Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 8 Minuten zu lesen

Die Geschichte des verwandelten Prinzen

In den Zeiten der Kalifen, als Bagdad noch im Glanz seiner tausend Minarette leuchtete und die Nacht schwer war von Jasmin und Weihrauch, da lebte in einem fernen Königreich ein Prinz, den alle nur Karim nannten, den Großzügigen. Sein Palast stand am Rande eines stillen Sees, dessen Wasser so klar war wie geschmolzenes Mondlicht, und in seinen Gärten blühten Rosen in drei Farben: weiß wie Schnee, rot wie Granatäpfel, gold wie der erste Strahl der Morgensonne. Das Volk liebte ihn, denn er regierte mit einem Herzen so weit wie die Wüste und so tief wie der Ozean.

Es begab sich, in alter Zeit, dass Prinz Karim an einem Abend durch seine Gemächer schritt, als die Öllampen ihr weiches Licht über die Mosaikböden warfen und die Seidenteppiche sich weich unter seinen Füßen fügten. Die Diener hatten sich längst zurückgezogen, die Wesire waren in ihre Häuser gegangen, und nur die Grillen sangen noch ihr altes Lied in den Gärten draußen. In dieser stillen Stunde klopfte es an das große Tor, dreimal, leise, wie ein Seufzer.

Vor dem Tor stand eine alte Frau, in Lumpen gekleidet, das Gesicht tief in ein Tuch gehüllt. Sie bat um Brot und Wasser und einen Platz für die Nacht. Aber die Wächter, die nicht wussten, dass ihr Herr lauschte, wiesen sie fort, denn ein Palast, so sagten sie, sei kein Ort für Bettlerinnen. Karim trat aus dem Schatten, befahl den Wächtern zu schweigen, und führte die alte Frau selbst in den Innenhof, wo er ihr vom feinsten Brot geben ließ und Milch mit Honig und einen weichen Platz unter dem Granatapfelbaum.

Wisse, o Prinz, sprach die alte Frau, als sie gesättigt war, und ihre Stimme klang auf einmal fremd, tiefer, rauschender, wie Wind durch alte Säulenhallen, ich bin nicht das, was ich scheine. Und mit diesen Worten ließ sie das Tuch fallen, und ihr Gesicht war das Gesicht einer Dschinnia, eines weiblichen Geistes von großer Macht, mit Augen wie zwei schwarze Saphire und Haar das in der Nacht zu leuchten schien wie gesponnenes Silber. Sie lächelte Karim an, aber ihr Lächeln war nicht freundlich, oder doch, vielleicht war es das, auf seine ganz eigene Art.

Du hast mich behandelt wie einen Menschen, obwohl ich alt und gebrechlich schien. Dafür verdienst du eine Gabe, oder eine Prüfung. Beides ist dasselbe, für jene, die weise sind. Bevor Karim sprechen konnte, bevor er auch nur die Hand heben konnte, breitete die Dschinnia ihre Arme aus, und aus ihren Fingerspitzen strömte ein Licht, blau wie die tiefste Stunde der Nacht, und es umhüllte den Prinzen wie ein Mantel, wie ein Atem, wie ein Traum. Als das Licht erlosch, stand kein Mensch mehr im Innenhof.

Wo Karim gestanden hatte, saß nun ein Fisch, groß und schimmernd, mit Schuppen so golden wie das Mosaik am Kuppeldach des Palastes, und Augen so klar und traurig und weise, wie nur Augen sein können, die gesehen haben, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Die Dschinnia hob den Fisch behutsam auf und trug ihn zum See. Wisse, o Karim, flüsterte sie, während ihre Füße lautlos über den Kies glitten, der See ist dein Reich nun, und das Wasser dein Palast. Lerne, was du als Mensch nie gelernt hättest. Dann setzte sie ihn ins Wasser, und der Fisch verschwand in der Tiefe, golden aufblitzend, einmal noch, wie eine Münze, die ins Dunkel fällt.

Die Diener fanden den Palast am nächsten Morgen verlassen. Die Wesire riefen den Rat zusammen. Boten wurden ausgesandt in alle vier Himmelsrichtungen, in die Wüste und über die Berge, in die Städte am Fluss und in die Häfen am Meer. Aber niemand fand den Prinzen, denn niemand dachte, in einem stillen See nach einem Menschen zu suchen. Und Karim, der Fisch, schwamm.

Er schwamm durch die Tiefen des Sees, wo das Licht von oben nur noch als fernes Schimmern ankam, grün und weit und friedlich. Er sah die Wurzeln der Bäume, die wie Finger ins Wasser griffen. Er hörte den Regen von unten, ein Trommelwirbel auf dem Spiegel der Oberfläche, weit oben, wie eine andere Welt. Er lernte, was Stille war. Nicht die Stille eines Palastes in der Nacht, die immer noch von fernen Schritten und Stimmen bevölkert ist, sondern die echte Stille, die keine Sprache kennt.

Mit der Zeit begann er zu verstehen, was die Dschinnia gemeint hatte. Als Prinz hatte er gegeben, ja, großzügig gegeben, das war wahr, aber er hatte dabei immer gesehen, wie die anderen sich verneigten, wie ihre Augen aufleuchteten, wie sein Name geflüstert wurde. Er hatte gegeben und dabei doch empfangen: Dankbarkeit, Bewunderung, das warme Gefühl, geliebt zu werden. Im Wasser gab es das nicht. Im Wasser gab es nur das Geben selbst, den kleinen Fischen, die er beschützte, den Vögeln, die er mit seiner Gegenwart aufscheuchte, damit sie auffliegen und den Morgen begrüßen konnten.

So vergingen Monate. Der See kannte keine Kalender, aber das Wasser wurde kälter und dann wieder wärmer, die Blätter fielen und trieben auf der Oberfläche wie goldene Boote, und die Störche kamen und gingen. Eines Abends, als der Mond sich im See spiegelte und die Welt in zwei Hälften geteilt schien, eine oben und eine unten, und beide gleich still, da erschien die Dschinnia wieder.

Sie saß auf einem Stein am Ufer, die Füße im Wasser, und ihr Haar leuchtete wie damals. Bist du bereit, o Prinz? fragte sie leise in das Wasser hinein. Und der goldene Fisch schwamm zur Oberfläche, langsam, ohne Eile, wie jemand, der keine Angst mehr hat vor dem, was ihn erwartet. Das blaue Licht kam wieder, sanfter diesmal, wie eine Umarmung.

Und als es erlosch, stand Karim auf dem Stein am See, in denselben Kleidern wie an jenem Abend, als ob keine Zeit vergangen wäre, als ob alles nur ein Augenblick gewesen wäre. Aber sein Gesicht war anders. Nicht älter, nicht jünger, ruhiger. Als hätte die Stille des Wassers sich in ihn eingeschrieben. Was hast du gelernt? fragte die Dschinnia. Karim schwieg eine lange Zeit. Dann sprach er: Dass das Schweigen kein leerer Raum ist, sondern ein voller. Dass Geben am schönsten ist, wenn niemand zuschaut. Und dass man das Wasser erst dann wirklich sieht, wenn man selbst darin lebt. Die Dschinnia nickte, und in ihren Augen, den schwarzen Saphiren, lag etwas, das vielleicht Freude war.

Am nächsten Morgen kehrte Karim in seinen Palast zurück. Die Wesire fielen vor Staunen auf die Knie, die Diener weinten und lachten zugleich, und das Volk strömte zusammen, als ob ein Fest ausgerufen worden wäre. Aber Karim bat sie alle, ruhig zu sein. Er ließ kein Fest ausrichten, kein Bankett bereiten, keinen Boten ausschicken. Stattdessen ging er durch die Straßen der Stadt, allein, ohne Gefolge, ohne Kleid aus Seide, nur er selbst, in einem einfachen Gewand, und schaute sich an, was er nie wirklich gesehen hatte.

Er sah die Kinder, die im Staub spielten. Er sah die alten Frauen, die vor ihren Türen saßen und Fäden spannen, als ob die Zeit ein Tuch wäre, das sie webten. Er sah den Bäcker, der schon vor dem Morgengrauen aufstand, und den Wasserhändler, der schwere Krüge trug, und den blinden Sänger am Brunnen, der Lieder sang für niemanden und für alle. Und er gab, aber diesmal leise, ohne Aufhebens, ohne zu warten, bis die anderen nickten oder sich verneigten.

Und es heißt, denn die Geschichten der alten Zeit enden nie ganz, sie weben sich fort in andere Geschichten und andere Nächte, dass der See noch heute golden schimmert an bestimmten Abenden, wenn der Mond steht wie damals und das Wasser völlig still ist. Die Leute sagen, das sei das Licht des Prinzen, der nie aufgehört hat zu schwimmen, nicht im Wasser, sondern in der Welt, tief unter der Oberfläche der Dinge, dort wo die wahre Stille wohnt. Und in jener Nacht, weit, weit entfernt, liegt Bagdad im Mondlicht, und die Brunnen plätschern leise in den Innenhöfen, und der Jasmin duftet, und die Welt ist warm und ruhig und hält alle, die in ihr schlafen, sicher in ihren Armen.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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