Andreas’ Nacht

Nach den Brüdern Grimm · 8 Minuten zu lesen · Vorabdruck

Die Gänsehirtin am Brunnen

Weit hinten zwischen den Bergen lag eine Wiese, und auf der Wiese stand ein kleines Haus, und um das Haus herum ging eine Schar Gänse. Dort wohnte eine sehr alte Frau. Jeden Morgen nahm sie ihre Sichel und humpelte in den Wald hinauf, schnitt Gras für ihre Tiere und brach das wilde Obst, so hoch sie reichte, und alles trug sie auf dem Rücken heim. Die Leute unten im Tal nannten sie eine Hexe, weil sie sie nicht kannten. In Wahrheit war sie eine weise Frau und tat niemandem etwas zuleide.

An einem kühlen Herbsttag kam ein junger Graf durch diesen Wald geritten und stieg ab, weil der Weg zu steil wurde. Da saß die Alte am Boden und rupfte Gras, und neben ihr standen zwei Körbe voll Äpfel und Birnen. Lieber Herr, sagte sie, ich bringe das nicht allein hinauf. Ihr habt junge Beine. Der Graf hatte Mitleid mit ihr, obwohl ihm die Sache nicht recht war, und sagte, gut, ich trage es Euch. Mein Vater ist zwar ein Graf, aber Euer Bündel wird mich nicht umbringen.

Sie band ihm das Grasbündel auf den Rücken und hängte ihm die beiden Körbe in die Hände, und dann kletterte sie oben auf das Bündel und saß da wie eine Katze. Es ging sich gut, sagte sie, es geht ja bergauf. Dem Grafen wurde heiß, dann heißer, dann lief ihm der Schweiß in die Augen. Die Last drückte, als hätte jemand Steine hineingebunden, und wenn er stehen bleiben wollte, klopfte ihm die Alte auf die Schulter und lachte, und ihr Lachen klang wie ein Vogel im Winter.

Zuletzt sank er in die Knie und blieb liegen und dachte, nun ist es aus. Da sprang die Alte herunter, leicht wie ein Blatt, und sagte, das war brav, jetzt sind wir gleich da. Sie gingen über einen letzten Hügel, und unten lag die Wiese und das Häuschen und die Gänse darum herum. Aus der Tür trat ein Mädchen und kam ihnen entgegen. Es war groß und stark, aber sein Gesicht war so hässlich, dass der Graf unwillkürlich einen Schritt zurücktrat. Geh nur wieder hinein, mein Töchterchen, sagte die Alte.

Der Graf setzte sich auf die Bank unter dem Apfelbaum, und weil die Sonne noch einmal durch die Wolken kam und ihm warm ins Gesicht schien, schlief er ein und schlief lange. Als die Alte ihn weckte, war es Abend. Ich kann dich nicht bezahlen, sagte sie, und Gold brauchst du nicht. Aber nimm das hier. Sie legte ihm ein winziges Büchslein in die Hand, das war aus einem einzigen Smaragd geschnitten und kühl wie ein Kiesel aus dem Bach. Bewahr es gut, sagte sie, es wird dir Glück bringen.

Der Graf bedankte sich und machte sich auf den Weg, und er sah sich nach dem Mädchen nicht ein einziges Mal um. Drei Tage lang irrte er in den Bergen umher und fand nicht hinaus. Am dritten Abend war er so müde, dass er auf einen Baum stieg, um dort die Nacht zu verbringen, denn unten ging es zwischen den Felsen zu kalt zu. Der Mond kam herauf. Und da sah er eine Gestalt, die den Hang herabkam, langsam, mit einer Rute in der Hand, und es war das Mädchen aus dem Häuschen.

Sie ging zu einem Brunnen hinunter, bei dem drei alte Eichen standen, kniete nieder und nahm sich eine Haut vom Gesicht, so wie man ein Tuch abnimmt. Dann wusch sie sich in dem Wasser, und als sie fertig war und den Kopf hob, fiel ihr das Haar herab wie lauter Sonnenstrahlen, obwohl es Nacht war. Sie legte die Haut ins Gras zum Bleichen und setzte sich an den Rand des Brunnens. Der Graf im Baum hielt den Atem an und wagte sich nicht zu rühren.

Dann fing das Mädchen an zu weinen, ganz still, ohne einen Laut. Eine Träne nach der anderen drang aus den Augen und rollte zwischen den langen Haaren hinunter. Sie fielen aber nicht ins Gras wie Wasser, sondern schlugen hell auf den steinernen Rand des Brunnens, kleine runde Perlen, und rollten in die Fugen und blieben dort liegen, wo schon andere lagen. Dem Grafen oben im Baum wurde die Hand kalt, mit der er sich am Ast festhielt. Es dauerte lange, und das feine Klingen hörte nicht auf, bis der Rand ringsum davon bedeckt war wie von Hagelkörnern.

Da knackte unter dem Grafen ein Ast, leise nur, aber in der Stille war es laut genug. Das Mädchen fuhr zusammen, griff nach der Haut und zog sie wieder über das Gesicht, und im selben Augenblick schob sich eine schwarze Wolke vor den Mond, und als er wieder hervorkam, war sie fort wie ein Licht, das der Wind ausbläst. Die Perlen lagen noch auf dem Rand. Der Graf saß in seinem Baum bis zum Morgengrauen und rührte sich nicht, und als es hell wurde, wusste er noch immer nicht, was er in der Nacht gesehen hatte. Unten am Brunnen lag der Reif auf dem Gras, und zwischen den Halmen glänzte es an vielen Stellen.

Am nächsten Tag fand er endlich hinaus und kam in eine große Stadt, wo ihn niemand kannte. Man führte ihn vor den König und die Königin, und weil er kein anderes Geschenk hatte, kniete er nieder und legte das smaragdene Büchslein der Königin zu Füßen. Sie ließ es sich reichen und machte es auf, und kaum hatte sie hineingesehen, fiel sie zu Boden wie tot. Die Diener packten den Grafen. Doch die Königin kam wieder zu sich und sagte, lasst ihn los und geht alle hinaus, ich habe mit ihm zu reden.

Dann erzählte sie ihm, was seit drei Jahren auf ihr lag. Sie hatte drei Töchter gehabt, und die jüngste war so schön gewesen, dass die Leute auf der Gasse stehen blieben, weiß wie Schnee, rot wie Apfelblüte, und wenn sie weinte, fielen ihr keine Tränen aus den Augen, sondern Perlen und Edelsteine. Als sie herangewachsen war, ließ der König die drei an einem Abend zu sich kommen, an dem die Tafel gedeckt war und das Salzfass zwischen den Schüsseln stand, und er fragte sie, wie lieb sie ihn hätten.

Die älteste sagte, so lieb wie den süßesten Zucker, und der König lachte. Die zweite sagte, so lieb wie mein schönstes Kleid, und er lachte wieder und war zufrieden. Dann sah er die jüngste an und wartete. Die nahm das Salzfass in die Hand und sagte, die beste Speise schmeckt mir nicht ohne Salz, darum habe ich den Vater so lieb wie Salz. Da wurde es still am Tisch. Der König stand auf, und sein Gesicht war weiß geworden, und er sagte, wenn du mich liebst wie Salz, so soll dir auch mit Salz gelohnt werden.

Er teilte sein Reich unter die beiden älteren und ließ der jüngsten einen Sack Salz auf den Rücken binden, und zwei Knechte mussten sie in den wilden Wald führen. Wir haben alle für sie gebeten, sagte die Königin, es half nichts, und seither darf ihr Name in diesem Haus nicht gesprochen werden. Sie weinte auf dem ganzen Weg, und der ganze Weg lag danach voller Perlen. In dem Büchslein, das Ihr mir gebracht habt, liegt eine davon, und ich habe sie gekannt, ehe ich sie ganz gesehen hatte.

Der Graf erzählte ihr von dem Wald, von der Alten, von der Last und von dem Brunnen bei Nacht. Da ließ die Königin den König rufen und erzählte ihm alles, und der König stand auf, und noch am selben Tag brachen sie zu dritt auf. In derselben Nacht saß die Alte in ihrem Häuschen am Rad und spann, und das Feuer im Herd war klein und rot. Sie sagte zu dem Mädchen, das neben ihr saß, deine Zeit ist um, es ist alles gut gegangen. Geh und nimm die Haut vom Gesicht und zieh das seidene Kleid an, das im Kasten liegt.

Kaum hatte sie es gesagt, klopfte es am Fenster. Die drei traten herein, und die Tür der Kammer ging auf, und da stand die Königstochter in Seide, mit ihrem goldenen Haar und den leuchtenden Augen, und die Mutter erkannte sie, ehe sie den ersten Schritt getan hatte. Der König fragte, was er ihr noch geben solle, denn sein Reich habe er verschenkt. Die Alte sagte, sie brauche nichts, sie schenke ihr die Tränen, die sie um die Eltern geweint habe, lauter Perlen, mehr wert als das ganze Königreich, und das Häuschen dazu. Es knisterte ein wenig in den Wänden. Als sie sich umsahen, war aus dem Häuschen ein Schloss geworden, und die Alte war nicht mehr da. Draußen aber lag der Brunnen wie vorher zwischen seinen drei Eichen, und auf dem Gras neben ihm war die Stelle leer, auf der so viele Nächte lang die kleine dünne Haut gebleicht hatte.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Zu hören ab dem 6. Dezember 2026

Dieser Text steht hier vorab. Erzählt wird er in Die schönsten Wintermärchen zum Einschlafen, das am 6. Dezember 2026 erscheint. Bis dahin gibt es ihn nur zu lesen.

Was schon zu hören ist, steht unter alle Nächte.

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