Andreas’ Nacht

Nach Wilhelm Hauff · 9 Minuten zu lesen

Die Errettung Fatmes

Es war einmal, in der großen Stadt Balsora, ein junger Mann namens Mustapha. Er war der Sohn des Kadi, des angesehenen Richters der Stadt, und er hatte eine jüngere Schwester, die er von Herzen liebte: Fatme. Fatme war ein sanftes, fröhliches Mädchen, und in jenem Jahr, von dem die Geschichte erzählt, wurde sie sechzehn Jahre alt. Mustapha aber trug noch ein zweites Geheimnis im Herzen: Er liebte ein Mädchen namens Zoraide, eine Freundin seiner Schwester, und wollte sie zur Frau nehmen. Doch weil Zoraides Familie arm und von geringer Herkunft war, wagte er nicht, mit seinem strengen Vater darüber zu sprechen.

Zu Fatmes sechzehntem Geburtstag richtete Mustapha ein großes Fest aus. Er lud alle ihre Freundinnen ein, und natürlich auch Zoraide, und der Garten war voll von Lachen und Musik und dem Duft der Blumen. Als der Abend kam und die Luft kühl und golden wurde, schlug Mustapha eine Fahrt auf dem Meer vor. Die Mädchen waren begeistert, und so bestiegen sie eine geschmückte Barke und glitten hinaus auf das ruhige Wasser, das im letzten Licht der Sonne wie flüssiges Kupfer schimmerte.

Die Mädchen aber wollten immer weiter hinaus, und Mustapha, der ihnen die Freude nicht verderben wollte, ließ die Barke weiter und weiter vom Ufer gleiten, bis die Lichter der Stadt nur noch ferne Punkte waren. Da, plötzlich, tauchte aus der Dämmerung ein fremdes Schiff auf — ein Schiff mit dunklen Segeln und bewaffneten Männern an Bord, das sich zwischen die Barke und das rettende Ufer schob. Es waren Seeräuber.

Ein großer Schrecken befiel die Mädchen. In ihrer Angst liefen sie ungestüm auf der schmalen Barke umher, und ehe Mustapha es verhindern konnte, neigte sich das Boot und schlug um. Vom Ufer her aber hatten wachsame Helfer das Unheil kommen sehen und ruderten herbei, und so wurden fast alle aus dem Wasser gezogen und gerettet. Fast alle. Zwei aber fehlten, als man am Strand die Geretteten zählte: Mustaphas Schwester Fatme — und ausgerechnet Zoraide, seine heimliche Braut. Die Seeräuber hatten sie ergriffen und mit sich fortgeführt.

Mustapha war außer sich vor Kummer. Und als er heimkehrte und seinem Vater berichten musste, was geschehen war, da wandte sich der alte Kadi voll Schmerz von ihm ab und machte ihn für das Unglück verantwortlich. Geh, sagte der Vater schwer, und komm mir nicht wieder unter die Augen, ehe du deine Schwester zurückbringst. Mustapha aber brauchte diese harten Worte gar nicht. Sein eigenes Herz trieb ihn schon, und noch in derselben Nacht rüstete er sich, den Geraubten nachzuziehen.

Bald erfuhr er von einem Überläufer, wohin man die Mädchen gebracht hatte: zu einem Sklavenmarkt, viele Tagereisen entfernt. Ohne zu zögern brach Mustapha auf, allein, durch Wüste und über karge Höhen. Doch der Weg war gefährlich. Eines Tages geriet er mitten in den Lagerplatz einer Räuberbande, der Männer des gefürchteten Orbasan, von dem die Reisenden nur mit gesenkter Stimme sprachen.

Doch es kam anders, als Mustapha gefürchtet hatte. Durch ein sonderbares Missverständnis hielten die Räuber ihn zunächst für jemand anderen, für einen mächtigen Mann, und ehe sich alles aufklärte, stand Mustapha schon vor Orbasan selbst. Orbasan war ein hochgewachsener, ernster Mann mit dunklen, klugen Augen — ein Räuber, gewiss, gefürchtet im ganzen Land, aber einer von jener seltenen Art, die ihre eigene Ehre kennt.

Statt Mustapha ein Leid zu tun, gewährte er ihm das Gastrecht, bewirtete ihn und fragte ihn nach seinem Begehr. Und als Mustapha ihm offen seine traurige Geschichte erzählte, von der Schwester, von der Braut, vom Sklavenmarkt, da wurde Orbasans Blick mild. Er nahm einen kostbaren Dolch von seiner Seite und gab ihn Mustapha. Nimm dies als Zeichen, sagte er. Wenn du je meine Hilfe brauchst, dann schicke mir diesen Dolch oder komm an den Ort, wo wir uns getroffen haben, und ich werde kommen, mit meinen Männern. Denn auch ein Räuber kann einem guten Werk dienen.

Mustapha dankte ihm bewegt und zog weiter, ein wenig getröstet. Doch als er endlich den Ort des Sklavenmarktes erreichte, kam er zwei Tage zu spät. Die beiden Mädchen waren bereits verkauft, an einen reichen, alten Mann namens Thiuli-Kos, der sie in sein festes Schloss hatte bringen lassen, wo er viele Frauen hinter hohen Mauern und verschlossenen Türen hielt.

Mustapha verzweifelte beinahe. Aber dann fasste er sich ein Herz und beschloss, mit List zu erreichen, was mit Gewalt unmöglich war. Er verkleidete sich als Arzt. Es traf sich, dass im Schloss des Thiuli-Kos einige der Frauen krank lagen, und so wurde der fremde Heilkundige bereitwillig eingelassen. Doch Thiuli war misstrauisch und ließ die Frauen nicht sehen: Aufgerufen mit Namen, streckte eine nach der anderen nur einen Arm durch eine kleine Öffnung in der Mauer, damit der Arzt den Puls fühlen konnte.

Als der Name Fatme gerufen wurde und eine zarte Hand sich durch die Öffnung schob, da glaubte Mustaphas Herz, seine Schwester gefunden zu haben. Heimlich reichte er dieser Hand ein Fläschchen und flüsterte einen Plan: Sie solle von dem Trank kosten, der sie in einen tiefen, todesähnlichen Schlaf versetzen würde, sodass alle sie für gestorben hielten.

So geschah es. Die Frau, die man Fatme nannte, sank in den Schlaf, und weil Thiuli keine Kranken und keine Toten in seinem Hause dulden wollte, ließ er einen Sarg zimmern und den vermeintlichen Leichnam in das Begräbnishaus tragen, das abseits vom Schloss stand. Mustapha aber hatte sich dort verborgen und wartete. Als die Träger den Sarg abgesetzt hatten und geflohen waren, kam Mustapha hervor, zündete eine Lampe an und öffnete behutsam den Deckel.

Doch welch ein Schreck! Im Schein der Lampe sah er ein fremdes Gesicht. Es war weder seine Schwester noch Zoraide, sondern eine ganz andere junge Frau. Lange brauchte er, um sich von diesem neuen Schlag zu fassen. Dann aber gab er der Fremden das Gegenmittel, und sanft schlug sie die Augen auf.

Verwirrt richtete sich die Gerettete auf und dankte ihm unter Tränen. Und als Mustapha sie fragte, wie es komme, dass sie und nicht seine Schwester im Sarg gelegen habe, da klärte sich das Rätsel: Thiuli-Kos hatte allen seinen Gefangenen neue Namen gegeben. Diese Fremde hatte er Fatme genannt, darum war Mustaphas Botschaft zu ihr gelangt. Seine wirkliche Schwester Fatme aber und seine Braut Zoraide hießen im Schloss nun Mirza und Nurmahal, und sie befanden sich noch immer hinter den Mauern.

Die gerettete Fremde aber war voll Dankbarkeit, und sie wollte Mustapha helfen, so gut sie konnte. Sie kannte das Schloss von innen. Höre, sagte sie. Von einem Bach her führt eine Wasserleitung, hoch genug, dass ein Mann darin gehen kann, bis zu einem Brunnen im inneren Hof. Durch sie kann man nachts ins Schloss gelangen. Aber du brauchst dazu mehrere starke und treue Männer. Sie beschrieb ihm genau den Weg: durch den Brunnen in den inneren Hof, dort zwei Türme, und in der sechsten Tür, vom rechten Turm gezählt, würden Mirza und Nurmahal gehalten, bewacht von Wächtern.

Da erinnerte sich Mustapha an Orbasan und an den Dolch. Er brachte die gerettete Fremde zuvor in eine sichere Stadt, von wo sie heimreisen konnte, und dann eilte er zurück an den Ort, wo er den edlen Räuber getroffen hatte. Orbasan hielt Wort. Kaum hörte er, dass Mustapha seiner Hilfe bedurfte, da kam er mit zwei seiner verlässlichsten Männer und sagte schlicht: Ich habe es versprochen. Führe uns.

In einer dunklen, mondlosen Nacht schlichen sie sich an den Bach, fanden den Eingang der Wasserleitung und stiegen hinab. Bis an den Gürtel sanken sie ins kühle Wasser, aber unbeirrt gingen sie vorwärts, Schritt für Schritt durch den engen, dunklen Gang, bis sie am Brunnen im inneren Hof wieder ans Licht der Sterne kamen. Leise, wie die Gerettete es beschrieben hatte, fanden sie den rechten Turm und die sechste Tür. Die Wächter wurden im Schlaf überrascht und ohne großes Aufsehen überwältigt, und dann öffnete sich die Tür.

Und da, endlich, fiel Mustapha seiner Schwester Fatme und seiner geliebten Zoraide in die Arme. Mit Freudentränen erkannten sie ihn, kaum dass sie es glauben konnten. Rasch rafften die beiden Mädchen das Nötigste zusammen, und gemeinsam stiegen alle wieder hinab in die Wasserleitung und gelangten unbemerkt aus dem Schloss hinaus, dorthin, wo Pferde auf sie warteten. Orbasan sorgte noch dafür, dass ein treuloser Mann, der Mustapha zuvor verraten wollte, keinen Schaden mehr anrichten konnte, und dann trieb er alle zur Eile, denn gewiss würde Thiuli am Morgen Verfolger ausschicken.

Im ersten Licht des Morgens trennten sich ihre Wege von Orbasan. Mit tiefer Rührung dankten Mustapha, Fatme und Zoraide dem edlen Räuber, der ihnen geholfen hatte, ohne Lohn zu verlangen. Wahrlich, sagte Mustapha, dich werde ich nie vergessen. Und Orbasan lächelte, hob die Hand zum Gruß und ritt mit seinen Männern davon, hinein in die weite, erwachende Landschaft, und war bald nur noch ein ferner Schatten am Horizont.

Die Heimreise verlief glücklich und ruhig. Und als Mustapha endlich mit seiner Schwester Fatme und seiner Braut Zoraide vor das Haus seines Vaters trat, da fiel aller Zorn und aller Kummer von dem alten Kadi ab wie ein schwerer Mantel. Er schloss seine Kinder in die Arme und weinte vor Freude, und beinahe hätte ihn das Wiedersehen vor lauter Glück überwältigt.

Am nächsten Tag gab er ein großes Fest, an dem die ganze Stadt teilnahm, und Mustapha musste vor allen seine Geschichte erzählen, und alle priesen ihn und den edlen Räuber Orbasan. Als aber Mustapha geendet hatte, stand der alte Vater auf, nahm Zoraide bei der Hand und führte sie seinem Sohn zu. Denn er hatte längst erkannt, was für ein gutes, tapferes Herz das Mädchen besaß, und er gab den beiden von ganzem Herzen seinen Segen.

So wurde aus dem Kummer am Ende Freude, und aus der langen, gefährlichen Reise eine Heimkehr, wie sie schöner nicht sein konnte. Die Stadt am Meer ist still geworden, die Lichter sind erloschen, und das Wasser im Hafen wiegt sich sanft und leise unter den Sternen. Alle, die verloren waren, sind heimgekehrt.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Wilhelm Hauffs Märchen · Das kalte Herz, Kalif Storch und mehr. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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