Nach Wilhelm Hauff · 8 Minuten zu lesen
Die Geschichte Almansors
In der schönen Stadt Alexandria am Meer lebte ein vornehmer und weiser Mann namens Ali Banu. Er besaß Reichtum und Ansehen, ein herrliches Haus mit einer von Palmen beschatteten Terrasse, und er war geachtet bei Hoch und Niedrig. Doch über all seinem Glanz lag ein tiefer Schatten, ein stiller, niemals heilender Kummer. Denn Ali Banu hatte einst einen Sohn besessen, den er über alles liebte, einen Knaben mit dunklen Augen und braunem Haar, der zu Hause Kairam genannt wurde. Diesen Sohn hatte er verloren, und die Geschichte, wie das geschah, ist die Geschichte, die hier erzählt werden soll.
Kairam wuchs glücklich und behütet auf, umgeben von allem Schönen, und doch nicht verzärtelt, denn sein Vater war ein weiser Mann, der ihm früh die Lehren der Tugend gab und ihm einen berühmten Gelehrten zum Lehrer hielt. So lernte der Knabe alles, was ein junger Mensch wissen muss, und sein Geist wurde klar und sein Herz gut.
Kairam war etwa zehn Jahre alt, als ein großes Unglück über das Land kam. Aus der Ferne, über das Meer her, kamen die Franken mit Heer und Schiffen und führten Krieg in Ägypten. Sie misstrauten dem angesehenen Ali Banu, und eines Morgens, als er eben zum Gebet gehen wollte, traten Soldaten in sein Haus. Sie verlangten ein Unterpfand seiner Treue, und als Ali Banu sich weigerte, das Liebste herzugeben, da nahmen sie ihm mit Gewalt seinen Sohn und führten den weinenden Knaben fort in ihr Lager. Vergebens bot der Vater Gold und immer mehr Gold für seinen Kairam. Sie gaben ihn nicht zurück.
Im Lager der Franken erging es dem kleinen Kairam äußerlich nicht schlecht. Einer der Feldherren ließ ihn in sein Zelt kommen, hatte seine Freude an den klugen Antworten des Knaben, die ein Dolmetscher übersetzen musste, und sorgte dafür, dass es ihm an Speise und Kleidung nicht fehlte. Aber kein Wohlleben konnte die Sehnsucht nach Vater und Mutter stillen. Viele Tage weinte der Knabe still vor sich hin, und das Heimweh saß ihm tief in der Brust wie ein Stein. Das Heer aber zog hin und her durchs Land, und immer schleppten sie den jungen Kairam mit sich und sagten, er müsse ein Pfand für die Treue seines Vaters bleiben.
Eines Tages kam Bewegung in das Heer der Franken. Man sprach vom Aufbruch, vom Einschiffen, von der Rückkehr übers Meer, und Kairams Herz schlug höher vor Hoffnung — nun, dachte er, nun werden sie mich gewiss freilassen und heimkehren lassen zu Vater und Mutter. Doch es kam anders. Am Ufer, in der Nacht vor der Abfahrt, fiel ein tiefer, schwerer Schlaf über ihn. Und als er erwachte, da schwankte der Boden unter ihm, und ringsum war nichts mehr als Himmel und Meer. Man hatte ihn auf ein Schiff gebracht. Nicht heimwärts ging die Fahrt, sondern fort, weit fort, in das ferne Land der Franken.
So kam Kairam, den man nun Almansor nannte, in ein fremdes, kühles Land. Man führte ihn durch viele Städte, und überall lief das Volk zusammen, um den fremden Knaben zu sehen. Schließlich übergab man ihn einem Arzt in einer großen Stadt, der ihn in sein Haus nahm und ihn die Sitten und Gebräuche jenes Landes lehrte. Almansor musste enge, fremde Kleider tragen, musste lernen, die Mütze vom Kopf zu nehmen statt sich nach Landessitte zu verneigen, und vieles andere, was ihm sonderbar und steif vorkam. Aber er war klug und fügsam, und mit der Zeit lernte er auch die fremde Sprache.
Sein größter Trost in jener Zeit aber war ein alter, sonderbarer Gelehrter, ein weiser Mann, der viele Sprachen des Morgenlandes verstand und den fernen Osten liebte. Dieser Alte ließ den jungen Almansor oft zu sich kommen. Er hatte ihm Kleider machen lassen, wie sie die Vornehmen in Ägypten tragen, und bewahrte sie in einem besonderen Zimmer auf. Kam Almansor, so durfte er sich nach der Sitte seiner Heimat kleiden, und dann führte ihn der Alte in einen Saal, den er scherzhaft Klein-Arabien nannte, einen Raum, ausgestattet wie eine Stube des Morgenlandes, mit weichen Teppichen und Kissen und dem Duft fremder Früchte. Dort war es dem Knaben jedes Mal, als wäre er für ein paar selige Stunden wieder zu Hause. Diese gütige Klugheit des alten Mannes hat Almansor ihm nie vergessen.
Die Jahre vergingen, und aus dem Knaben wurde ein schöner, stattlicher Jüngling. Endlich, als zwischen den Völkern wieder Frieden ward, kam für Almansor die lang ersehnte Stunde: Er durfte zurückkehren in die Heimat. Mit klopfendem Herzen trat er die weite Reise an, über das Meer, dem fernen Ägypten entgegen, das er in all den Jahren keinen Tag vergessen hatte.
Doch das Schicksal hatte ihm noch eine letzte Prüfung zugedacht. Auf der Heimfahrt geriet sein Schiff in die Hände von Seeräubern, und der arme Almansor, der schon die Freiheit vor Augen gehabt hatte, wurde aufs Neue gefangen und in die Sklaverei verkauft. Man brachte ihn, mit anderen Unglücklichen, zu einem großen Sklavenmarkt — und als er sich umsah, da stockte ihm der Atem vor Rührung. Denn dieser Marktplatz, dieser eine unter so vielen, das war der Marktplatz seiner eigenen Vaterstadt Alexandria. Allah sei gepriesen, flüsterte er, nach so langem Unglück sehe ich endlich wieder die Heimat.
Während er noch staunte, kam ein vornehmer, würdiger Mann um die Ecke des Platzes. Almansors Herz zuckte zusammen, denn ihm war, als kenne er diese Gestalt. Der Mann trat heran, betrachtete die Sklaven prüfend, einen nach dem anderen, und kaufte schließlich gerade ihn, Almansor. Da konnte der Jüngling kaum an sich halten, und ein heißes, dankbares Gebet stieg in ihm auf; denn er hatte den Mann erkannt. Es war kein anderer als sein eigener Vater, Ali Banu, der seinen verlorenen Sohn gekauft hatte, ohne ihn wiederzuerkennen.
Im Hause des Scheik aber, wo Ali Banu an einem stillen Tag des Gedenkens einige seiner Sklaven freiließ, bat man die Freigelassenen, ihre Geschichten zu erzählen. Und als die Reihe an den schönen jungen Mann mit dem mutigen Blick kam, da erzählte er die Geschichte Almansors, seine eigene Geschichte: vom geraubten Knaben, vom Lager der Franken, von der langen Verbannung im fremden Land, von Klein-Arabien und der Sehnsucht und der endlichen Heimkehr.
Der Scheik Ali Banu lauschte wie gebannt; seine Brust hob sich, seine Augen glühten, denn die Erzählung rührte an seine eigene, tiefste Wunde. Und in welcher Stadt, fragte er endlich mit bebender Stimme, wurde dieser Almansor geboren? In Alexandria, Herr, antwortete der Jüngling. Und zu Hause nannte man ihn nicht Almansor, sondern Kairam.
Da konnte sich der junge Mann nicht länger halten. Tränen der Freude stürzten ihm aus den Augen, er warf sich dem Scheik zu Füßen und rief: Und dennoch bin ich es selbst, Vater, Kairam, dein Sohn! Denn Ihr seid es, der mich gekauft hat. Allah, Allah, ein Wunder, riefen alle im Saal und drängten herbei. Der Scheik aber stand sprachlos und schaute den Jüngling an, und vor lauter Tränen konnte er nicht erkennen, ob es wirklich die Züge seines verlorenen Kindes waren.
Da trat der alte Lehrer herzu, der einst auch Kairams Lehrer gewesen war, ein weiser Derwisch. Er sah den jungen Mann lange an, legte ihm die Hand auf die Stirn und fragte leise: Kairam, wie hieß der Spruch, den ich dir am Tag des Unglücks mit auf den Weg gab? Und als der Jüngling den alten, vertrauten Spruch Wort für Wort hersagte, da war jeder Zweifel dahin.
Der Vater schloss den wiedergefundenen Sohn in die Arme, und es war ein Weinen und ein Lachen zugleich im ganzen Hause, wie man es selten erlebt. Der lange Kummer von so vielen Jahren löste sich auf in dieser einen, überwältigenden Freude. Der Tag des Gedenkens, der so oft ein Tag der Trauer gewesen war, wurde nun in Wahrheit zu einem Tag des Festes. Und Kairam, der so weit gereist, so lange verbannt, so oft geprüft worden war, der war endlich daheim, im Hause seines Vaters, in der Stadt seiner Kindheit, am warmen Meer seiner Heimat.
So endet die Geschichte Almansors. Sie erzählt von einem langen, dunklen Weg durch fremde Länder — und davon, dass die Sehnsucht nach der Heimat und nach denen, die uns lieben, stärker ist als alle Ferne und alle Zeit. Wer geduldig bleibt und sein Herz rein bewahrt, der findet am Ende heim, so wie Kairam heimfand in die Arme seines Vaters. Alexandria aber liegt still in der Nacht. Das Meer rauscht sanft und gleichmäßig an der Küste, die Palmen wiegen sich leise im warmen Wind, und über der schlafenden Stadt stehen die Sterne in friedlichem Glanz. Alles Verlorene ist heimgekehrt.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.