Nach den Erzählungen der Bibel · 5 Minuten zu lesen
Die Geburt im Stall
Und es geschah in jener Nacht, als Maria und Josef die kleine Stadt Bethlehem erreicht hatten, dass die Welt still wurde auf eine Art, die sich nur schwer in Worte fassen lässt. Die Gassen waren eng und voller Menschen, die aus allen Himmelsrichtungen gekommen waren, Familien und Händler und alte Männer mit schweren Schritten, alle gezogen von demselben Ruf, alle müde von langen Wegen. Josef klopfte an manche Tür, und manche Tür öffnete sich freundlich, doch wer einmal hineinsah, schüttelte den Kopf. Kein Platz mehr. Die Stadt war voll bis in den letzten Winkel.
Josef ließ sich nicht entmutigen. Er suchte weiter durch die stillen Gassen, eine Hand an der Schulter des Esels, der langsam und geduldig seinen Schritt tat. Maria saß auf dem Tier und hielt sich ruhig, und in ihren Augen lag etwas Ruhiges, Tiefes, wie ein Wasser, das keinen Wind kennt. Sie sprach wenig. Sie wartete. Die Nacht legte sich über die Hügel um Bethlehem, und die Sterne entzündeten sich eines nach dem anderen am dunklen Gewölbe des Himmels, als würden unsichtbare Hände Lampe um Lampe anzünden in einem sehr großen Haus.
Dann fand Josef eine Unterkunft, die nicht aus Menschenhand erbaut war für Menschen, eine kleine Höhle im Fels, oder ein Stall, wie manche sagen, dort wo das Stroh nach Wärme roch und die Tiere ruhig in der Dunkelheit standen. Es war ein einfacher Ort. Keine Kissen, kein Licht aus geschliffenen Lampen, keine Dienerinnen, die herbeieilten. Nur das leise Atmen der Tiere, das Rascheln des Strohes unter den Schritten, der Geruch von Erde und warmem Fell. Josef bereitete, was er hatte. Er breitete den Umhang aus und sorgte, so gut er konnte, dass Maria sich niederlegen konnte in diesem stillen Ort.
Und in dieser Nacht, in dieser einfachen und vollkommen gewöhnlich aussehenden Nacht, geschah es. Das Kind kam zur Welt. Ein Neugeborenes, wie jedes Neugeborene, klein und wunderbar, mit Händen, die sich öffneten und schlossen wie Blütenblätter, mit Augen, die das erste Mal das schwache Licht erblickten. Maria nahm es in die Arme, und ihr Gesicht war erfüllt von einer Stille, die tiefer war als Erschöpfung, tiefer als Freude, tiefer als alles, wofür es ein einfaches Wort gibt.
Sie wickelte das Kind in Tücher, sorgsam und zärtlich, Lage um Lage, wie man etwas Kostbares einschlägt. Und dann legte sie es in die Krippe, in das weiche Stroh, das die Tiere an diesem Abend nicht gefressen hatten, als hätten sie gewusst, dass es für etwas anderes bestimmt war. Das Kind lag dort, umgeben von der Wärme der Nacht und der stillen Gegenwart der Tiere, und der Atem der Ochs und Esel stieg als kleines weißes Wölkchen in die kühle Luft. Josef stand und schaute. Er sagte kein Wort. Manche Augenblicke brauchen keine Worte.
Die Nacht draußen war tief und weit. Die Hügel um Bethlehem lagen in Dunkel und Stille. Weiter weg leuchteten die Feuer der Hirten, kleine orange Punkte in der großen schwarzen Landschaft, und ihre Schafe schliefen dicht beieinander auf dem kalten Boden. Die Stadt war still geworden. Die Menschen in ihren überfüllten Quartieren schliefen oder lagen wach und dachten an den nächsten Tag. Niemand wusste, was geschehen war in dem kleinen Stall am Rand der Stadt. Niemand außer Maria und Josef und dem Kind selbst, das nun schlief mit ruhigem Atem im Stroh.
Maria ruhte sich aus und hielt die Augen halb geschlossen, und manchmal öffnete sie sie wieder und schaute auf das Kind, ganz nah bei ihr. Es lag so friedlich da, so vollkommen still, wie jemand, der angekommen ist nach einer sehr langen Reise und nun schläft den tiefsten aller Schlafe. Die Tiere regten sich kaum. Der Stall war warm von ihrer Gegenwart, und das Stroh raschelte leise, wenn jemand atmete oder sich ein wenig bewegte. Die Welt war sehr klein geworden in dieser Stunde. So klein wie ein Stall. So klein wie zwei müde Menschen und ein Kind in einer Krippe.
Und doch, wer die Nacht über Bethlehem hätte sehen können mit anderen Augen, der hätte vielleicht gespürt, dass diese Stille anders war als alle anderen Stillen. Dass in dieser schlichten Höhle etwas ruhte, das größer war als der Stall, das größer war als die Stadt, das größer war als die Hügel und die Wüste und die Sterne, die über allem wachten. Etwas, das keine Worte füllte, aber das Maria im Herzen trug und bewahrte wie ein Licht in einer kleinen Laterne, sorgfältig geschützt vor dem Wind der Welt.
So schlief das Kind in der Krippe, und Maria schlief, und Josef wachte noch eine Weile und lauschte in die Stille. Draußen wanderten die Sterne langsam ihre alten Bahnen, und eine von ihnen schien heller zu leuchten als sonst, ruhig und klar über dem Dach des kleinen Stalles. Die Nacht hielt alles in ihren stillen Armen. Und die Welt atmete, und das Kind atmete, und alles war gut in diesem Augenblick, der nie ganz aufgehört hat zu sein.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.