Andreas’ Nacht

Frei nach Hans Christian Andersens Aarets Historie · 4 Minuten zu lesen

Die Geschichte des Jahres

Es war in den letzten Tagen des Januar, und ein großes Schneetreiben ging über Stadt und Land; der Schnee flog die Straßen entlang, die Menschen stemmten sich in den Wind, und nur die Spatzen hatten Zeit für Grundsatzfragen. Auf dem Kalender, sagte einer, hat das neue Jahr längst angefangen. Aber das ist Menschenrechnung, sagte ein anderer und plusterte sich, das Jahr fängt an, wenn der Frühling kommt, das weiß jede Feder. Nur: Wann kommt der Frühling? Das war die Frage, und um sie zu klären, flogen die mutigsten Spatzen aufs Land hinaus.

Draußen auf dem großen Hügel saß im tiefsten Schnee ein alter Mann, weiß von Haar und Bart, ruhig und mächtig, und sah über das schlafende Land. Der Rabe, der dort wohnte und alles wusste, erklärte den Spatzen: Das ist der Winter. Er ist nicht der Feind des Frühlings, er ist sein Vormund; er hält das Land ruhig, bis das Kind alt genug ist zum Regieren. Das gefiel den Spatzen halb, denn es klang gut, und halb nicht, denn es klang nach Warten.

Die Spatzen ließen sich vom Raben noch mehr erklären, denn der Rabe erklärte gern. Ob der Winter denn nicht grausam sei, wollten sie wissen, wo er doch alles zudecke und verstumme lasse. Grausam, sagte der Rabe, krah — ihr verwechselt streng mit grausam, das tun die Jungen immer. Seht doch hin: Unter seinem Schnee schlafen die Saaten, die im Sturm erfroren wären, in seiner Stille rasten die Wälder, die sich im Sommer verausgabt haben, und seine langen Nächte sind für die Menschen gemacht, damit sie endlich wieder beieinandersitzen und Geschichten erzählen. Der Winter nimmt nichts fort, er verwahrt nur. Und im Verwahren, sagte der Rabe und plusterte sich, ist er von uns allen der Zuverlässigste.

Aber eines Morgens war die Luft anders, und von Süden kamen die Störche, und sie brachten — so erzählt es die Geschichte — zwei schöne Kinder mitgeflogen, einen Knaben und ein Mädchen, den Frühling selbst. Die Kinder küssten den alten Winter auf die weiße Wange, da lächelte er, wie erlöst, und zog sich zurück in die Berge, und wo die Kinder über die Felder liefen, wurde es grün hinter ihren Füßen, und die Lerchen stiegen und sangen: Der Frühling ist da! Aus den Kindern wurden über die Monate zwei junge Leute, und aus dem Frühling wurde der Sommer.

Der Sommer hatte seine Fülle über das ganze Land gelegt: Die Kirschen hingen schwer und warm, in den Gärten wuchsen die Kinder mit den Bohnen um die Wette, und die Abende waren so lang, dass die Menschen das Schlafengehen vergaßen und noch in der Dämmerung auf den Bänken saßen, die Hände im Schoß, und nichts sagten, weil nichts fehlte. Über den Wiesen stand der Duft von Heu wie ein zweiter, niedrigerer Himmel, die Bienenkörbe waren schwer wie gute Gewissen, und die Frau des Jahres ging durch alles hindurch und lächelte müde und reich. Man sah ihr an, dass sie ihr Bestes gegeben hatte. Und dass sie langsam ans Ausruhen dachte, sah man auch, wenn man genau hinsah. Aber wer sieht im Sommer schon genau hin? Man glaubt ihm einfach, dass er bleibt.

Dann wurde ihr Schritt langsamer, ihr Haar goldener; der Herbst kam, die Störche rüsteten nach Süden, und eines stillen Tages war die schöne Herrin des Jahres fort, so wie ein Sommer eben fortgeht: Man kann den Tag hinterher nicht nennen. Die Wälder brannten noch einmal in allen Farben und wurden dann leise, und über den Hügel kam, ruhig wie immer, der alte weiße Mann zurück und setzte sich auf seinen Platz. Der Vormund hatte wieder Dienst.

Und nun lag das Land wieder still unter dem Schnee, und in der Stadt läuteten die Glocken die Weihnacht ein, und es roch aus allen Häusern nach Lichtern und Gebäck. Die Spatzen saßen aufgeplustert unterm Dachrand, und der Jüngste fragte, wie Spatzen immer fragen: Und wann kommt der Frühling? Wenn die Störche kommen, sagte der Älteste, wie jedes Jahr. Man muss nur schlafen können, bis es so weit ist. Das ist die ganze Geschichte des Jahres — sie hat kein Ende, sie hat nur Jahreszeiten, und die nächste ist immer schon unterwegs, ganz ruhig, während wir schlafen.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Andersen Märchen, Teil zwei · Die vergessenen 65 Geschichten. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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