Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 8 Minuten zu lesen
Die Geschichte der Scheherazade
In den Zeiten der Kalifen, als die Sterne über Bagdad so nah schienen, dass man sie mit ausgestreckter Hand hätte berühren können, lebte ein König namens Schahriyar, dessen Herz einst offen und weit gewesen war wie die Wüste vor dem Morgenrot. Doch ein tiefer Schmerz hatte sich in ihm festgesetzt, ein Schmerz so schwer wie Stein, und er hatte sich von der Welt abgewendet, von der Freude, von der Güte, vom Vertrauen.
Sein Wesir, ein alter Mann mit weißem Bart und klugen Augen, trug das Leid seines Herrn wie eine Last auf den Schultern, schweigend und geduldig, und betete in jeder Nacht, dass sich das Herz des Königs wieder öffnen möge. In jenem Palast, dessen Mauern von Jasminranken umschlungen wurden und dessen Kuppeln im Mondlicht wie poliertes Silber leuchteten, hatte der Wesir zwei Töchter.
Die ältere hieß Scheherazade, ein Name, der auf der Zunge zerschmolz wie Honig auf warmem Brot. Sie war schön, ja, doch ihre wahre Schönheit lag nicht in den dunklen Augen oder dem Haar schwarz wie die Mitternacht, sondern in dem Geist, der hinter diesen Augen leuchtete. Sie hatte mehr Bücher gelesen als mancher Gelehrte, kannte die Geschichte der Völker und der Könige, die Geheimnisse der Sterne und die Weisheit der alten Dichter, und sie besaß das seltenste aller Talente: Sie wusste, wie man eine Geschichte erzählt, so dass die Worte sich um das Herz des Zuhörers legten wie eine warme Decke in kalter Nacht.
Als Scheherazade von dem Kummer des Königs hörte, von seinem versteinerten Herzen und dem Schatten, der über dem Palast lag, da fasste sie einen Entschluss, der ihren Vater vor Schrecken erblassen ließ. Sie wollte zum König gehen, als seine Braut, als seine Geschichtenerzählerin, als die Frau, die vielleicht das Unmögliche vollbringen konnte: sein Herz wieder zum Schlagen zu bringen. Der Wesir flehte und bat, er sprach in der ruhigsten Stimme, die er aufbringen konnte, und dann in der verzweifeltsten, aber Scheherazade lächelte nur, jenes stille, geheimnisvolle Lächeln, das ihr Vater nie ganz zu deuten gewusst hatte. O mein Vater, sprach sie sanft, entweder gelingt es mir, oder ich werde gescheitert sein in dem, was ich für richtig halte.
Aber ich werde es versuchen. So kam Scheherazade in den Palast des Königs Schahriyar. Die Gemächer rochen nach Oud und Rosenöl, die Böden waren aus poliertem Marmor, kühler als die Nacht selbst, und die Öllampen warfen goldene Muster an die mit Mosaiken bedeckten Wände, Muster wie Sterne, wie Wellen, wie die verschlungenen Pfade eines Lebens. Scheherazade trug ein Gewand aus tiefblauer Seide, bestickt mit silbernen Halbmonden, und in ihrem Haar glänzten kleine Lichtpunkte wie ein Stück des nächtlichen Himmels herabgefallen auf die Erde. Als die erste Nacht hereinbrach und der König in seiner Stille saß, so schwer und so fern wie ein Berg, da begann Scheherazade zu sprechen.
Ihre Stimme war wie fließendes Wasser, mal leise und gleitend, mal lebhaft und springend, und die Worte, die sie wählte, waren wie Steine, die sie mit Bedacht ins Wasser warf, einen nach dem anderen, so dass Kreis um Kreis entstanden und das ganze Gemach erfüllten. Sie erzählte von einem Kaufmann und einem Dschinn, von einem Fischer und einer Flasche aus dem Meer, von Prinzessinnen in verwunschenen Schlössern und Weisen, die in Vogelgestalt die Welt bereisten.
Und der König lauschte. Das war das Wunder, nicht Magie, nicht Gold, nicht die Macht eines Herrschers, sondern das schlichte, unaufhörliche Wunder einer Stimme, die erzählte. Schahriyar, dessen Herz so lange wie Stein gewesen war, merkte kaum, wie die Stunden vergingen. Die Öllampen brannten tiefer, das Mondlicht wanderte langsam über die Mosaikböden, und noch immer sprach Scheherazade. Ihre Schwester Dunyazad, die in einem Nebengemach saß und auf ein Zeichen gewartet hatte, hörte die leisen Worte und lächelte.
Dies war der Plan: Scheherazade würde erzählen, Nacht für Nacht, und jede Geschichte würde enden, wenn die Morgenröte die Kuppeln des Palastes in rosafarbenes Licht tauchte, und die neue Geschichte würde beginnen, bevor die alte zu Ende war, so dass der König wartete, horchte, sich sehnte nach dem Fortgang. In der zweiten Nacht, als die Sterne ihre Positionen gewechselt hatten und ein kühler Wind von der Wüste her durch die ziselierten Fenstergitter strich, erzählte Scheherazade weiter.
Und in der dritten Nacht. Und in der hundertsten. Jede Geschichte öffnete eine Tür in eine neue Welt, in die Tiefen der Meere, wo Fischerknaben in Palästen aus Perlmutt schliefen, in die Gärten des Ostens, wo Vögel mit Federn aus Feuer die Geheimnisse der Götter kannten, in die Basare von Kairo und Damaskus, wo Gewürze dufteten wie Träume und jeder Händler eine Geschichte mit sich trug, die wiederum eine Geschichte in sich barg.
Scheherazades Geschichten waren wie jene ineinander verschachtelten Kästchen aus Sandelholz, die man auf dem Basar kaufen konnte, öffnete man eines, fand man ein kleineres darin, und darin ein noch kleineres, und so weiter bis ins Unendliche. Und etwas Zartes und Beharrliches geschah in jenen Nächten. Wie Wasser, das Tropfen für Tropfen den härtesten Stein höhlt, so höhlten Scheherazades Worte die Stille um das Herz des Königs aus.
Nicht mit Kraft, nicht mit Klugheit allein, sondern mit Geduld, mit Wärme, mit der unerschütterlichen Überzeugung, dass in jeder Geschichte ein Funken Wahrheit schlummert, der heller brennt als jedes Feuer. Schahriyar begann, auf die Abende zu warten. Er begann, in den Geschichten Dinge zu erkennen, die er kannte, Schmerz und Verlust, ja, aber auch Güte, Mut, die Bereitschaft, nach einem Sturz wieder aufzustehen. Er sah Kaufleute, die alles verloren und dennoch weiterzogen. Er sah Könige, die irten und es erkannten. Er sah Liebende, die trennten Welten überwanden, nicht immer siegreich, aber immer mit dem Gesicht dem Licht zugewandt.
In der dreihundertsten Nacht brannte die Öllampe ruhig, und der König saß anders als sonst, nicht starr, nicht in sich gekehrt, sondern leicht vorgebeugt, die Hände entspannt auf den Knien, die Augen nicht mehr dunkel vor altem Schmerz, sondern wach und sanft. Scheherazade erzählte von Sindbad, dem Seefahrer, der sieben Mal das Unmögliche gewagt hatte und sieben Mal zurückgekehrt war, nicht weil das Schicksal ihm gnädig gewesen wäre, sondern weil er die Kunst des Wiederbeginns kannte, jene stille, unbesiegbare Fähigkeit, nach jedem Sturm das Segel neu zu setzen.
Und der König horchte, und ein einzelner, leiser Atemzug entwich seiner Brust, als wäre dort etwas gelöst worden, was lange festgehalten hatte. Die Nächte wurden zu Wochen, die Wochen zu Monaten, die Monate zu einem Jahr, dann zu zwei. Tausend Nächte vergingen, und noch eine, und die Welt des Palastes hatte sich so behutsam verändert, dass man es kaum bemerkt hatte, wie sich ein Garten verändert, wenn man ihn täglich pflegt, und man eines Morgens innehält und denkt: Wann genau ist aus dem kleinen Setzling dieser mächtige Baum geworden? Das Lachen war zurückgekehrt in die Gemächer des Königs.
Nicht laut und ausgelassen, sondern still und echt, wie das Licht einer Öllampe, das warm und beständig brennt ohne Aufhebens. Und dann, in der tausendundeinen Nacht, geschah das Seltsamste: Scheherazade schwieg. Nicht aus Erschöpfung, nicht aus Mangel an Geschichten, denn ihr Geist war reich wie ein Garten nach dem Regen, und sie hätte noch tausend weitere Nächte erzählen können. Aber sie spürte, dass dies der Augenblick war.
Die Geschichte, die sie in diesen Nächten wirklich erzählt hatte, war nicht die von Kaufleuten und Dschinnen, von Prinzessinnen und Seefahrern — es war die Geschichte eines Herzens, das sich wieder geöffnet hatte. Und diese Geschichte war nun vollständig. König Schahriyar blickte auf Scheherazade, und in seinem Blick lag etwas, das er selbst vielleicht nicht in Worte hätte fassen können, ein Staunen, eine Dankbarkeit, die tiefer ging als Worte.
O Scheherazade, sprach er leise, und seine Stimme war so anders als in jener ersten Nacht, weicher, menschlicher, wie ein Fluss, der sein hartes Ufer verlassen hat und nun durch offenes Land fließt, du hast mir tausendundeine Geschichte geschenkt. Aber das Größte, das du mir geschenkt hast, ist nicht eine Geschichte. Es ist die Fähigkeit, wieder zu lauschen. Scheherazade neigte den Kopf, jenes stille, warme Lächeln auf den Lippen, das ihr Vater nie ganz hatte deuten können.
Und in den Mauern des Palastes, umrankt von Jasmin, unter dem alten, gütigen Mondlicht, das auf Mosaike und Marmor fiel wie eh und je, war es sehr still und sehr friedlich, die Stille, die nicht leer ist, sondern voll, angefüllt mit allem, was gesagt worden war, mit allen Welten, die in diesen Nächten entstanden waren, mit dem leisen, beharrlichen Wunder der menschlichen Stimme, die erzählt und erzählt, damit das Herz nicht vergisst, wie es schlägt. Die Öllampen brannten bis zum Morgen, und in ihrer Wärme schlief die Welt.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.