Frei nach Hans Christian Andersens Dryaden · 4 Minuten zu lesen
Die Dryade — erster Teil
Auf dem Land, an der Straße vor einem Dorf in Frankreich, stand ein junger Kastanienbaum, und in dem Baum wohnte eine Dryade — ein Baumfräulein, zart wie Laublicht, das mit seinem Baum lebt, mit ihm atmet und mit ihm träumt. Neben ihr stand eine uralte Eiche, die viel gesehen hatte, und der alte Pfarrer, der abends auf der Bank unter den Bäumen saß, erzählte den Kindern des Dorfes Geschichten — von der großen Stadt Paris, von Lichtern, die nachts nicht ausgehen, von Häusern hoch wie Hügel. Die Kinder hörten zu und vergaßen es wieder. Die Dryade hörte zu und vergaß es nie.
Der Kastanienbaum stand gut an seiner Straße, das muss man sagen. Er hatte den Bach in der Nähe und die Wiese im Rücken, im Frühjahr trug er seine weißen Kerzen wie ein Festleuchter, und im Sommer hielten die Fuhrleute unter ihm Mittagsrast, und die Dryade hörte ihren Gesprächen zu und lernte die Welt aus lauter Vorbeikommendem. Abends läutete drüben das Dorf, die Schwalben zogen ihre letzten Bögen, und die alte Eiche nebenan erzählte von früher — Eichen erzählen immer von früher, sie haben so viel davon. Es war, alles in allem, ein gutes Leben für ein Baumfräulein. Nur eben: Es war das einzige, das sie kannte. Und das Einzige, das man kennt, hält man leicht für zu wenig.
Von da an hatte sie die Sehnsucht im Stamm. Sie sah die Wolken nach Norden ziehen und dachte: Ihr seht Paris. Sie sah die Vögel ziehen und dachte: Ihr auch. Die alte Eiche warnte still: Wir sind Bäume. Unser Glück wurzelt. Wer sein Glück ausgräbt, trägt es nicht weit. Aber gegen Sehnsucht sind Eichenworte machtlos.
Das Mädchen Marie war es gewesen, das der Sehnsucht der Dryade das Gesicht gab. Als Kind hatte Marie unter dem Kastanienbaum gespielt und ihm im Vorübergehen die Rinde getätschelt wie einem Pferd, und die Dryade hatte sie gern gehabt. Als der Wagen mit der feinen Dame hielt und Marie ausstieg, seidenraschelnd, um den alten Baum ihrer Kindheit zu begrüßen, da legte sie die Hand an denselben Fleck Rinde wie damals — das spürte die Dryade bis in die Wurzeln. Paris, sagte Marie zu ihrer Begleitung, ihr könnt sagen, was ihr wollt: Alles, was ich bin, ist aus Paris. Der Satz blieb im Baum hängen wie ein Samenkorn im Astloch. Aus solchen Sätzen wachsen Schicksale. Da bog sich die Dryade in ihrem Baum vor Sehnsucht wie im Sturm, obwohl kein Wind ging. Nur einmal sehen, dachte sie, ein einziges Mal mitten darin sein.
In einer Gewitternacht fuhr ein Blitz herab und nahm die alte Eiche mit sich fort — der größte Baum der Gegend war über Nacht dahin, und die Dryade stand nun allein an der Straße. In jener Nacht, zwischen Blitz und Stille, war ihr, als spräche ein Leuchten zu ihr: Du sollst in die Stadt der Städte kommen. Dein Wunsch wird dir erfüllt — aber wisse: Er wird dein Leben kürzen. Was ein Baumleben lang hätte glimmen dürfen, wird dann in kurzer Frist verbrennen. Ich will es, sagte die Dryade, ohne eine Nacht zu bedenken. So sind die großen Wünsche: Sie fragen nicht nach dem Preis, sie fragen nur, wo unterschrieben wird.
Und der Wunsch erfüllte sich auf die einfachste Art der Welt: Die Stadt Paris brauchte junge Bäume für ihre Plätze, und Männer mit Spaten kamen, gruben den Kastanienbaum behutsam aus, hoben ihn samt seiner Erde auf einen Wagen und fuhren ihn davon, die lange Straße nach Norden. Die Dryade fuhr in ihrem Baum durch Dörfer und Weinberge, unter fremden Sternen, dem großen Leuchten am Horizont entgegen, das jede Nacht näher rückte, und sie war so voller Erwartung, dass die Knospen am Baum sich verfrühten. Wie es ihr in der Stadt der Städte erging — davon erzählt der zweite Teil. Lass ihr die Vorfreude noch eine Nacht; sie hat sie sich mit ihrem ganzen Leben gekauft.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.