Nach Wilhelm Hauff · 8 Minuten zu lesen
Die Geschichte von dem Gespensterschiff
Es war einmal ein junger Kaufmann namens Achmet, der erst vor kurzem das Geschäft seines verstorbenen Vaters übernommen hatte. Um sein Glück in der Fremde zu versuchen, ließ er ein Schiff mit kostbaren Waren beladen und ging mit seinem treuen Diener Ibrahim an Bord, einem ruhigen, frommen Mann, der schon viele Meere gesehen hatte. Der Wind stand günstig, die Segel füllten sich, und das Wasser glitt blau und weit unter einem milden Himmel dahin. Es war eine jener Reisen, bei denen das Herz leicht wird und man glaubt, das Glück liege gleich hinter dem Horizont.
Doch das Meer ist wandelbar. Nach fünfzehn Tagen zog ein schwerer Sturm herauf, so plötzlich und so heftig, dass die Matrosen kaum die Segel bergen konnten. Die Wellen türmten sich dunkel auf, und das Schiff wurde umhergeworfen wie ein Blatt im Herbstwind. Achmet und Ibrahim hielten sich aneinander fest, und als der Morgen graute, war das Schiff verloren. Die beiden retteten sich in ein kleines Boot, und als der Sturm sich legte, trieben sie allein auf dem weiten, grauen Wasser, ohne Land in Sicht.
Da aber sahen sie in der Ferne ein Schiff. Ein großes, dunkles Schiff, das ruhig durch die Wellen zog, als rührte es kein Wind. Es kam näher, lautlos, und seine Segel hingen seltsam still. Achmet und Ibrahim ruderten darauf zu, denn es war ihre einzige Hoffnung. Am Heck hing ein langes Tau herab, sie erfassten es und kletterten hinauf.
Doch als sie das Deck betraten, wurde es still in ihnen, ganz still. Denn das Schiff war voller Menschen — und keiner regte sich. Die Mannschaft lag und stand reglos, in fremdartigen Gewändern, als wäre sie mitten in der Bewegung erstarrt. Und am mittleren Mast, aufrecht, das Gesicht ruhig und ernst, stand der Kapitän, mit einem großen Nagel fest an das Holz geheftet, sodass er nicht fallen konnte. Es waren keine Schlafenden, und doch keine Toten, wie Achmet sie kannte. Sie schienen gefangen in einem Zwischenreich, zwischen Wachen und Ruhe, seit langer, langer Zeit. Ibrahim sprach leise: Dieses Schiff ist verzaubert.
Achmet aber, jung und unverzagt, stieg hinab in die Räume des Schiffes, und überall fand er reiche Schätze: Seide und Perlen, Zucker und kostbare Waren, mehr, als er je gesehen hatte. Eine Weile freute er sich, denn niemand schien da, dem all das gehörte. Doch Ibrahim mahnte ihn, sie seien noch weit vom Land, ganz allein, und ohne Hilfe kämen sie nirgendwohin. So aßen sie von den Vorräten, die sie fanden, und als der Abend kam, legten sie sich nieder.
Aber das stille Schiff ließ ihnen keine Ruhe. Denn um Mitternacht geschah etwas Seltsames. Ein lähmender Schlaf fiel über die beiden, und durch diesen Schlaf hindurch hörten sie Geräusche: Schritte auf dem Deck, das Klirren von Waffen, Stimmen, die in einer fremden Sprache redeten und sangen. Ibrahim erwachte für einen Augenblick und sah, wie der Kapitän und sein Steuermann lebendig in der Kajüte saßen und becherten — und dann, als der Morgen kam, lag wieder alles starr und still wie zuvor. Und mehr noch: Was sie am Tag an Strecke gewonnen hatten, das segelte das Geisterschiff in der Nacht von selbst wieder zurück, sodass sie dem Land nicht näher kamen.
In der nächsten Nacht aber besann sich Ibrahim auf einen alten Rat. Sein Großvater, ein frommer Mann, hatte ihn einst einen Spruch gelehrt für den Umgang mit ruhelosen Geistern. Und so blieben die beiden wach, sprachen leise ihre Gebete und sagten den alten Spruch dazu: Kommt ihr herab aus der Luft, steigt ihr aus tiefem Meer, schlieft ihr in dunkler Gruft, stammt ihr vom Feuer her. Allah ist Herr und Meister allerwärts, ihm sind gehorsam alle Geister.
Und es half. Die lähmende Macht wich von ihnen, und sie konnten sich frei bewegen, während um sie her die Geister ihr nächtliches Spiel trieben. Da fassten sie einen Plan. Sie umwickelten die zusammengelegten Segel mit Pergament, auf das sie ihre Gebete und den Spruch geschrieben hatten, und so verloren die Geister in der Nacht die Macht über das Schiff. Bei Tag aber lenkten Achmet und Ibrahim selbst das Steuer und hielten auf die Richtung zu, in der sie Land vermuteten.
Am sechsten Tag tauchte vor ihnen eine Küste auf, grün und freundlich, und eine Stadt am Ufer. Sie gingen an Land, und ihre Füße waren froh über den festen Boden nach so langer Zeit auf dem unheimlichen Schiff. In der Stadt fragten sie nach einem weisen Mann, und man wies sie zu einem alten Gelehrten namens Muley, der die verborgenen Dinge kannte. Achmet erzählte ihm alles, und Muley hörte ruhig zu, nickte und sagte: Ich kenne den Bann, der auf diesem Schiff liegt. Und ich weiß, wie er zu lösen ist.
Muley fuhr mit ihnen hinaus zu dem stillen Schiff. Diese Männer, sprach er, können nicht leben und nicht ruhen, solange ihr Haupt nicht die Erde berührt. Bringt sie an Land, das ist ihre Erlösung. Und so taten sie es: Behutsam lösten sie die Planken, auf denen die Reglosen ruhten, und brachten sie ans Ufer. Und kaum berührten die Männer die gute, dunkle Erde, da war es, als atmeten sie ein letztes Mal aus. Sanft zerfielen sie zu Staub, und ein langer, tiefer Friede legte sich über sie, der ihnen so lange verwehrt gewesen war.
Nur der Kapitän blieb. Er war mit dem Nagel an den Mast geheftet, und keine Kraft vermochte den Nagel auch nur ein Haarbreit zu lösen. Da ließ Muley eine Handvoll Erde vom Ufer bringen. Er sprach leise geheimnisvolle Worte darüber und streute die Erde sacht auf das Haupt des Kapitäns. Und siehe: Der Mann schlug die Augen auf, holte tief Atem, und nun ließ sich der Nagel ganz leicht herausziehen, als hätte er nur auf diesen Augenblick gewartet.
Der Kapitän sah die beiden an, und sein Blick war voll Dankbarkeit und tiefer Müdigkeit. Und er erzählte ihnen, wie der Bann über ihn gekommen war. Vor langer Zeit, sagte er, seien er und seine Mannschaft schlimme Männer gewesen, Seeräuber, die das Meer unsicher machten. Eines Tages hätten sie ein fremdes Schiff gekapert, auf dem sich ein frommer Derwisch befand, ein heiliger Mann. In seinem Zorn und seiner Grausamkeit habe er, der Kapitän, den Derwisch mit eben jenem Nagel an den mittleren Mast geheftet. Mit seinem letzten Atemzug habe der sterbende fromme Mann sie verflucht: Dass sie nicht leben und nicht sterben könnten, bis ihr Haupt einst auf der Erde ruhe, und dass der Kapitän zur Strafe selbst an diesen Mast gebannt sei.
Fünfzig Jahre, sagte der Kapitän leise, sind wir so über die Meere getrieben, ruhelos, ohne Hafen, ohne Ende. Oft segelten wir mit voller Kraft in den Sturm und hofften, an einer Klippe zu zerschellen und endlich Ruhe zu finden, doch es gelang uns nicht. Nun aber hast du uns erlöst, unbekannter Freund. Hab Dank. Nimm mein Schiff und alles, was darauf ist, als Zeichen meiner Dankbarkeit. Und als er das gesagt hatte, neigte der Kapitän das Haupt, und ein Lächeln des Friedens lag auf seinem Gesicht, und er schloss die Augen und ging hinüber in die lange, ersehnte Ruhe.
So war der Bann gebrochen. Achmet ließ den frommen Männern ein ehrliches Begräbnis bereiten, und das Schiff, das gestern noch ein Schiff des Schreckens gewesen war, lag nun im Morgenlicht da wie ein gewöhnliches, gutes Schiff, die Planken hell, die Segel rein.
Achmet wurde durch die Schätze an Bord ein wohlhabender Mann und kehrte heim in ein sicheres, gutes Leben. Aber er vergaß nicht, was geschehen war. Alle fünf Jahre zog er mit Ibrahim hinaus zur heiligen Stadt Mekka und betete dort für die Seelen der erlösten Männer und für den frommen Derwisch, den der Kapitän einst an den Mast geheftet hatte. Denn Achmet hatte begriffen: Reichtum, der einem geschenkt wird, will mit einem dankbaren und gütigen Herzen getragen werden, sonst ist er nichts wert.
So endet die Geschichte von dem Gespensterschiff. Das Böse wurde gelöst, die Ruhelosen fanden Ruhe, und das Meer lag wieder offen und still vor allen, die es befahren. Manchmal genügt ein wenig Erde, ein wenig fester, guter Grund unter dem müden Haupt, damit lange Unruhe endlich zur Ruhe kommt.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.