Nach den Erzählungen der Bibel · 8 Minuten zu lesen
Die Erschaffung der Welt
Vor langer, langer Zeit, ehe es Licht gab und ehe es Dunkel gab, ehe es Wasser gab und ehe es trockenes Land gab, war eine Stille, so tief und so vollständig, dass kein Ohr sie je hätte hören können. Es war eine Stille ohne Anfang und ohne Ende, eine Stille, die alles in sich trug, was noch nicht war. Und in dieser Stille war Gott, eine Gegenwart, groß und unermesslich, wie ein Atem, der noch nicht eingezogen ist. So war der Anfang. So war es, bevor alles begann.
Und dann, da geschah es. Ein Wille regte sich, so sanft wie der erste Wind über einem stillen See, und aus dieser Tiefe heraus sprach Gott. Es war keine laute Stimme, keine donnernde Stimme, sondern eine Stimme, die alles durchdrang, wie Licht ein Tuch durchdringt, das man gegen die Sonne hält. Und was diese Stimme sprach, das wurde. Was sie rief, das kam. So beginnt jede Geschichte, die wirklich wahr ist: mit einem Wort, das in die Stille gesprochen wird.
Das erste, was entstand, war das Licht. Es kam nicht aus einer Sonne, denn die Sonne gab es noch nicht. Es kam nicht aus einem Feuer, denn auch Feuer gab es noch nicht. Es kam, weil Gott es rief, wie eine Antwort, die schon immer bereit gewesen war. Und Gott sah das Licht an, und es war gut. Das war das erste Mal, dass etwas gut war, das erste Mal, dass ein Wort für das stand, was wirklich stimmte. Das Licht und das Dunkel wurden geschieden, und so entstand das Erste von allem: der Tag und die Nacht, das Kommen und das Gehen, das Erwachen und das Ruhen.
Die Nacht senkte sich zum ersten Mal über die noch unfertige Welt, und es war Abend. Dann kehrte das Licht wieder, und es war Morgen. So schloss sich der erste von allen Tagen, ruhig und vollständig, wie ein Kind, das einschläft und weiß, dass es am Morgen wieder erwachen wird. Und die Stille, die zwischen Abend und Morgen lag, war keine leere Stille mehr. Sie war eine Stille voller Atem.
Am zweiten Tag wurde das Gewölbe des Himmels ausgebreitet, weit und hoch, wie ein Zelt, das über alles gespannt wird. Die Wasser wurden geteilt, die einen oben, die anderen unten, und zwischen ihnen öffnete sich der Raum, in dem später die Wolken ziehen würden, in dem später die Vögel ihre Bahnen zögen. Der Himmel selbst war das erste große Dach der Welt, und er war von einer Bläue, die kein Wort je ganz fassen kann. Wer je in einen klaren Morgenhimmel geschaut hat, der hat etwas davon gesehen, wie es an jenem zweiten Tag ausgesehen haben muss.
Am dritten Tag sammelten sich die Wasser und das trockene Land trat hervor. Stell dir vor, wie zum ersten Mal ein Ufer entstand, wie zum ersten Mal Erde unter dem Wasser auftauchte, nass und dunkel und bereit. Die Wasser zogen sich zurück, und das Land stand da, still und wartend, wie ein Mensch, der gerade aufgestanden ist und noch nicht weiß, was der Tag bringen wird. Und dann, noch am selben Tag, begann das Land zu grünen. Gras wuchs. Kräuter trieben. Bäume streckten ihre Äste in den jungen Himmel, und manche trugen schon Früchte, schwer und duftend, als hätten sie schon immer gewartet, gepflückt zu werden.
Und es war gut. Wieder dieses Wort. Wieder diese stille Bestätigung, dass das, was entstanden war, wirklich das war, was es sein sollte. Die Welt war noch jung, noch unberührt, noch ohne eine einzige Spur eines Fußes, der sie betreten hätte. Und doch war sie schon reich. Die Erde trug bereits alles in sich, was sie je tragen würde: den Keim und die Frucht, das Sterben und das Wachsen, den Staub und den Regen, der den Staub wieder fruchtbar macht.
Am vierten Tag wurden die großen Lichter an den Himmel gesetzt. Die Sonne, um den Tag zu regieren, golden und warm, ein Licht, das wärmt und weckt und alles klar werden lässt. Und der Mond, um die Nacht zu regieren, silbern und still, ein Licht, das nicht blendet, sondern begleitet, das den Schlafenden bewacht und dem Träumenden leuchtet. Und rund um Sonne und Mond wurden die Sterne gesetzt, unzählige, wie Funken eines Feuers, das jemand in den Himmel geworfen hat, und jeder Stern hielt seinen Platz, und alle zusammen bildeten ein Gewölbe von solcher Schönheit, dass auch heute noch, in jeder klaren Nacht, ein Mensch, der aufschaut, für einen Augenblick vergisst, was ihn bedrückt.
Der vierte Tag neigte sich, und der Himmel war nicht mehr leer. Er trug seine Lichter wie eine Mutter ihre Kinder trägt, sorgfältig und liebevoll, jedem seinen Platz, jedem seine Zeit. Die Nacht kam, und zum ersten Mal leuchteten Sterne über einer Erde, die schon Bäume trug und Gras und die Früchte der ersten Bäume. Und der Mond stand über allem, still und rund, wie er auch heute noch steht, über deinem Fenster, in dieser Nacht.
Am fünften Tag füllten sich die Wasser mit Leben. Fische zogen durch die Tiefen, groß und klein, schimmernd wie Gedanken, die man nicht festhalten kann. Und die Luft unter dem Himmelsgewölbe füllte sich mit Vögeln: mit dem Schlag ihrer Schwingen, mit ihrem Rufen, mit der Leichtigkeit ihrer Bahnen, die sie zogen, als hätten sie die Freiheit des Himmels erfunden. Die Wasser wimmelten, die Lüfte summten, und die Erde, die noch schwieg, hörte zu. Und es war gut, und die Wesen wurden gesegnet und geheißen, sich zu mehren, das Meer zu füllen und den Himmel.
Am sechsten Tag kamen die Tiere des Landes. Sie kamen aus der Erde hervor, als wäre die Erde selbst lebendig geworden und hätte sich entschieden, Gestalt anzunehmen. Die großen und die kleinen, die schnellen und die langsamen, die stillen Rehe im Waldschatten und die mächtigen Tiere der weiten Ebenen. Jedes hatte seine Art, jedes hatte sein Wesen, und die Erde trug sie alle, wie sie den Baum trägt und das Gras und den Stein, der still am Ufer liegt und seit Jahrtausenden dem Wasser zuhört.
Und dann, noch an diesem sechsten Tag, geschah das Tiefste und das Erstaunlichste von allem. Aus dem Staub der Erde, die schon so viel getragen hatte, formte Gott einen Menschen. Nicht aus Licht, nicht aus Wasser, nicht aus dem Stoff der Sterne, sondern aus Erde. Aus gewöhnlichem, dunklem, feuchtem Staub. Und in diesen Menschen aus Erde gab Gott einen Atem, einen lebendigen Atem, und der Mensch wurde lebendig. Er war aus der Erde und doch mehr als Erde. Er trug den Staub in sich und zugleich etwas, das über den Staub hinauswies. Das war der Mensch: das Wesen, das beides in sich trägt, das Vergängliche und das Unvergängliche, den Boden unter den Füßen und den Sternenhimmel über dem Kopf.
Und es war sehr gut. Nicht nur gut, sehr gut. Das erste Mal, dass dieses Wort so fiel, mit diesem Gewicht, mit dieser Fülle. Die Welt war fertig, und sie war schön, und der Mensch stand in ihr, noch ohne ein einziges Wort gesprochen zu haben, und schaute um sich und sah das Licht der untergehenden Sonne auf dem Wasser und die ersten Sterne, die über dem Horizont aufstiegen, und die Bäume, die sich leise im Abendwind bewegten.
Und am siebten Tag ruhte Gott, der all dies hervorgebracht hatte. Nicht aus Erschöpfung, sondern wie jemand ruht, der sein Werk betrachtet und zufrieden ist. Eine Ruhe, die heilig war, weil sie aus Vollständigkeit kam, nicht aus Leere. Die Welt atmete. Die Wasser rauschten. Die Vögel begannen ihren Morgengesang, und die Sonne stieg auf über einer Erde, die fertig war und bereit, ihre Geschichte zu beginnen. Und in diesem Ruhen lag eine stille Einladung an alles, was leben würde: auch du darfst innehalten, auch du darfst schauen, auch du darfst sehen, dass es gut ist.
So war der Anfang. So war die erste Woche der Welt. Und die Geschichte, die dann begann, ist dieselbe Geschichte, in der auch du jetzt liegst, in dieser Nacht, unter demselben Himmel, unter denselben Sternen, auf derselben Erde, die aus dem Staub der ersten Tage gemacht ist. Die Sterne leuchten noch immer. Die Erde trägt dich noch immer. Und die Stille, die vor allem war, ist noch da, ganz nah, in der Tiefe jeder ruhigen Nacht.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.