Andreas’ Nacht

Nach Arthur Conan Doyle · 8 Minuten zu lesen

Die fünf Orangenkerne

Es war an einem stürmischen Abend im Herbst. Draußen heulte der Wind um die Häuser der Baker Street, und der Regen schlug in langen Böen gegen die Fenster. Sherlock Holmes saß sinnend am Kamin, ich, Doktor Watson, ihm gegenüber mit einem Buch, das ich längst nicht mehr las, so sehr lauschte ich dem Toben der Nacht. In solchen Nächten, sagte Holmes leise, klopfen die seltsamsten Geschichten an die Tür. Und kaum hatte er es ausgesprochen, da läutete unten die Glocke, und wenig später trat ein junger Mann ein, durchnässt vom Regen, mit blassem Gesicht und ängstlichen Augen.

Er nannte sich John Openshaw und entschuldigte sich, dass er bei solchem Wetter störe. Ich bin in großer Not, Herr Holmes, sagte er, und ich weiß nicht mehr, an wen ich mich wenden soll. Holmes hieß ihn ans Feuer treten, reichte ihm ein Glas Wein und bat ihn freundlich, in Ruhe alles zu erzählen, von Anfang an. Und so begann der junge Mann seine sonderbare, düstere Familiengeschichte.

Sein Onkel, erzählte er, ein gewisser Elias Openshaw, sei in jungen Jahren nach Amerika ausgewandert. Dort, in den Südstaaten, habe er es als Pflanzer zu Wohlstand gebracht. Nach den großen Wirren des amerikanischen Bürgerkriegs aber sei er nach England zurückgekehrt und habe sich auf einem einsamen Landsitz niedergelassen, ein wortkarger, schroffer Mann, der die Menschen mied und seine eigenen Wege ging. Den jungen John, seinen Neffen, habe er zu sich genommen und beinahe wie einen Sohn gehalten. Nur eines sei sonderbar gewesen: Im Haus habe es eine verschlossene Kammer gegeben, eine Art Rumpelkammer, die der Onkel stets abgesperrt hielt und die niemand betreten durfte.

Eines Tages, fuhr John Openshaw fort, kam ein Brief für meinen Onkel. Er trug einen fremdländischen Poststempel, aus Indien. Im Umschlag aber war kein Schreiben, sondern nur dies: fünf kleine, getrocknete Orangenkerne. Und außen, auf der Klappe, standen mit roter Tinte drei Buchstaben, dreimal das K, dazu die Worte: Lege die Papiere auf die Sonnenuhr. Wie reagierte Ihr Onkel, fragte Holmes, der nun mit größter Aufmerksamkeit lauschte. Er erschrak zu Tode, sagte der junge Mann leise. Sein Gesicht wurde grau.

Er schloss sich in jener Kammer ein, holte ein Bündel Papiere heraus und verbrannte sie im Kamin. Von Stund an war er ein gehetzter, ängstlicher Mann. Und wenige Wochen später fand man ihn eines Morgens leblos im kleinen Gartenteich. Man sprach von einem Unglücksfall. Und damit war es nicht zu Ende, fragte Holmes sanft. Nein, sagte John Openshaw. Der Besitz ging an meinen Vater über. Eine Weile blieb alles ruhig. Doch dann, etwa zwei Jahre später, kam auch an ihn ein solcher Brief, diesmal aus Schottland, aus Dundee. Wieder fünf Orangenkerne, wieder die drei Buchstaben, wieder dieselben Worte.

Mein Vater lachte darüber. Er hielt es für einen dummen Scherz und tat nichts dergleichen. Doch nur wenige Tage darauf verunglückte er auf einem Spaziergang tödlich, an einer alten Grube. Auch hier sprach man von einem Unfall. Holmes’ Gesicht war sehr ernst geworden. Und nun, sagte er leise, sind Sie an der Reihe. Der junge Mann zog mit zitternder Hand einen Umschlag hervor und legte ihn auf den Tisch. Heute früh kam er, sagte er. Diesmal aus London. Sehen Sie selbst.

Holmes neigte sich darüber: Wieder lagen darin fünf getrocknete Orangenkerne, und wieder standen außen die drei Buchstaben und die unheilvolle Aufforderung mit den Papieren auf der Sonnenuhr. Und haben Sie irgendwelche Papiere Ihres Onkels, fragte Holmes rasch. Fast nichts, sagte John. Er hat ja damals alles verbrannt. Nur ein paar belanglose Blätter und ein altes Tagebuch sind übrig, in der Kammer.

Hören Sie mir nun genau zu, sagte Holmes mit Nachdruck. Sie sind in ernster Gefahr, und wir dürfen keine Zeit verlieren. Gehen Sie sogleich heim. Legen Sie jene letzten Papiere, zusammen mit einer kurzen Erklärung, dass Ihr Onkel alles Übrige verbrannt hat, in eine Schachtel auf die alte Sonnenuhr im Garten, ganz so, wie es verlangt wird. Vielleicht stellt das die Verfolger fürs Erste zufrieden. Und morgen früh sehen wir weiter.

Der junge Mann versprach es und ging hinaus in die stürmische Nacht. Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, saß Holmes lange schweigend da und starrte ins Feuer. Was bedeuten diese drei Buchstaben, Holmes, fragte ich schließlich. Und diese Orangenkerne? Die Buchstaben, sagte Holmes ernst, stehen für einen geheimen Bund, der einst in den amerikanischen Südstaaten sein Unwesen trieb, eine verschworene Gesellschaft, gefürchtet und grausam, die ihre Opfer auf eben diese Weise warnte: mit einem stummen Zeichen, ehe sie zuschlug. Die Orangenkerne waren ihr Sendbote des Schreckens.

Und die Papiere, fragte ich. Ich vermute, der alte Elias Openshaw hat dem Bund einst Schriften entwendet, als er aus Amerika floh, Listen, Namen, Geheimnisse, die ihm gefährlich wurden. Seither sucht man sie zurückzubekommen und straft jeden, der sie verwahrt. Und sehen Sie, Watson, fuhr Holmes nachdenklich fort, die Briefe kamen aus Pondicherry in Indien, aus Dundee in Schottland, nun aus London, allesamt Hafenstädte oder Häfen an der Küste. Und stets verging zwischen der Ankunft des Briefes und dem Unglück nur eine knappe, gleichbleibende Frist.

Daraus schließe ich: Die Verfolger reisen auf einem Segelschiff. Der Brief, schneller mit der Post befördert, kündigt ihr Kommen an; das Schiff aber folgt und trifft wenig später im Hafen ein. So erklärt sich die unheimliche Regelmäßigkeit. Er stand auf und trat ans Fenster, hinter dem der Sturm noch immer tobte. Wenn ich recht habe, sagte er leise, dann liegt das Schiff dieser Männer bereits in einem englischen Hafen. Morgen früh werde ich Erkundigungen einziehen und sie aufspüren.

Doch der nächste Morgen brachte eine traurige Nachricht. Noch ehe Holmes seinen Plan ausführen konnte, las er in der Zeitung, dass der junge John Openshaw in der Nacht nicht heimgekehrt war. Man hatte ihn am Ufer des Flusses gefunden; bei dem Sturm und der Dunkelheit, so hieß es, sei er vom Weg abgekommen und ins Wasser geraten. Wieder sprach man von einem Unglücksfall. Holmes aber saß sehr still und sehr bleich da, und in seinen Augen brannte ein kalter Zorn, wie ich ihn selten an ihm gesehen habe. Sie sind ihm zuvorgekommen, sagte er leise. In meiner eigenen Stadt, beinahe vor meinen Augen. Das werde ich nicht auf sich beruhen lassen.

Mit einer Hartnäckigkeit, die ich bewunderte, machte sich Holmes nun an die Arbeit. Aus den Verzeichnissen der Schiffe, die in jenen Tagen die fraglichen Häfen angelaufen hatten, suchte er Spalte um Spalte heraus, verglich Daten und Routen, bis nur ein einziges Schiff übrig blieb, auf das alles passte: ein Segler, der von einem Hafen der amerikanischen Südstaaten gekommen war und nun wieder hinaus aufs Meer wollte. Holmes ermittelte den Namen des Schiffes und seines Kapitäns und sandte ihm, in einem schlichten Umschlag, fünf getrocknete Orangenkerne, ein stummes Zeichen, dass auch sie nun erwartet würden, dass die Gerechtigkeit ihnen auf den Fersen war. Mögen sie spüren, was sie anderen zugefügt haben, sagte er leise.

Doch das Schicksal nahm den Männern das Urteil aus der Hand. Jenes Schiff erreichte nie wieder einen Hafen. Auf der weiten See geriet es in einen jener gewaltigen Herbststürme, wie sie über dem Atlantik wüten, und ging mit Mann und Maus unter. Lange Zeit später wurde nur ein einziges Trümmerstück an eine ferne Küste gespült, ein Stück Heck, auf dem noch schwach die Anfangsbuchstaben jenes Schiffes zu erkennen waren. Mehr fand man nie. Die Männer, die so viel Leid über eine ganze Familie gebracht hatten, waren in der Tiefe verschwunden, dorthin, wo kein Brief und kein Orangenkern sie mehr erreichen konnte.

Holmes saß lange schweigend, als die Nachricht vom Untergang des Schiffes ihn erreichte. Ich hätte ihn schützen müssen, den armen jungen Openshaw, sagte er leise. Das ist es, was mich bedrückt. Doch das Meer hat zu Ende gebracht, was das Gesetz vielleicht nie erreicht hätte. Es war eine ernste, eine schwermütige Geschichte, und sie ließ uns beide an jenem Abend lange still und nachdenklich am Feuer sitzen, während draußen allmählich der Sturm sich legte. So endet die dunkle Geschichte von den fünf Orangenkernen. Doch nun ist der Sturm vorüber. Der Wind hat sich gelegt, der Regen ist verklungen, und über der Stadt breitet sich eine tiefe, ruhige Stille aus.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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