Frei nach Hans Christian Andersens Dryaden · 4 Minuten zu lesen
Die Dryade — zweiter Teil
Der Kastanienbaum wurde auf einem Platz in Paris eingepflanzt, zwischen hohen Häusern, und die Dryade sah zum ersten Mal die Stadt, nach der sie sich ihr Leben lang gesehnt hatte. Es war alles da: die Lichter, die nicht ausgingen, die Wagen, die Menschenströme, die Türme über den Dächern. Und doch stand sie am ersten Abend still in ihren Zweigen und dachte das seltsame Wort, das alle Sehnsüchtigen irgendwann denken: Es ist alles, wie ich es mir gedacht habe — und es ist doch nicht so, wie ich es dachte. Denn sie stand ja am Rand, eingewurzelt, und die Stadt rauschte an ihr vorüber wie ein Fest hinter Glas.
Da tat sie in einer Nacht den letzten Schritt ihres Handels: Nimm auch die Jahre, die mir bleiben, bat sie, und gib mir dafür eine einzige Nacht mitten darin — frei, auf Füßen, wie ein Menschenkind. Und es geschah. Die Dryade trat aus ihrem Baum wie aus einem Kleid und ging durch Paris, eine schmale helle Gestalt, die niemand kannte und nach der sich doch alle umsahen. Eine Nacht für ein Leben — sie wusste es und ging trotzdem leicht; so leicht geht nur, wer nichts mehr aufsparen muss.
Es ist nicht wahr, dass große Wünsche blind machen; sie machen hellsichtig. Die Dryade wusste in dieser Nacht alles zugleich: was sie gegeben hatte, was sie bekam und dass die Rechnung aufging, auf ihre eigene, wunderliche Art. Einmal, auf einer Brücke über dem Fluss, blieb sie stehen und sah ins Wasser, in dem die Lichter der Stadt schwammen wie eine zweite, weichere Stadt. Dort unten schwamm auch ihr Spiegelbild, schmal und hell, und sie nickte ihm zu: Wir zwei, dachte sie, wir haben es gewagt. Dann ging sie weiter, denn von ihrer Nacht war schon wieder eine Stunde um, und sie hatte noch eine Kirche vor und einen Garten und das ganze leuchtende Marsfeld. Wer wenig Zeit hat, lernt schnell, was zählt: alles — aber der Reihe nach.
In den Gärten bei den Lichtern sprach sie ein einziges Mal mit einem Menschen. Ein altes Blumenmädchen, das seine letzten Veilchensträuße feilhielt, sah sie an und sagte: Du bist nicht von hier, Kind. Nein, sagte die Dryade, ich bin vom Land, ich bin nur für eine Nacht in der Stadt. Da nickte die Alte, als kenne sie das, und schenkte ihr einen Strauß, den letzten. Dann sieh dich satt, sagte sie, und vergiss über den Lichtern den Himmel nicht, das ist alles, was man in Paris wissen muss. Die Dryade trug die Veilchen die ganze Nacht. Es war Landduft mitten in der Stadt, ein kleines Stück Heimat zum Mitnehmen, und vielleicht hat es ihr den Morgen leichter gemacht. Veilchen können das.
Und so kostete sie die Stadt: Sie stand in der großen Kirche, in der die Kerzen wie ein stehendes Sternbild brannten, sie ging über die Boulevards, auf denen die Musik aus allen Türen fiel, sie sah die Gärten im Gaslicht und die Weltausstellung auf dem Marsfeld, wo die Länder der Erde ihre Wunder nebeneinandergestellt hatten, Maschinen und Seide, Palmen und Springbrunnen. Sie kostete alles, wie man kostet, wenn man weiß, dass nichts wiederkommt: gründlich und dankbar und ohne Hast. Und wenn sie an erleuchteten Fenstern vorüberkam, hinter denen Menschen schliefen, nickte sie ihnen zu — ihr habt viele Nächte, dachte sie, und wisst es gar nicht; ich habe eine, und ich weiß es. Vielleicht ist das beinahe gleich viel.
Gegen Morgen wurde sie müde, wie Blüten müde werden, von innen her und ohne Schmerz. Sie setzte sich auf den Rand des großen Brunnens, sah zu, wie über den Dächern das Licht kam, und mit dem ersten Sonnenstrahl löste sie sich auf in eben dieses Licht — so still, dass die Stadt nichts davon bemerkte. Auf dem Brunnenrand lag am Morgen nur eine einzelne Kastanienblüte. Man kann sagen: ein kurzes Glück. Man kann auch sagen: ein ganzes — denn ihr Wunsch war ihr ja erfüllt worden, bis auf den Grund. Draußen vor dem Dorf aber, wo sie hergekommen war, erzählen die Bäume an der Straße noch heute ihre Geschichte, wenn der Abendwind geht. Sie erzählen sie ohne Tadel und ohne Trauer, nur mit einem langen, nachdenklichen Rauschen — so, wie man von einer Schwester erzählt, die weit fortgezogen ist, in eine Stadt voller Lichter.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.