Nach Arthur Conan Doyle · 4 Minuten zu lesen
Die einsame Radfahrerin
Eines Tages kam eine junge Dame zu uns, anmutig und aufrecht, doch sichtlich beunruhigt: Fräulein Violet Smith, von Beruf Musiklehrerin. Sie erteilte auf einem Landgut Musikunterricht und fuhr einmal die Woche mit dem Fahrrad über eine einsame Landstraße zum Bahnhof und zurück. Und auf diesem Weg, Herr Holmes, erzählte sie, werde ich verfolgt. Stets in einigem Abstand folgt mir ein Mann auf einem Fahrrad. Halte ich an, so hält auch er; wende ich mich um, so verschwindet er hinter einer Biegung. Nie kommt er näher, nie spricht er mich an — und gerade das macht mir solche Angst.
Holmes horchte auf. Eine einsame Radfahrerin, von einem einsamen Radfahrer beschattet, sagte er. Erzählen Sie mir mehr von Ihren Umständen, Fräulein Smith; oft liegt der Schlüssel zu solch sonderbarem Verhalten in scheinbar nebensächlichen Dingen. Violet berichtete von zwei Männern in ihrem Umfeld. Da war ihr Dienstherr, Herr Carruthers, ein höflicher, zurückhaltender Mann — und dessen Freund Woodley, ein roher, unangenehmer Mensch, der ihr in plumper Weise nachgestellt und sie erschreckt hatte.
Holmes stellte behutsam Nachforschungen an und stieß dabei auf etwas, das Violet selbst nicht wusste: Ihr verstorbener Onkel hatte in Übersee ein großes Vermögen erworben, und sie, die ahnungslose junge Lehrerin, war in Wahrheit die Erbin eines beträchtlichen Reichtums. Und das, Watson, sagte Holmes, erklärt alles. Wo plötzlich ein Vermögen winkt, da finden sich rasch Männer, die es an sich bringen wollen, auf die eine oder andere Weise. Er sandte mich aus, die einsame Straße zu beobachten; ich sah den geheimnisvollen Radfahrer zwar, doch er entkam mir geschickt. Holmes aber fügte die Teile bereits zu einem klaren Bild zusammen.
Das Komplott, das Holmes aufdeckte, war ebenso durchtrieben wie niederträchtig. Der grobe Woodley hatte sich mit einem zwielichtigen, abgesetzten Geistlichen verschworen: Sie wollten Violet in ihre Gewalt bringen und sie zu einer Heirat mit Woodley zwingen, um auf diesem Weg ihr Erbe an sich zu reißen. Der geheimnisvolle Radfahrer aber, der sie verfolgte, war, das war die überraschende Wendung, ihr Dienstherr Carruthers selbst. Doch er verfolgte sie nicht in böser Absicht. Im Gegenteil: Er hatte sich aufrichtig in die junge Frau verliebt und war ihr heimlich gefolgt, um über sie zu wachen und sie vor den Nachstellungen des gefährlichen Woodley zu beschützen. So war aus dem unheimlichen Schatten in Wahrheit ein stiller Beschützer geworden.
Eines Tages spitzte sich alles zu. Violet erschien nicht wie erwartet; Holmes erkannte sogleich die Gefahr. Schnell, Watson, sie ist auf der einsamen Straße entführt worden! Wir eilten hinaus, so rasch wir konnten. Am Ende eines abgelegenen Weges kamen wir zu einer Lichtung und fanden eine bedrückende Szene: Woodley und der falsche Geistliche hatten Violet überwältigt und unter Zwang eine scheinbare Trauung an ihr vollzogen. Doch im selben Augenblick traf auch Carruthers ein, außer sich vor Sorge um die Geliebte. Es kam zu einem heftigen Zusammenstoß mit dem brutalen Woodley, in dessen Verlauf dieser eine Verletzung davontrug und kampfunfähig wurde. Da trat Holmes dazwischen und gebot allem Einhalt. Beruhigen Sie sich, sagte er fest. Diese Trauung ist null und nichtig. Der Mann, der sie vollzog, ist gar kein rechtmäßiger Geistlicher mehr, und eine erzwungene Ehe hat vor keinem Gesetz Bestand. Fräulein Smith ist frei.
So wurde Violet im letzten Augenblick gerettet. Die beiden Bösewichte, Woodley und der falsche Priester, wurden ihrer gerechten Strafe zugeführt. Carruthers aber, der aus aufrichtiger Liebe und zu ihrem Schutz gehandelt hatte, fand Nachsicht. Violet kehrte unversehrt heim, ihr Erbe gesichert, die Gefahr gebannt. Und das Schönste: Bald darauf durfte sie den Mann heiraten, den sie wirklich liebte, einen tüchtigen jungen Ingenieur, mit dem sie längst versprochen war. So fand die Geschichte der einsamen Radfahrerin ein glückliches Ende, und aus Furcht und Verfolgung wurde Sicherheit und Glück. Sehen Sie, Watson, sagte Holmes zufrieden, auch der unheimlichste Schatten kann sich als Beschützer entpuppen, und das dunkelste Komplott zerfällt vor dem Licht der Wahrheit.
So endete der Fall der einsamen Radfahrerin: eine verfolgte junge Frau, ein heimlicher Beschützer und ein vereiteltes Komplott, das sich in Glück auflöste. Nun ist es still und friedlich, die einsame Straße liegt ruhig im Abendlicht, und alle Gefahr ist vorüber.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.