pantoffeln. Dann wurde das Zeichen gegeben.
Und siehe — kaum war das Wort gefallen, da flog der kleine Muck dahin wie ein vom Bogen geschnellter Pfeil. Die Zauberpantoffeln trugen ihn so leicht und so rasch, dass er den stolzen Läufer des Königs im Nu weit hinter sich ließ und am Ziel stand, ehe der andere auch nur die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte. Ein Raunen ging durch die Menge, das Gelächter verstummte, und der König sprang erstaunt von seinem Sitz auf. Bei meiner Krone, rief er, so etwas habe ich nie gesehen.
Auf der Stelle nahm er den kleinen Muck in seinen Dienst und machte ihn zu seinem ersten Leibläufer. Von nun an trug Muck die Botschaften des Königs schneller, als je ein Mensch es vermocht hatte, in ferne Städte und wieder zurück, und der König schätzte ihn hoch und überhäufte ihn mit freundlichen Worten. So war der kleine Muck aus tiefer Armut zu Ansehen und Ehren gelangt.
Mit Hilfe seines Stöckchens fand Muck überdies eines Tages im weiten Garten des Palastes eine alte, vergrabene Schatztruhe. Doch er war kein gieriger Mensch. Er nahm nur, was er brauchte, und teilte freigebig mit den anderen Dienern und mit den Armen vor dem Tor, denn er hatte die Not selbst zu gut gekannt, um hartherzig zu sein. So war er bei den geringen Leuten beliebt — bei den vornehmen Höflingen aber, die seine Gunst beim König und sein Gold mit Neid betrachteten, wuchs der Argwohn. Woher, flüsterten sie einander zu, nimmt dieser kleine Mensch sein vieles Gold? Ein hergelaufener Fremder, ohne Stand und Namen, und er verschenkt Münzen, als wäre er ein Fürst.
Sie beobachteten ihn heimlich, Tag und Nacht, und lauerten ihm auf. Und eines Nachts, als Muck im Mondschein in den Garten ging und an einer Stelle zu graben begann, da sahen sie es und glaubten, sie hätten ihn ertappt. Voller Eifer eilten sie zum König und raunten ihm zu, der kleine Muck bestehle heimlich den königlichen Schatz; sie hätten ihn selbst dabei gesehen, wie er nachts im Garten grub. So vergifteten sie nach und nach das Herz des Königs gegen seinen treuen Läufer.
Der König, der den Einflüsterungen zu lange lauschte, wurde misstrauisch, dann zornig, und endlich ließ er den kleinen Muck vor sich rufen, um ihn zur Rede zu stellen. Man sagt mir, sprach der König streng, dass du meinen Schatz bestiehlst. Wie kannst du das leugnen, da man dich nachts beim Graben gesehen hat?
Der kleine Muck erschrak zutiefst, denn er war sich keiner Schuld bewusst. In seiner Bedrängnis sah er keinen anderen Ausweg, als die volle Wahrheit zu bekennen. So erzählte er von den Zauberpantoffeln und dem wunderbaren Stöckchen, das verborgene Schätze findet, und beteuerte, er habe nur einen alten, herrenlosen Schatz im Garten gehoben, niemandem aber etwas genommen.
Doch das Geständnis half ihm nichts, im Gegenteil. Kaum hatte der König von den wunderbaren Dingen gehört, da erwachte in ihm die Habgier. Er befahl, dem kleinen Muck die Pantoffeln und das Stöckchen abzunehmen, und behielt beides für sich. Den treuen Läufer aber, der ihm so lange gedient hatte, erklärte er für entlassen und ließ ihn aus der Stadt weisen — arm und bloß, wie er gekommen war, und um seine einzigen Schätze betrogen.
Traurig wanderte der kleine Muck zum Tor hinaus, ohne seine Pantoffeln, mit bloßen, schmerzenden Füßen, und das erlittene Unrecht lag schwer auf seinem Herzen. Lange ging er ziellos dahin, durch Felder und über Hügel, bis ihn an einem heißen Mittag der Hunger und die Müdigkeit übermannten. Da kam er an einen kleinen Hügel, auf dem zwei Feigenbäume standen, schwer beladen mit reifen, lockenden Früchten, und im Schatten des einen ließ er sich nieder.
Dankbar pflückte Muck von den süßen Feigen und aß sich endlich einmal satt. Es schmeckte ihm köstlich nach der langen Entbehrung, und die Wärme des Tages und die gestillte Not machten ihn müde. Er streckte sich im Schatten des Baumes aus, schloss die Augen und sank in einen sanften Mittagsschlaf, während über ihm leise das Laub im Wind rauschte.
Als er erwachte, fühlte er ein sonderbares Gewicht an seinem Kopf und ein Kitzeln im Gesicht. Er fasste hinauf — und erschrak heftig: Aus seinem Kopf waren zwei lange Eselsohren gewachsen, und seine Nase war lang und dick geworden und hing ihm bis über das Kinn herab. Voller Bestürzung sprang er auf und betastete sich immer wieder, doch es blieb dabei. Die Feigen dieses Baumes, so begriff er mit Schrecken, waren verzaubert und straften jeden, der von ihnen aß.
In seiner Verzweiflung trat er unter den zweiten Feigenbaum und biss, mehr aus Trotz als aus Hoffnung, in dessen Früchte. Und siehe — kaum hatte er von diesen anderen Feigen gegessen, da schrumpften die langen Ohren wieder zusammen, und die Nase wurde klein und fein, wie sie zuvor gewesen war. Erstaunt aß Muck noch ein wenig mehr, bis alles wieder seine alte Gestalt hatte. Dann setzte er sich nieder und dachte lange nach — und langsam reifte in ihm ein kluger, listiger Plan.
Sorgsam pflückte er von beiden Bäumen: von den Feigen, die Ohren und Nase wachsen ließen, und von jenen, die das Übel wieder heilten, und verwahrte beide getrennt in seinem Gewand. Dann machte er sich auf den Rückweg zur Stadt des habgierigen Königs. Unterwegs verkleidete er sich als fremder Obsthändler, verhüllte sein Gesicht und veränderte seine Stimme, sodass ihn niemand erkennen konnte, und so trat er, einen Korb voll prächtiger Feigen am Arm, vor das Tor des Palastes.
Er bot seine schönen, reifen Feigen feil, natürlich nur jene aus dem ersten, verzauberten Baum. Die Diener der Hofküche, entzückt von der herrlichen Ware, kauften ihm alles ab für die königliche Tafel. So kamen die Zauberfeigen auf den Tisch des Königs, und er und seine vornehmen Höflinge, dieselben, die Muck verleumdet hatten, ließen sich die süßen Früchte trefflich schmecken und langten kräftig zu.
Am nächsten Morgen aber brach große Bestürzung im Palast aus. Dem König waren über Nacht zwei lange Eselsohren gewachsen und eine Nase, die ihm bis auf die Brust hing, und ebenso erging es seinen vornehmen Höflingen. Sie verbargen sich in ihren Gemächern, sie jammerten und schämten sich, und in der ganzen Stadt sprach man bald von nichts anderem. Eilig rief man alle Ärzte und Weisen des Reiches herbei. Doch die Ärzte rieten und probierten vergebens; keiner wusste Rat, und kein Mittel half. Die langen Ohren und die langen Nasen blieben, und die Verzweiflung am Hofe wuchs von Stunde zu Stunde.
Da, als die Not am größten war, erschien ein fremder, gelehrter Mann vor dem Palast und gab sich als weiser Arzt aus fernen Ländern aus, der auch das seltsamste Leiden zu heilen verstehe. Es war der kleine Muck, abermals verkleidet. Man führte ihn zu den geplagten Höflingen, und der verkleidete Muck gab ihnen heimlich von den Feigen des zweiten Baumes zu essen. Sogleich schrumpften deren Ohren und Nasen zusammen, und voller Dankbarkeit priesen sie den wundertätigen fremden Arzt und überhäuften ihn mit Geschenken.
Bald war im ganzen Palast von dem klugen Heiler die Rede, und endlich ließ auch der König ihn zu sich rufen und flehte ihn an, auch ihm zu helfen, denn seine Ohren waren die längsten von allen. Wohl, o König, ich will dich heilen, sprach der verkleidete Muck mit ernster Miene, doch dein Leiden ist das schwerste, und ich brauche dazu ein besonderes Mittel. In deiner Schatzkammer, so hörte ich, liegen ein Paar alte Pantoffeln und ein schlichtes Stöckchen. Gib sie mir, denn nur mit ihrer Hilfe kann ich die seltene Arznei herbeischaffen, die dich von Ohren und Nase befreit.
Der König, der seine Eselsohren um keinen Preis behalten wollte, ließ die Dinge eilig holen und übergab sie dem fremden Arzt. Da war der Augenblick gekommen, auf den der kleine Muck so lange gewartet hatte. Rasch schlüpfte er in seine wiedergewonnenen Zauberpantoffeln, nahm das Stöckchen fest in die Hand, drehte sich vor den staunenden Augen des Königs dreimal auf dem Absatz und wünschte sich weit, weit fort von diesem undankbaren Hof. Im selben Augenblick trug ihn der Zauber davon, über Mauern und Felder und Wälder, hinaus aus dem Reich.
Der habgierige König aber blieb zurück, mit seinen langen Eselsohren und seiner langen Nase, die ihm fortan niemand mehr zu heilen vermochte. So trug er für alle Zeit das Zeichen seiner Undankbarkeit und seiner Gier. Niemandem aber hatte der kleine Muck ein schweres Leid getan; er hatte nur sein Eigentum zurückgeholt und dem Unrecht eine milde, gerechte Antwort gegeben. Und so endete seine Zeit am Hofe der Großen.
Der kleine Muck kehrte nun in seine Heimatstadt zurück, in das alte, hohe Haus seines Vaters. Mit dem Stöckchen fand er, so oft er es brauchte, ein wenig Gold im Erdreich, sodass er keine Not mehr litt und niemandes Hilfe bedurfte. Doch der Menschen und ihrer Bosheit war er müde geworden, und so lebte er fortan still und zurückgezogen, weise und genügsam, mit seinen wunderlichen Pantoffeln und seinem treuen Stöckchen, und ging nur selten aus.
Siehst du nun, mein Sohn, schloss mein Vater seine Erzählung und legte mir die Hand auf den Kopf, warum man den kleinen Muck nicht verspotten darf? Was uns an einem Menschen sonderbar und lächerlich erscheint, das hat oft eine lange, traurige und tapfere Geschichte. Hinter dem großen Kopf und den weiten Kleidern wohnt ein kluges und gütiges Herz, das viel Unrecht erlitten und doch nie böse geworden ist.
Von jenem Tage an habe ich den kleinen Muck nie wieder verlacht, sondern ihn stets ehrerbietig gegrüßt, sooft ich ihm begegnete. Und so endet die Geschichte vom kleinen Muck, der durch Unrecht so viel litt und durch Klugheit und Güte doch seinen Frieden fand.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.