Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 6 Minuten zu lesen
Die Geschichte des Wesirs Dschafar
In jener Nacht, als der Mond seinen silbernen Schein über die Kuppeln und Minarette von Bagdad goß und die Palmen in den Innenhöfen reglos im warmen Nachtwind standen, da saß Dschafar ibn Yahya, der Wesir des Kalifen Harun ar-Raschid, allein in seinem Arbeitszimmer und betrachtete die Flamme seiner Öllampe. Das Licht tanzte, klein, still, beharrlich, und warf lange Schatten über die Rollen und Schriftstücke, die seinen Tisch bedeckten wie Blätter nach einem Herbststurm. Dschafar war ein Mann von großer Gelehrsamkeit und noch größerer Treue, und diese beiden Dinge hatten ihn weit gebracht, weiter, als er in seiner Jugend je zu träumen gewagt hätte.
Es begab sich, in alter Zeit, dass der Kalif Harun ar-Raschid eines Abends zu Dschafar trat mit jenem Leuchten in den Augen, das der Wesir seit Jahren kannte und das nichts Gewöhnliches verhieß. O Dschafar, sprach der Kalif, ich habe Unruhe in meinem Herzen, und kein Gedicht, kein Wein, keine Musik vermag sie zu stillen. Nimm mich mit auf einen Abendspaziergang durch die Stadt, verkleidet, als einfache Männer, wie wir es früher taten, und laß mich das Leben meines Volkes atmen. Dschafar verneigte sich tief, legte die Hand auf sein Herz und sprach: O mein Herr, Euer Wunsch ist mir Befehl und Ehre zugleich.
So zogen die beiden Männer aus dem Palast, der Herr aller Gläubigen und sein treuster Wesir, beide in schlichte wollene Gewänder gekleidet, beide ohne das Zeichen ihrer Würde, nur mit sich selbst und der Nacht. Bagdad empfing sie mit all seiner abendlichen Fülle: der Geruch von gebratenem Fleisch und frischem Brot, das Summen von Gesprächen in offenen Torbögen, das Lachen von Kindern, die zu spät noch auf den Gassen spielten, der ferne Ruf des Muezzin, der sich in der warmen Luft auflöste wie Weihrauch. Dschafar ging einen halben Schritt hinter dem Kalifen, wie er es immer tat, auch verkleidet, auch in der Nacht, auch ohne dass es jemand sah.
Es war in einer der verwinkelten Gassen nahe dem großen Basar, dass sie auf einen alten Fährmann stießen, der am Rand eines kleinen Kanals saß und ein Lied vor sich hin summte, leise, eintönig, wie das Wasser selbst. Der Kalif, von Neugier getrieben, setzte sich zu ihm, und Dschafar tat desgleichen. Der alte Mann erzählte ihnen, ohne zu wissen, wen er vor sich hatte, von seinem Leben auf dem Wasser, von den Waren und Menschen, die er über die Jahre hinübergebracht hatte, von den Geschichten, die ihm die Reisenden anvertraut hatten wie Gepäck, das sie loswerden wollten. Seine Stimme war ruhig und tief wie der Kanal zu seinen Füßen, und Dschafar spürte, wie die Anspannung des Tages langsam von seinen Schultern glitt.
Als der alte Fährmann geendet hatte, schwieg der Kalif lange. Dann wandte er sich zu Dschafar und sprach leise: Wisse, o Freund, denn heute Nacht bist du nicht mein Wesir, sondern mein Freund, dass ich manchmal glaube, dieser Mann auf seinem kleinen Boot kennt mehr vom Leben als wir in unserem großen Palast. Dschafar dachte nach, bevor er antwortete. O mein Herr, sprach er schließlich, vielleicht kennt er das Leben anders, nicht besser, nicht schlechter. Aber er kennt es aus der Nähe, wie man einen Stein kennt, den man täglich in der Hand hält. Wir kennen es aus der Weite, wie man eine Stadt kennt, die man von einem hohen Turm betrachtet. Beides ist wahr, und beides ist unvollständig.
Der Kalif betrachtete ihn in der Dunkelheit, und Dschafar sah in seinen Augen jenes warme Leuchten, das er mehr schätzte als alle Ehrungen und Geschenke, die ihm je zuteil geworden waren. Du bist der klügste Mann, den ich kenne, Dschafar, sprach Harun ar-Raschid. Und manchmal denke ich, dass ich ohne dich nicht ein Jahr regiert hätte. Dschafar verneigte sich, auch jetzt, auch ohne Thron und Hofstaat, auch in der Dunkelheit einer Gasse in Bagdad, und sprach: Wisse, o Weiser, dass ich ohne Euch kein Mann wäre, der des Verneigens würdig ist.
Sie wanderten noch lange durch die Stadt, der Kalif und sein Wesir, durch Gassen, die sich wie schlafende Schlangen durch das nächtliche Bagdad wanden, vorbei an Moscheen, deren Kacheln im Mondlicht leuchteten, vorbei an Gärten, aus denen der Duft von Jasmin und Orangenblüten stieg wie ein stilles Gebet. Dschafar prägte sich alles ein, jeden Geruch, jedes Geräusch, jedes Gesicht, das ihnen im Lampenlicht begegnete, denn er wusste, dass diese Nächte selten waren wie Perlen, und dass ein kluger Mann das Seltene hütet. Als sie schließlich in den Palast zurückkehrten und die schweren Tore sich hinter ihnen schlossen, blieb der Kalif noch einen Augenblick im Innenhof stehen. Der Brunnen plätscherte leise, und die Palmen warfen Schatten wie geschnittene Seide auf den weißen Marmor.
Harun ar-Raschid hob den Blick zum Mond und sprach kein Wort, aber Dschafar, der ihn kannte wie ein Musiker sein Instrument kennt, verstand dennoch alles. Er verstand die Dankbarkeit, die Einsamkeit, die Größe und die Last, die ein Herrscher trägt wie ein Gewand, das er nie ablegen kann, nicht einmal in der Nacht, nicht einmal verkleidet in den Gassen seiner Stadt.
Dschafar verbeugte sich tief und zog sich still zurück, wie es sich gehörte. In seinem Arbeitszimmer brannte die Öllampe noch immer, treu und beharrlich, als hätte sie auf ihn gewartet. Er setzte sich, legte die Hände flach auf den kühlen Tisch und schloß für einen Moment die Augen. Er dachte an den alten Fährmann und sein Lied, an die Gassen und den Jasmin, an die Worte des Kalifen in der Dunkelheit.
Ein Wesir trägt viele Lasten, die Last des Rates, die Last der Entscheidung, die Last des Wissens um Dinge, die andere nicht wissen dürfen. Aber in jener Nacht spürte Dschafar auch das Gewicht des Glücks: jenes stille, schwere, warme Glück, das entsteht, wenn ein Mensch genau dort ist, wo er sein soll. Die Flamme der Öllampe tanzte ein letztes Mal, bevor sie sich beruhigte und still und gleichmäßig brannte, ruhig wie die Nacht, ruhig wie die Stadt draußen, ruhig wie das Herz eines Mannes, der am Ende eines langen Tages weiß, dass er seine Pflicht getan hat und dass dies genug ist.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.