Nach griechischer Überlieferung · 8 Minuten zu lesen
Die Fahrt durch die schlagenden Felsen
In jenen alten Tagen, als die Götter noch über den Olymp wandelten und das Meer seine eigenen Geheimnisse hütete, stach ein Schiff in die weinroten Wasser hinaus, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte. Die Argo trug auf ihren Planken die edelsten Männer Griechenlands, Helden und Söhne der Götter, und ihr Kiel schnitt durch die Wellen mit der Sicherheit derer, die ein göttliches Ziel vor Augen haben. Wer von Jasons Aufbruch und dem Bau der Argo bereits weiß, der kennt den Anfang dieser Reise. Was nun folgt, ist jene Prüfung, die selbst erfahrene Seeleute bleich werden ließ, wenn sie davon erzählten.
Das Schiff glitt durch Meerengen und an Inseln vorbei, an deren Küsten weiße Tempel im Morgendunst standen und Fischer ihre Netze flickten, ohne aufzublicken. Die Argonauten ruderten in ruhigem Takt, und Orpheus, der Sänger, saß am Bug und ließ seine Leier klingen, damit der Rhythmus der Ruder nicht erlahmte. Die Männer vertrauten ihrem Anführer Jason, und Jason vertraute dem Rat, den er auf dem Weg erhalten hatte: dass er in der Stadt Salmydessos bei dem blinden Seher Phineus Rast machen solle. Denn Phineus kannte den Weg durch jene Felsen, von denen selbst die erfahrensten Schiffer nur hinter vorgehaltener Hand sprachen.
Salmydessos lag an einer flachen Küste, von Winden gebeutelt, und als die Argo dort einlief, trat ihnen ein alter Mann entgegen, der von den Göttern schwer bestraft worden war. Phineus war blind, wie die Götter es über ihn verhängt hatten, weil er den Menschen zu bereitwillig in die Zukunft hatte blicken lassen. Doch schlimmer noch als seine Blindheit war eine andere Qual: Wann immer man ihm einen Tisch mit Speisen bereitete, stießen die Harpyien herab, jene geflügelten Wesen aus Wind und Dunkel, rissen alles fort oder besudelten es, sodass Phineus seit Jahren am Rande des Hungers lebte. Die Argonauten sahen den alten Mann und erkannten, dass er Hilfe brauchte, ehe er ihnen helfen konnte.
Unter den Argonauten befanden sich die Söhne des Nordwindes, Zetes und Kalais, geflügelte Jünglinge, die schneller durch die Luft glitten als jeder andere Sterbliche. Als man einen Tisch für Phineus deckte und die Harpyien wieder herabstießen, erhoben sich die beiden Brüder und verfolgten die geflügelten Wesen über das Meer. Was dann genau geschah, liegt in jenem fernen Bereich, den nur die Götter vollständig überblicken. Doch die Harpyien kehrten nicht zurück, und Phineus aß an jenem Abend zum ersten Mal seit langer Zeit in Ruhe. Er saß am Tisch der Argonauten, und seine knochigen Hände umfassten die Schale mit ruhiger Dankbarkeit.
Als das Mahl beendet war, hob Phineus sein blindes Gesicht und sprach, und seine Stimme klang wie das Rascheln trockener Blätter vor einem Gewitter: Ihr sucht den Weg zum Schwarzen Meer, und zwischen euch und eurem Ziel liegen die Symplegaden. Zwei Felsen, die sich bewegen wie lebendige Wesen, die einander schlagen und alles zermalmen, was zwischen sie gerät. Noch kein Schiff hat sie unbeschadet passiert. Doch hört meinen Rat: Lasst eine Taube vor euch fliegen. Was der Taube widerfährt, das zeigt euch, was ihr zu tun habt.
Die Argonauten lauschten schweigend, und Jason nickte langsam. Er verstand, was Phineus meinte, auch wenn der alte Seher nicht alles aussprach, denn Seher sprechen selten mehr als das Notwendige. Am nächsten Morgen lichteten die Männer den Anker und ruderten weiter nordwärts, wo das Wasser dunkler wurde und der Himmel enger schien. Phineus blieb zurück an seiner Küste, freier als zuvor. Die Argo glitt hinaus in Gewässer, wo die Möwen anders schrien als im Süden.
Nach Tagen auf dem Wasser hörten sie die Symplegaden, ehe sie sie sahen. Es war kein gewöhnlicher Laut des Meeres, kein Wellenrauschen und kein Wind. Es war ein tiefes Dröhnen und Donnern, das aus der Erde selbst zu kommen schien, obwohl ringsum nur Wasser war. Dann, als die Argo um eine Strömung bog, erschienen die Felsen: zwei gewaltige Steinwände, die aus dem Meer ragten und die sich langsam auseinander bewegten, wie etwas, das Atem holt, ehe es zuschlägt. Das Wasser zwischen ihnen war weiß von Gischt, und der Lärm, wenn sie zusammentrafen, rollte wie fernes Gewitter über das Meer.
Die Männer hielten inne im Rudern. Jason stand am Heck und blickte auf die Felsen, und man konnte sehen, dass er nachdachte. Dann trat er nach vorne und hob eine Taube aus einem Käfig, den er seit Salmydessos bei sich getragen hatte. Er hielt das kleine Tier einen Moment in den Händen, und die Taube war still, wie Tauben manchmal still werden, wenn sie wissen, dass gleich etwas Wichtiges von ihnen verlangt wird. Dann ließ Jason sie fliegen.
Die Taube stieg auf, flog in einem weiten Bogen und dann geradeaus auf die Lücke zwischen den Felsen zu. Die Symplegaden standen weit auseinander in jenem Moment, und die Taube flog hindurch. Doch kaum war sie auf der anderen Seite, donnerten die Felsen zusammen, mit einem Lärm wie ein Erdgewitter, und das Wasser zwischen ihnen wurde aufgewühlt wie in einem Sturm. Als die Gischt sich legte, sahen die Argonauten, dass die Taube entkommen war, bis auf einige Federn aus dem äußersten Ende ihres Schwanzes, die sie verloren hatte. Die Felsen hatten sie knapp verfehlt.
Jason schaute auf die Federn, die auf dem Wasser trieben, und dann schaute er auf seine Männer. Er rief keinen langen Schlachtruf und hielt keine Rede. Er sagte nur, was gesagt werden musste: dass die Götter ihnen einen Weg gezeigt hatten und dass sie jetzt rudern würden wie noch nie in ihrem Leben. Orpheus griff in die Saiten seiner Leier, nicht sanft, wie er es sonst tat, sondern fest und rhythmisch, und der Takt seiner Musik wurde zum Takt der Ruder. Die Argo fuhr auf die Symplegaden zu, und die Männer ruderten.
Die Felsen begannen sich zu schließen, als das Schiff in die Enge fuhr. Rechts und links ragte Stein auf, nass und grau, und das Dröhnen wurde zum Brausen, zum Donnern, zum Erschüttern der Luft selbst. Die Wellen, die von den Felsen zurückgeworfen wurden, schlugen gegen den Rumpf der Argo, und das Schiff bebte. Die Männer ruderten, und Orpheus spielte, und Jason stand und sah nach vorne, dorthin, wo das offene dunkle Wasser des Schwarzen Meeres schon zu erahnen war wie ein Versprechen.
In jenem Augenblick, als die Argo schon fast hindurch war und die Felsen fast geschlossen, streckte die eulenäugige Athene, die das Schiff von Anfang an im Blick hatte, unsichtbar für die Augen der Männer, ihre Hand aus. Ein Stoß, leicht wie ein Windhauch und stark wie der Wille einer Göttin, gab dem Heck der Argo den letzten Antrieb. Die Felsen trafen zusammen, mit einem Lärm, der über das Meer rollte wie ein Donnerschlag des wolkenversammelnden Zeus. Und die Argo war hindurch.
Sie hatten den Zierschmuck am Heck verloren, ein wenig Holz und Farbe, nicht mehr. Das Schiff war ganz. Die Männer legten die Ruder nieder und saßen still, jeder mit seinem Atem beschäftigt, und das Schwarze Meer breitete sich vor ihnen aus, dunkel und weit und unbekannt. Hinter ihnen hörte man noch das Dröhnen der Symplegaden, aber es wurde leiser mit jeder Länge, die die Argo sich entfernte.
Es heißt, dass die Symplegaden seit jenem Tag nicht mehr schlugen. Als die Argo als erstes Schiff der Menschen sie lebend durchquert hatte, erstarrten sie in ihrer offenen Stellung und blieben fortan als stille Torwächter stehen, nichts mehr als Felsen im Meer. Die Götter hatten ihre Bedingung erfüllt gesehen, oder vielleicht hatte die Welt einfach entschieden, dass eine solche Prüfung nur einmal gestellt werden musste. Die Straße zum Schwarzen Meer war offen. Die Argo glitt in das fremde Wasser hinein, und die Männer ruhten sich aus, soweit Männer auf einem Schiff sich ausruhen können.
Orpheus legte die Leier nieder und blickte in den Himmel, der hier anders aussah als über Hellas, weiter und stiller. Jason stand am Bug und blickte in Richtung des fernen Kolchis, wo das Goldene Vlies auf ihn wartete, aufgehängt in einem heiligen Hain, bewacht von einem Drachen, der niemals schlief. Das aber ist eine andere Geschichte, und die Nacht, die jetzt über das Schwarze Meer heraufzog, war still und sternenklar. Die Wellen trugen die Argo sachte vorwärts, und einer nach dem anderen lehnten die Argonauten sich zurück und schlossen die Augen, während der warme Nachtwind über das Deck strich und die Sterne sich spiegelten im dunklen Wasser wie Lichter einer anderen, ruhigeren Welt.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.