Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 5 Minuten zu lesen

Die Geschichte der drei Wünsche

In den Zeiten der Kalifen, als Bagdad noch im Glanz seiner tausend Lampen leuchtete und die Nacht über den Minaretten wie ein bestickter Mantel hing, lebte in einer kleinen Gasse nahe dem Basar ein Schneider namens Harun. Er war kein reicher Mann, aber ein zufriedener, sein Laden roch nach Kardamom und frisch gefärbter Seide, seine Finger kannten jeden Faden, und abends saß er bei einer Öllampe und nähte, bis seine Augen schwer wurden. Doch manchmal, wenn der Wind vom Fluss her die Stimmen der großen Welt hertrug, dachte er: Wie wäre es, wenn alles anders wäre? An einem solchen Abend, als der Mond wie eine silberne Münze über den Dächern stand, hörte Harun ein leises Wimmern aus dem Innenhof.

Er trat hinaus und fand zwischen den Töpfen seiner Nachbarin eine kleine Eidechse, deren Fuß sich in einem lockeren Flechtwerk verfangen hatte. Mit sanften Händen befreite er das Tier, strich ihm einmal über den schimmernden Rücken und ließ es gehen. Er dachte nichts dabei — es war das Selbstverständlichste der Welt, einem kleinen Geschöpf zu helfen. Kaum aber hatte die Eidechse drei Schritte getan, da begann sie sich zu drehen, erst langsam, dann schneller, bis aus dem kleinen Tier eine Gestalt von Licht und Rauch emporstieg, hoch wie ein Palmenbaum, funkelnd wie der Sternenhimmel.

Ein Dschinn stand vor Harun, gekleidet in Gewänder, die zwischen Blau und Gold wechselten wie das Meer bei Sonnenuntergang, die Augen warm wie Bernstein, die Stimme ein tiefer, ruhiger Strom. Wisse, o Schneider, sprach der Dschinn, ich war verwunschen durch die List eines bösen Zauberers, und du hast mich befreit. Dafür gewähre ich dir drei Wünsche, doch höre mich wohl: Wünsche mit Bedacht, denn jeder Wunsch trägt seinen eigenen Schatten. Harun stand sehr still. Er war ein einfacher Mann, und einfache Männer wissen, dass man bei solchen Dingen nicht vorschnell ist. Er verneigte sich tief und sprach: O großer Dschinn, ich danke dir. Doch ich bitte dich: Gib mir bis zum Morgen Zeit, damit ich in Ruhe nachdenken kann.

Der Dschinn lächelte, und in diesem Lächeln lag etwas, das Harun nicht ganz deuten konnte, vielleicht Überraschung, vielleicht Freude. Es sei, sprach er. Wenn der Muezzin zum Morgengebet ruft, kehre ich zurück. Und er löste sich auf wie Weihrauchrauch im Nachtwind. Harun saß lange bei seiner Lampe. Zuerst kamen die großen Gedanken: Gold, ein Palast, seidene Kleider, ein Garten mit Springbrunnen. Dann kamen die kleinen: ein neues Dach für den Laden, gutes Essen für den Winter, vielleicht ein Esel, damit seine alten Beine nicht so weit laufen mussten. Er dachte an seinen Freund Yusuf, den Bäcker, dessen Frau krank war.

Er dachte an die Kinder in der Gasse, die barfuß liefen. Und je länger er nachdachte, desto mehr merkte er, dass die Wünsche nicht kleiner wurden, sondern größer, denn hinter jedem guten Wunsch verbarg sich ein noch besserer, und dahinter ein noch besserer, bis er sich in einem Wald aus Möglichkeiten verlor. Schließlich legte er seine Nadel hin, löschte die Lampe nicht, er liebte ihr kleines Flackern, und schlief ein, den Kopf auf seine gefalteten Hände gestützt. Als der Muezzin rief und das erste blasse Licht durch das Gitterwerk seiner Fensterläden fiel, war der Dschinn wieder da.

Er saß auf dem Rand des Brunnens, als hätte er die ganze Nacht dort gewartet, und die Stille um ihn herum war die Stille einer sehr alten und sehr geduldigen Seele. Nun, o Harun, sprach der Dschinn, was wünschst du? Harun räusperte sich. Mein erster Wunsch, sprach er langsam, ist dieser: Möge die Frau meines Freundes Yusuf, des Bäckers, wieder gesund werden. Der Dschinn neigte den Kopf, und irgendwo in der Stadt, in einer kleinen Kammer, öffnete eine Frau die Augen und spürte, wie die Schwere von ihr wich wie ein Stein, der ins Wasser sinkt. Und dein zweiter Wunsch?

Harun dachte einen Herzschlag lang nach. Mögen die Kinder in dieser Gasse niemals Hunger leiden, nicht heute, nicht morgen, nicht in den Jahren, die kommen. Wieder neigte der Dschinn den Kopf. Eine Wärme ging durch die Gasse, unsichtbar und unbenennbar, wie der Duft von Brot, das noch nicht gebacken ist. Eine lange Stille legte sich über den Innenhof. Die Vögel begannen zu singen. Irgendwo klapperte der erste Händler seinen Laden auf. Der Dschinn wartete, und sein Warten war sehr sanft. Und dein dritter Wunsch, o Schneider? Harun sah den Dschinn an. Dann sah er seine Hände an, die narbigen, geübten Hände eines Mannes, der sein Handwerk liebt.

Mein dritter Wunsch, sprach er schließlich, ist dieser: Möge ich immer wissen, wann mir das, was ich habe, genug ist. Der Dschinn schwieg einen Moment, und in seinen Bernsteinaugen lag etwas, das tiefer war als alle Paläste und alle Schätze, vielleicht das älteste Staunen der Welt. Dann verneigte er sich tief, tiefer als ein Dschinn sich wohl je vor einem einfachen Schneider verneigte. Dieser letzte Wunsch, sprach er leise, ist der seltenste, den mir je jemand gewünscht hat. Geh in Frieden, Harun. Und er verging im Morgenlicht, lautlos wie der Tau.

Harun saß noch eine Weile im Innenhof und hörte auf die erwachende Stadt, die Rufe der Händler, das Lachen der Kinder, das Plätschern des Brunnens. Yusuf kam an jenem Morgen mit feuchten Augen zu ihm und konnte kaum sprechen. Die Kinder aßen Brot und wussten nicht warum, und Harun nähte in seinem Laden und summte dabei, und sein Herz war so voll und so ruhig wie ein Teich in einer windstillen Nacht. Und es heißt, er lebte noch viele Jahre in seiner kleinen Gasse, nähte schöne Dinge aus Seide und Leinen, und wann immer ihn die Gedanken an mehr und größer und weiter überkamen, da legte er die Nadel hin, hielt inne, und wusste.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in 1001 Nacht · 54 Geschichten der Scheherazade. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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