Andreas’ Nacht

Nach einem russischen Volksmärchen · 9 Minuten zu lesen · Vorabdruck

Die Froschzarin

An einem Morgen im Spätherbst rief der Zar seine drei Söhne in den Hof hinaus. Auf den Dächern lag der erste Reif, und der Atem der Pferde stand weiß über den Ställen. Nehmt eure Bogen, sagte er, und schießt jeder einen Pfeil, so weit ihr könnt. Wo der Pfeil niedergeht, dort holt euch eure Braut. Der älteste schoss, und sein Pfeil fiel in den Hof eines Bojaren, wo ihn die Tochter des Hauses aufhob. Der zweite schoss, und sein Pfeil fiel auf den Söller eines Kaufmanns.

Dann schoss Iwan Zarewitsch. Sein Pfeil ging hoch und weit und verschwand über den Weiden, und er suchte ihn drei Tage lang, bis er ihn an einem Sumpf wiederfand, in dem das Wasser schon Eisränder hatte. Auf einem Blatt saß ein Frosch und hielt den Pfeil im Maul. Gib ihn her, sagte Iwan. Nimm mich mit, sagte der Frosch, dann bekommst du ihn. Iwan stand eine Weile da und sah in das braune Wasser. Dann hob er ihn auf und trug ihn heim.

So wurde dreifach Hochzeit gehalten, und Iwan saß bei Tisch mit einem Frosch auf einem Kissen neben sich, und die Brüder sahen weg, wenn sie nicht lachten. In der Nacht darauf ließ der Zar sagen, jede der drei Frauen solle ihm bis zum Morgen ein Brot backen. Iwan kam nach Hause, setzte sich auf die Bank und stützte den Kopf in die Hände. Was ist dir, fragte der Frosch. Leg dich schlafen, sagte er, als Iwan es erzählt hatte, der Morgen ist klüger als der Abend.

Als er schlief, sprang die Froschhaut ab, und im Zimmer stand Wassilissa die Weise. Sie klatschte in die Hände und rief ihre Mägde, und die kamen und mahlten und siebten und kneteten die halbe Nacht. Am Morgen lag auf dem Tisch ein Brot, weiß und weich, mit einem Muster ringsherum, und obenauf war eine ganze Stadt gebacken mit Türmen und Mauern und Zinnen. Die Brote der beiden Schwägerinnen waren am Rand verbrannt und in der Mitte klumpig geblieben.

In der zweiten Nacht sollten die Frauen jede ein Hemd nähen, und bis zum Morgen sollte es fertig sein. Wieder ging Iwan bekümmert nach Hause und setzte sich auf die Bank, und wieder sagte der Frosch, leg dich schlafen, der Morgen ist klüger als der Abend. Um Mitternacht stand Wassilissa die Weise mitten im Zimmer, und die Froschhaut lag hinter dem Ofen, wo es warm war. Die Mägde brachten Leinen und Gold und Silber, und die halbe Nacht war in der Kammer nichts zu hören als das Ziehen des Fadens durch den Stoff.

Am Morgen lag das Hemd auf dem Tisch, glatt zusammengelegt, und an Kragen und Ärmeln lief eine Naht aus Gold und Silber entlang, so fein, dass man die Stiche mit dem Auge nicht fand. Der Zar nahm es auf und strich mit der Handfläche darüber und schwieg lange dazu. Dann sagte er, das trage ich an den hohen Festtagen. Die beiden anderen Hemden hob er nur an einem Zipfel an und legte sie wieder hin und sagte, so etwas trägt man in der Badestube und sonst nirgends. Iwan sagte nichts dazu.

Dann lud der Zar alle zu einem Fest und befahl, jeder solle seine Frau mitbringen. Geh du allein voraus, sagte der Frosch, ich komme nach. Und wenn du ein Poltern und Donnern hörst, dann sag nur, das ist mein Fröschlein, das in seinem Kästchen gefahren kommt. Iwan ging voraus und wusste nicht, wo er hinsehen sollte, denn die Brüder standen mit ihren geschmückten Frauen im Saal und fragten ihn, ob er die seine im Taschentuch mitgebracht habe und in welchem Sumpf er sie gefunden hätte.

Da hob draußen ein Poltern und Donnern an, dass die Fenster klirrten und die Gäste von den Bänken aufsprangen. Erschreckt nicht, sagte Iwan, das ist nur mein Fröschlein, das in seinem Kästchen gefahren kommt. Und eine goldene Kutsche mit sechs Pferden fuhr vor, und heraus stieg Wassilissa die Weise und nahm ihn bei der Hand. Von da an sahen alle nur noch sie an. Draußen fiel der erste Schnee auf die Kutsche, und drinnen im Saal brannten die Kerzen so dicht, dass es unter der Decke flimmerte wie im Sommer über einem Feld.

Beim Essen ließ sie den Rest aus ihrem Becher in den linken Ärmel laufen und die Knöchlein vom Schwan in den rechten. Die Schwägerinnen sahen es und machten es nach. Dann wurde getanzt. Wassilissa schwenkte den linken Ärmel, und es entstand ein See mitten im Saal. Sie schwenkte den rechten, und weiße Schwäne schwammen darüber hin. Als die anderen es nachmachten, spritzte das Wasser den Gästen ins Gesicht, und die Knochen flogen umher, und der Zar rief, dass sie aufhören sollten.

Iwan aber hatte sich in der Mitte des Tanzes fortgestohlen und war nach Hause gelaufen. Er fand die Froschhaut hinter dem Ofen, wo sie lag wie ein abgestreifter Handschuh, und warf sie ins Feuer, und sie war verbrannt, ehe er es sich anders überlegen konnte. Als Wassilissa heimkam, wusste sie es schon an der Tür. Sie setzte sich neben ihn und war nicht zornig, sondern nur still, und draußen ging der Wind um das Haus. Das Feuer im Ofen war schon fast heruntergebrannt.

Hättest du noch drei Tage gewartet, sagte sie, so wäre ich für immer die Deine gewesen. Nun muss ich fort. Willst du mich suchen, so suche mich hinter dreimal neun Ländern im dreimal zehnten Reich bei Koschtschei dem Unsterblichen. Dann wurde sie zu einem weißen Schwan und flog aus dem Fenster. Iwan stand und sah dem Vogel nach, bis er im grauen Himmel nicht mehr von den Flocken zu unterscheiden war, und dann machte er das Fenster zu.

Er ging lange. Er trug drei Paar eiserne Schuhe durch und aß drei eiserne Brote auf, und der Winter ging über ihn hin und ließ ihn frieren. Zuletzt begegnete ihm ein uralter Mann, der fragte ihn aus und schüttelte den Kopf. Warum hast du die Froschhaut verbrannt, sagte er, du hast sie nicht angezogen, so hattest du sie auch nicht abzulegen. Wassilissa ist klüger geboren als ihr eigener Vater, darum hat er sie im Zorn drei Jahre lang zum Frosch gemacht, und die Zeit war beinahe um. Dann gab er ihm ein Knäuel Garn. Wirf es vor dich hin, sagte er, und geh ihm nach, wohin es rollt. Das Knäuel rollte über den Schnee und ließ eine dünne Spur, und Iwan ging hinterher, tagelang, ohne dass es je stehen blieb.

Unterwegs stand ein Bär auf dem Weg, mager vom Winter, und Iwan hob den Bogen und ließ ihn wieder sinken, weil das Tier ihn nur ansah und nicht auswich. Ein Erpel strich so tief über den Schnee, dass er das Pfeifen der Flügel hörte, und er ließ ihn fliegen. Ein Hase drückte sich in einer Mulde, und die Ohren zitterten ihm, und Iwan ging vorbei. Am Meer lag ein Hecht auf dem nassen Kies und schlug noch mit dem Schwanz, und Iwan nahm ihn mit beiden Händen auf, kalt und glatt, und warf ihn zurück ins Wasser. Alle vier sagten mit menschlicher Stimme dasselbe, ich werde dir noch nützlich sein, Iwan Zarewitsch. Er dachte nicht weiter darüber nach und ging dem Knäuel nach, das schon wieder ein Stück voraus war.

Es führte ihn an eine Hütte auf Hühnerbeinen, die mit dem Rücken zum Weg stand. Hüttchen, Hüttchen, sagte er, kehr dem Wald den Rücken zu und mir die Vorderseite. Da drehte sie sich, und drinnen lag die Baba Jaga auf dem Ofen. Sie wollte ihn gleich ausfragen, aber Iwan sagte, du solltest mich erst füttern und tränken und in der Badestube dämpfen und dann fragen. Da tat sie es, und am Morgen sagte sie ihm, wo Wassilissa sei und wie es mit Koschtschei stehe, denn er sterbe nicht auf gewöhnliche Weise, und wer ihn suche, müsse zuerst wissen, wo sein Tod liege.

Sein Tod, sagte die Alte, sitzt auf der Spitze einer Nadel. Die Nadel steckt in einem Ei, das Ei ist in einer Ente, die Ente in einem Hasen, der Hase in einer steinernen Truhe, und die Truhe steht oben in einer hohen Eiche, und die Eiche hütet er wie seinen Augapfel. Iwan fand die Eiche noch am selben Tag. Sie stand allein am Ende einer weißen Ebene, dicht über dem Meer, und der Wind ging durch ihre alten Zweige und machte darin ein Geräusch wie in einem Schilf.

Er wollte hinauf und kam nicht hinauf. Da kam der Bär und riss den Baum samt der Wurzel aus dem gefrorenen Boden, und die Truhe fiel und zersprang. Aus ihr sprang der Hase und lief, und der andere Hase holte ihn ein. Aus dem Hasen flog die Ente auf, und der Erpel schlug sie herunter, und dabei fiel ihr das Ei ins Meer. Iwan setzte sich ans Ufer und wollte nicht mehr, und da kam der Hecht und legte ihm das Ei in die Hand. Es war warm, als hätte es lange jemand gehalten.

Er nahm die Nadel aus dem Ei und brach die Spitze ab, und weiter geschah nichts, als dass es an einem Ort, den er nie gesehen hatte, still wurde. Am Abend darauf kam Wassilissa die Weise über den Schnee auf ihn zu, in demselben Kleid, in dem sie getanzt hatte. Sie gingen den ganzen Winter heimwärts. Im Frühjahr hing hinter dem Haus, in dem sie ankamen, ein Bogen an der Wand, und daneben lag ein einzelner Pfeil, den seit jenem Herbstmorgen niemand mehr angerührt hatte.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Zu hören ab dem 6. Dezember 2026

Dieser Text steht hier vorab. Erzählt wird er in Die schönsten Wintermärchen zum Einschlafen, das am 6. Dezember 2026 erscheint. Bis dahin gibt es ihn nur zu lesen.

Was schon zu hören ist, steht unter alle Nächte.

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