Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen der Bibel · 7 Minuten zu lesen

Die Frau am Brunnen

Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, gab es eine Frau, deren Name die Geschichte nicht aufgehoben hat. Wir wissen nur, dass sie aus dem Land Samaria kam, aus einer Stadt namens Sychar, die an einem alten Hügel lag, dort wo seit uralten Zeiten ein Brunnen in die Tiefe der Erde führte. Dieser Brunnen war ein Geschenk aus fernen Tagen, gegraben von Händen, die längst zu Staub geworden waren, und das Wasser, das er barg, war kalt und klar und gut. Die Frau kannte ihn gut. Sie war viele Male diesen Weg gegangen, allein, wenn die Sonne schon hoch stand und die anderen Frauen des Ortes längst wieder in ihren Häusern saßen.

Es war Mittag, als sie kam, und die Hitze lag schwer über dem Land. Die Steine am Weg waren heiß unter ihren Füßen, und der Schatten der Feigenbäume war schmal und bot wenig Kühlung. Sie trug ihren Krug, wie sie ihn immer getragen hatte, und ihre Schritte waren die Schritte einer Frau, die an Einsamkeit gewöhnt ist, ruhig und ohne Eile. Als sie den Brunnen erreichte, sah sie, dass dort jemand saß. Ein Mann ruhte sich aus am Rand des Brunnens, seine Sandalen staubig von einer langen Reise, und er sah müde aus, wie jemand, der weit gegangen ist.

Die Frau bemerkte, dass er kein Samaritaner war. Seine Kleidung, seine Art — er war ein Jude aus dem Norden, und zwischen den Juden und den Samaritanern lag seit alten Zeiten eine Stille, die tiefer war als Worte. Die Menschen beider Völker gingen sich aus dem Weg, wenn sie konnten, und redeten selten miteinander, wenn sie sich begegneten. Doch der Mann am Brunnen schwieg nicht, als die Frau ihren Krug abstellte und beginnen wollte, Wasser zu schöpfen. Er sah sie an, und in seinem Blick war keine Herablassung, keine Kälte. Gibst du mir etwas zu trinken?, fragte er einfach, als wäre es die natürlichste Bitte der Welt.

Die Frau war erstaunt. Sie hielt inne und sah ihn an, und in ihrer Stimme lag eine ehrliche Verwunderung, als sie antwortete. Wie kommt es, dass du, ein Jude, mich um Wasser bittest, mich, eine Frau aus Samaria? Es war keine Feindseligkeit in ihrer Frage, nur Staunen. Die Welt, wie sie sie kannte, war anders eingerichtet. Menschen blieben bei den Ihren. Männer redeten nicht so, mit unbekannten Frauen, und Juden redeten nicht so, mit Samaritanern. Und doch saß dieser Fremde hier am Rand des Brunnens und bat sie um Wasser, als wären alle diese alten Mauern aus Luft.

Der Mann lächelte, und es war ein ruhiges Lächeln, das etwas Warmes in sich trug. Wenn du wüsstest, was Gott schenken kann, sagte er, und wer es ist, der dich um Wasser bittet, du hättest ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben. Die Frau hörte diese Worte und verstand sie nicht ganz, und doch hafteten sie an ihr wie der Tau am frühen Morgen. Sie sah den Brunnen an, tief und dunkel, dann wieder den Fremden. Herr, sagte sie, du hast kein Seil und keinen Eimer. Der Brunnen ist tief. Woher nimmst du dieses Wasser, von dem du sprichst?

Der Fremde antwortete ihr, und seine Worte waren wie Steine, die man ins Wasser wirft, sie versanken, und die Kreise breiteten sich aus, weit und weiter. Er sprach davon, dass das Wasser aus diesem Brunnen den Durst stillt für eine Weile, aber dann kommt der Durst zurück, immer wieder, wie das Wasser immer wieder getragen werden muss. Doch es gäbe ein anderes Wasser, sagte er, ein Wasser, das von innen quellt, das nicht versiegt, das sättigt auf eine Art, die kein Brunnen der Erde geben kann. Die Frau lauschte, und etwas in ihr wurde still und aufmerksam, wie ein Tier, das einen fernen Ruf hört.

Herr, sagte sie leise, gib mir dieses Wasser, damit ich nicht mehr dürste und nicht mehr hierherkommen muss. Was dann folgte, war ein Gespräch, das weder die Frau noch der Fremde so erwartet hatten. Er sprach mit ihr, und sie sprach mit ihm, und es war, als würden zwei Menschen einander auf eine Art begegnen, die selten ist in dieser Welt, ehrlich und ohne Umwege.

Der Fremde kannte Dinge über ihr Leben, die sie ihm nicht gesagt hatte, und doch sprach er nicht in Vorwurf, nicht in Urteil. Er sprach, wie jemand spricht, der einen Menschen sieht, wirklich sieht, durch alle Schichten hindurch, die die Jahre um eine Seele legen. Die Frau spürte das, und es war ein seltsames Gefühl: zugleich erkannt zu werden und sich dabei sicher zu fühlen.

Sie begann zu ahnen, wen sie vor sich hatte. Die Samaritaner hatten ihre eigene Überlieferung, ihre eigene Erwartung, dass einmal einer kommen würde, der alles weiß und alle Dinge erklärt. Und die Frau, die gekommen war, um Wasser zu schöpfen in der Mittagshitze, sprach diesen Gedanken aus, vorsichtig, wie man ein kostbares Ding in die Hand nimmt. Ich weiß, dass einer kommen wird, sagte sie leise. Und der Fremde sah sie an, ruhig und klar, und antwortete ihr mit Worten, die sie ihr Leben lang nicht vergessen würde.

Indes kamen seine Begleiter zurück von der Stadt, wo sie Brot gekauft hatten, und sie wunderten sich, dass er mit der Frau sprach. Doch niemand fragte, und niemand sprach ein Wort dagegen, denn in seinem Gesicht war etwas, das Fragen verstummen ließ. Die Frau aber ließ ihren Krug stehen, einfach so, am Rand des Brunnens, dort wo sie ihn abgestellt hatte, und ging zurück in die Stadt. Ihr Krug, ihr Zweck, ihre ursprüngliche Aufgabe: alles ließ sie zurück, und sie lief. Nicht aus Angst, sondern aus einer anderen Art von Drängen, die ihr Herz füllte wie Wasser ein Gefäß.

Sie ging zu den Menschen in der Stadt, den Menschen, die sie kannten und die sie gut kannten, und sie rief ihnen zu, was geschehen war. Kommt, sagte sie, und seht einen Mann, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe. Das war keine kleine Sache, denn wer möchte schon, dass alle Nachbarn alles wissen. Aber in dieser Stunde war die Frau von etwas ergriffen, das größer war als Scham oder Vorsicht, und ihre Worte hatten ein Gewicht, dem die Menschen zuhörten. Viele kamen aus der Stadt hinaus, dem Weg zum Brunnen entlang, neugierig und wartend.

Und der Fremde blieb zwei Tage in Sychar, und viele hörten ihm zu, und viele sprachen danach davon, was sie gehört hatten. Der Brunnen stand still in der Mittagssonne, und der Krug der Frau stand unberührt an seinem Rand, ein kleines Zeichen dafür, dass manchmal das, was man holen kommt, ganz anders ist als das, was man findet. Das Wasser tief unten im Brunnen war kalt und klar und gut, wie es immer gewesen war.

Aber die Frau, die gegangen war, um Wasser zu schöpfen, kehrte zurück mit Händen, in denen nichts war, und mit einem Herzen, das voller war als ihr Krug es je hätte sein können. Und der Abend kam über Samaria, sanft und still, und legte sich über die Hügel und den alten Brunnen, und die Sterne traten hervor, einen nach dem anderen, wie eh und je.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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