Andreas’ Nacht

Nach Asbjørnsen und Moe · 8 Minuten zu lesen · Vorabdruck

Die drei Prinzessinnen im Weißland

Ein Fischer lag den ganzen Tag draußen und zog das Netz leer herein, einmal und noch einmal und den ganzen Tag lang. Das Wasser war grau und der Himmel war grau, und es wurde schon wieder Abend. Da hob sich dicht neben dem Boot ein Kopf aus der See, und eine Stimme sagte, gib mir, was deine Frau unter dem Gürtel trägt, so sollst du Fische haben, so viel du willst. Der Mann wusste nicht, dass seine Frau ein Kind unter dem Herzen trug, und sagte ja. Und noch ehe er das Netz warf, stand es voll.

Zu Hause schüttete er den Fang auf den Tisch, dass die Fische im Lampenlicht silbern glänzten, und er war stolz darauf. Die Frau aber sagte ihm, was sie ihm zu sagen hatte, und da wusste er, was er versprochen hatte. Sie weinten beide die halbe Nacht. Als der Junge geboren war, kam der König des Landes zu ihnen, denn er hatte davon gehört, und er nahm das Kind an sich und zog es in seinem eigenen Haus auf, weit vom Wasser weg. Dort wuchs der Junge auf und lernte alles, was man lernen kann, und ans Meer kam er nicht.

Als er ein junger Mann war, bat er so lange, bis der König es erlaubte, mit dem Vater einmal zum Fischen zu fahren. Es ging gut den ganzen Tag. Am Abend, als sie schon am Ufer standen, fiel ihm ein, dass er sein Tuch im Boot vergessen hatte. Er stieg noch einmal hinein, um es zu holen, und in demselben Augenblick löste sich das Boot vom Sand und ging hinaus. Es war kein Ruder darin und kein Segel daran, und trotzdem lief es. Der Wind, der es nahm, kam von Norden und stand ihm kalt im Nacken, und das Wasser schäumte um den Bug. Der Vater rief, und dann war zwischen ihnen schon zu viel Meer.

Das Boot lief die ganze Nacht, und der Nordwind lief mit ihm und ließ nicht nach. Gegen Morgen setzte es ihn an einen Strand, der war so weiß, dass die Augen wehtaten, und das Boot blieb im Sand liegen und rührte sich nicht mehr. Er ging landeinwärts und traf einen alten Mann mit einem langen weißen Bart, der saß auf einem Stein. Dies ist das Weißland, sagte der Alte. Weiter drinnen stehen drei Königstöchter bis an den Hals in der Erde. Die ersten beiden werden dich rufen. Geh an ihnen vorbei und tu, was die dritte dir sagt.

Er ging und fand sie. Die erste rief ihn an, und die zweite rief lauter, und es kostete ihn mehr, als er gedacht hatte, weiterzugehen. Bei der dritten blieb er stehen. Drei Trolle haben uns hier eingesetzt, sagte sie, und sie sprach ruhig, als hätte sie sich das Ruhigsprechen in den langen Jahren angewöhnt. Wenn du uns loshilfst, sollst du eine von uns haben. Und wenn du es nicht kannst, so geh lieber gleich zurück an deinen Strand, denn hier wird es dunkel, und die Nacht ist lang.

Dann sagte sie ihm, was zu tun war. Weiter drinnen stehe ein Schloss, und am Tor stünden zwei Löwen, aber wenn er genau in der Mitte zwischen ihnen hindurchgehe, täten sie ihm nichts. Drinnen solle er sich auf die Bank legen und liegen bleiben, was auch geschehe. Der Troll werde kommen und ihn mit Ruten schlagen, und er dürfe keinen Laut von sich geben, nicht einen einzigen. Danach hänge an der Wand eine Flasche, aus der solle er sich einreiben, und daneben hänge ein Schwert. Er sagte, gut, und ging genau in der Mitte zwischen den Löwen hindurch.

In der ersten Nacht kam ein Troll mit drei Köpfen und drei Ruten. Der Junge lag auf der Bank und hielt still und war stumm wie der Stein an der Wand, und der Troll schlug, bis ihm selbst die Arme schwer wurden. Dann ging er, um sich zu stärken. Da stand der Junge auf, rieb sich mit dem ein, was in der Flasche war, und da wurde er heil und stark. Er nahm das Schwert vom Nagel, und als der Troll wiederkam, war es kurz. Am Morgen standen die drei nur noch bis an den Gürtel in der Erde.

In der zweiten Nacht kam einer mit sechs Köpfen und sechs Ruten, und der schlug zu zweien und zu dreien zugleich. Der Junge biss die Zähne in seinen Ärmel, damit nichts herauskam, und zählte die Schläge, bis er sich verzählte, und fing wieder von vorn an. Dann ging der Troll sich stärken. Die Flasche half wie in der ersten Nacht, das Schwert hing an seinem Nagel, und am Morgen standen die drei Königstöchter bis an die Knie im Boden und konnten die Hände frei bewegen.

In der dritten Nacht kam der mit den neun Köpfen, und der war der schlimmste. Seine Ruten waren frisch geschnitten und noch feucht und pfiffen anders als die alten. Der Junge lag und schwieg und dachte an den weißen Strand und an das Boot im Sand und an gar nichts sonst, und einmal war er nahe daran, den Mund aufzumachen, und tat es nicht. Als es hell wurde, hing das Schwert wieder an seinem Nagel und die Flasche daneben war leer. Draußen gingen die drei über die Wiese, als wäre nie etwas gewesen, und die Jüngste bückte sich und fasste mit beiden Händen in das nasse Gras.

Er nahm die jüngste zur Frau, und sie wohnten im Schloss, und es waren gute Jahre. Dann kam die Zeit, in der er an die Alten daheim dachte, und er wurde still bei Tisch. Sie sah es und sagte, so fahre hin. Sie gab ihm einen Ring und sagte, damit hast du zwei Wünsche. Und noch eines. Tu, was dein Vater dich bittet, und tu nicht, was deine Mutter dich bittet. Er versprach es leicht, wie man etwas verspricht, das weit weg liegt, und wünschte sich heim.

Daheim war große Freude. Der Vater sagte, bleib bei uns in der Stube und lass es genug sein. Die Mutter aber wollte, dass er sich beim König zeige, damit alle sähen, was aus dem Fischerkind geworden war, und sie bat und bat, bis er mitging. Im Saal fragte der König nach seiner Königin, und ob sie wirklich so schön sei, wie man erzähle. Da vergaß er, was er versprochen hatte, und sagte, ich wollte, sie stünde hier. Und sie stand da, mitten unter den Leuten.

Sie sah ihn an, und in ihrem Gesicht war mehr Kummer als Zorn. Nun hast du beide Wünsche gehabt, sagte sie. In der Nacht flocht sie ihm einen Ring ins Haar, in den war ihr Name gearbeitet, und am Morgen war sie fort. Er ging ihr nach, und niemand wusste den Weg. Er kam zu dem, der über alle Tiere gebietet, und zu dem, der über alle Vögel gebietet, und zuletzt zu dem, der über alle Fische gebietet, und von den ersten beiden bekam er ein Paar Schneeschuhe für den nächsten Weg.

Ein alter Hecht kam als Letzter und sagte, er sei zehn Jahre Koch im Weißland gewesen und müsse morgen zurück, denn die Königin nehme einen anderen. Da wies ihn der Herr der Fische auf eine Heide, wo drei Brüder seit hundert Jahren um einen Hut, einen Mantel und ein Paar Stiefel stritten. Wer die habe, sei unsichtbar und komme, wohin er wolle. Er sagte, er wolle den Streit entscheiden, müsse aber erst prüfen, und als er alles anhatte, wünschte er sich fort.

Oben in der Luft traf er den Nordwind, denselben, der ihn damals von seinem Strand hinausgetragen hatte, und der kannte ihn wieder und versprach zu helfen. In der Nacht ging ein Sturm über das Schloss, dass die Türen aufsprangen und niemand mehr an eine Hochzeit dachte, und der fremde Bräutigam wurde hinausgeweht wie ein loses Blatt. Dann trat er in den Saal, mager und grau vom langen Weg, und sie kannte ihn zuerst nicht. Er nahm den Ring aus dem Haar und legte ihn ihr in die Hand, und da wusste sie, wer vor ihr stand, und die rechte Hochzeit wurde noch am selben Abend gefeiert. Draußen legte sich der Wind, und unten am Strand lag das kleine Boot halb im Sand, wo es damals angekommen war.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Zu hören ab dem 6. Dezember 2026

Dieser Text steht hier vorab. Erzählt wird er in Die schönsten Wintermärchen zum Einschlafen, das am 6. Dezember 2026 erscheint. Bis dahin gibt es ihn nur zu lesen.

Was schon zu hören ist, steht unter alle Nächte.

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