Nach Ludwig Bechstein · 8 Minuten zu lesen · Vorabdruck
Die drei Musikanten
Drei junge Musikanten zogen zusammen durch das Land, ein Geiger, ein Trompeter und ein Flötenbläser. Sie spielten auf Hochzeiten und Kirchweihen und lebten von dem, was in den Hut fiel. An einem Abend im Januar kamen sie in ein kleines Städtchen, die Instrumente unter dem Mantel, damit ihnen der Frost nicht die Saiten sprengte. Der Schnee lag knietief in den Gassen, und aus den Fenstern kam gelbes Licht auf die Wehen hinaus.
Im Wirtshaus war es warm bis unter die Balken. Sie setzten sich an den Ofen, ließen die Finger auftauen und hörten zu, was die Leute redeten. Da erzählte ihnen der Wirt von einem Schloss, das oberhalb der Stadt auf dem Berg liege, verwünscht seit Menschengedenken. Schätze seien darin, sagte er, aber auch ein Geist, der jeden prügele. Wer seinen Buckel weiß hineintrage, der trage ihn braun und blau wieder heraus.
Die drei sahen einander an, wie es junge Leute tun, die zu wenig Geld und zu viel Mut haben. Sie beschlossen, es zu versuchen, aber jeder für sich und einer nach dem anderen, an drei Abenden hintereinander. Das Los fiel auf den Geiger. Er nahm nichts mit als seine Geige und ging am nächsten Nachmittag den Berg hinauf, und die anderen sahen ihm nach, bis er zwischen den verschneiten Tannen nicht mehr zu sehen war. Der Weg hinauf war steil.
Das Tor stand offen. Als er hindurch war, gingen die Türen von selbst auf, eine nach der anderen, und fielen hinter ihm wieder zu. Er kam durch prächtige Säle, in denen kein Mensch war und in denen es doch nicht staubig roch. Zuletzt stand er in einem Zimmer vor einer gedeckten Tafel, auf der Braten und Wein bereitstanden, und weil er den ganzen Tag nichts gegessen hatte, setzte er sich hin und langte zu. Es war überall Licht, ohne dass irgendwo eine Kerze brannte.
Da kam ein winziges Männchen herein, kaum drei Spannen hoch. Es trug ein rotes Röcklein, das Gesicht darüber war klein und welk wie ein Winterapfel, und sein grauer Bart hing ihm so lang herab, dass er beim Gehen über die silbernen Schnallen seiner Schuhe strich. Es setzte sich ihm gegenüber und aß mit, und es war ganz freundlich dabei. Dann ließ es wie aus Versehen ein Stück Fleisch unter den Tisch fallen und bat den Geiger, es aufzuheben. Der Geiger bückte sich, wie man sich eben bückt. Was danach kam, ging schnell, und am Morgen fanden ihn die Gefährten unten vor dem Tor im Schnee sitzen.
Am zweiten Abend ging der Trompeter, und er ging nicht ahnungslos hinauf wie der Geiger, denn den hatten sie am Morgen halb erfroren vom Tor heruntergeholt und ins Bett gelegt, und was er sagte, war wenig und kam langsam. Der Trompeter nahm sich unterwegs vor, unter keinen Umständen die Hand nach etwas auszustrecken, das zu Boden fiel. Der Weg war über Nacht vereist, und er brauchte länger hinauf als der andere. Oben stand das Tor wieder offen, genau so weit, wie es am Abend zuvor offen gestanden hatte.
Auch ihm gingen die Türen von selbst auf, auch bei ihm stand die Tafel gedeckt, und auch zu ihm setzte sich das Männchen im scharlachroten Röcklein und aß mit und war ganz freundlich dabei. Als das Stück Fleisch zu Boden fiel und der Kleine bat, blieb der Trompeter sitzen und sagte nein. Da bat es ein zweites Mal. Beim dritten Mal klang es so kläglich, dass er sich einen Augenblick lang vergaß und unter den Tisch sah, und mehr hatte der Kleine nicht gebraucht. Am Morgen kam der Trompeter die Gasse herunter und trug seine Trompete in der herabhängenden Hand, weil er den Arm nicht heben konnte.
Am Ofen sagte er, es sei ihm da oben absonderlich aufgespielt worden, aus einer sehr groben Tonart, und er habe nicht mitgezählt, wie viele Takte es gewesen seien. Der Flötenbläser hörte zu und sagte nichts, und er war der pfiffigste von den dreien. Er ging am dritten Abend hinauf und nahm sich Zeit. Es schneite wieder, und der Schnee lag schon in den Fußstapfen der beiden anderen. Erst suchte er das ganze Schloss ab, jedes Zimmer, jede Kammer, und sah unter jeden Tisch, ehe er sich setzte. Dann aß er in Ruhe und behielt das Männchen im Auge, das ihm gegenübersaß und schmatzte. Als das Fleisch zu Boden fiel und der Kleine ihn bat, es aufzuheben, bückte er sich nicht, sondern griff über den Tisch.
Er packte das Männchen und riss ihm den Bart vom Kinn. Im selben Augenblick fuhr ihm eine Kraft in die Arme, wie er sie nie gehabt hatte, und der Kleine saß kraftlos auf seinem Stuhl und wimmerte. Gib mir den Bart zurück, bat er, und ich verrate dir, was es mit diesem Schloss auf sich hat, bis auf den Grund. Der Flötenbläser wickelte den Bart in sein Tuch und steckte ihn ein und sagte, erst der Zauber, dann der Bart. Der Bart wog schwer in dem Tuch.
Das Männchen führte ihn durch verborgene Gänge und Gewölbe immer tiefer hinunter, bis vor ihnen ein Wasser rauschte, breit und wild und schwarz. Da zog der Kleine einen Stab hervor und schlug damit hinein, und die Fluten traten auseinander und standen still wie zwei Wände. Drüben war kein Winter mehr. Sie gingen durch Laubgänge voller Blüten, Vögel in Silber und Gold saßen in den Zweigen, und der Himmel darüber leuchtete, als wäre er aus lauter Strahlen gemacht.
Mitten in dem Land stand ein Gebäude, prächtiger als alles, was er davor gesehen hatte. In einem Zimmer, das ringsum mit Schleiern behangen war, lag auf seidenen Kissen eine Königstochter und schlief. Sie hatte goldene Locken und eine Krone aus Diamanten und ein weißes Kleid, und sie atmete so leise, dass man hinsehen musste, um es zu bemerken. Über dem Lager hing ein Bauer, und darin saß ein Vogel und sang, immer dieselben paar Töne, ohne Pause.
Das ist ihr Erbgut, sagte das Männchen, das Schloss und dieses Land, und sie schläft schon Hunderte von Jahren. Der Vogel dort hat sie in den Schlaf gesungen und singt seither weiter. Wer sie wecken will, der muss dem Vogel das Herz nehmen, es zu Pulver brennen und ihr das Pulver in den Mund legen. Der Flötenbläser nahm den Vogel aus dem Bauer, und was zu tun war, tat er rasch und sah dabei zur Seite, und das Singen brach mitten in einem Ton ab. Neben dem Lager stand eine Pfanne mit Kohlen, darüber wurde das Herz zu einem Häuflein grauer Asche, und er strich sie mit dem Fingernagel zusammen und legte sie der Schlafenden zwischen die Lippen.
Nicht lange, da schlug die Königstochter die Augen auf, richtete sich in den Kissen auf und dankte ihm, und sie sagte, sie wolle die Seine sein. In demselben Augenblick donnerte und krachte es durch das ganze Haus. Türen sprangen auf, Diener und Mägde kamen die Treppen herunter, alle mit frohen Gesichtern, als hätten sie nur auf ein Zeichen gewartet, und irgendwo im Hof wurde ein Feuer angezündet. Von unten her kam auf einmal Musik herauf.
Das Männchen streckte die Hand aus und verlangte seinen Bart, denn sobald der wieder am Kinn saß, hatte es Macht über alle Menschen. Der Flötenbläser versprach ihn, bat aber, dass er und seine Braut den Kleinen ein Stück Weges begleiten dürften. Dagegen ließ sich nichts sagen. So gingen sie zu dritt durch die Laubgänge zurück, bis vor ihnen wieder das breite Wasser rauschte, das dieses Land umfließt wie eine Grenze. Das Wasser roch nach nassem Stein.
Gib mir deinen Stab, sagte der Flötenbläser, ich will dir zu Ehren dieses eine Mal das Wasser teilen. Das Männchen gab ihn her und hoffte dabei auf sein Recht. Der Schlag ging ins Wasser, die Fluten standen, und der Kleine ging hinüber. Kaum war er drüben, brausten die Wellen zusammen. Da warf ihm der Flötenbläser den Bart über den Fluss hinüber, und der Kleine fing ihn auf und setzte ihn sich an und stand da und sah zu ihm herüber, ohne Stab und ohne Macht, und durfte das helle Land nie wieder betreten.
Den Stab behielt er. Er ging mit seiner Braut zurück in das helle Land und in das Schloss, und es zog ihn nicht wieder hinaus. Dort kam kein Winter mehr über die Gärten. Unten in dem Städtchen aber saßen der Geiger und der Trompeter noch lange im Wirtshaus am Ofen und warteten. Der dritte Stuhl blieb frei, den ganzen Winter über, und wenn jemand nach dem Flötenbläser fragte, sagten die beiden, der ist flöten gegangen, und daraus ist später ein Sprichwort geworden. Jedes Mal aber, wenn die Tür aufging und der Schnee hereinwehte, sahen sie von ihren Krügen auf.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.