Nach den Erzählungen der Bibel · 5 Minuten zu lesen
Die drei Männer im Feuerofen
Vor langer, langer Zeit, in einem Land, das weit entfernt lag von dem Land, das die drei Männer ihr Zuhause nannten, lebten Schadrach, Meschach und Abed-Nego in der großen Stadt Babel. Sie waren jung und aufrecht, und sie hatten alles verloren, was vertraut gewesen war, die Hügel ihrer Heimat, den Duft der Felder, die Stimmen der Alten. Und dennoch trugen sie in ihren Herzen eine Stille, die niemand nehmen konnte, eine Ruhe, die tiefer war als alle Unruhe um sie herum. In der Stadt der hohen Türme und breiten Straßen blieben sie, wer sie waren.
In jenen Tagen herrschte über das Land ein mächtiger König, dessen Name Nebukadnezar war. Er war ein Mann von großer Kraft und großem Willen, und er liebte es, dass die Welt sich nach seinem Bilde formte. So ließ er ein Standbild errichten, gewaltig und golden, hoch aufragend in der Ebene, sodass man es von weit her sehen konnte, wenn die Sonne darauf fiel und das Licht blendend von ihm abprallte. Und er ließ durch Boten ausrufen in alle Länder, dass an dem Tag, da die Musik ertönte, die Hörner, die Flöten, die Saiteninstrumente und alles, was Klang gab, alle Menschen sich niederwerfen sollten vor dem goldenen Bild. Wer sich nicht beugte, so hieß es, den erwartete das Feuer.
Und die Musik ertönte, und die Menschen fielen nieder, wie Gras, das der Wind streift, überall in der Ebene. Doch Schadrach, Meschach und Abed-Nego standen aufrecht. Sie standen ruhig und still, mit geradeausgerichtetem Blick, als hätten sie gar nicht bemerkt, was um sie herum geschah. Denn sie konnten sich nicht beugen vor dem, was aus menschlichen Händen gemacht war. Nicht weil sie Trotz in ihren Herzen trugen, sondern weil ihre Treue einer anderen Tiefe gehörte, die sie nicht verraten konnten.
Es dauerte nicht lange, da kamen Männer zum König und flüsterten ihm ins Ohr, was sie gesehen hatten. Nebukadnezar ließ die drei zu sich bringen. Er sah sie an, und in seinem Gesicht arbeitete der Zorn, doch darunter lag vielleicht auch etwas anderes, eine Art Staunen, dass drei Menschen so ruhig vor ihm stehen konnten. Er fragte sie, ob es wahr sei, dass sie sich nicht gebeugt hatten. Und er bot ihnen an, es noch einmal zu versuchen. Die Musik würde wieder spielen. Sie könnten sich noch entscheiden.
Und Schadrach, Meschach und Abed-Nego antworteten dem König mit ruhigen Stimmen und klaren Worten. Sie sprachen, dass sie keiner Antwort bedurften in dieser Sache. Ihr Gott, so sagten sie, vermöge sie zu erretten, doch selbst wenn nicht, würden sie sich nicht beugen. Diese Worte kamen nicht aus Hochmut. Sie kamen aus einem Ort jenseits von Furcht und Hoffnung, aus einem stillen Grund, auf dem sie seit ihrer Kindheit gestanden hatten. Der König mochte tun, was er für recht hielt. Sie wussten, wem sie gehörten.
Da entbrannte der Zorn des Königs, und er befahl, den Ofen zu heizen, sieben Mal heißer als sonst, bis die Flammen aus dem Mauerwerk züngelten und die Luft selbst zu flimmern begann. Starke Männer banden die drei und trugen sie zum Ofen. Und es heißt, dass die Glut so groß war, dass jene, die die drei in die Flammen warfen, selbst von der Hitze erfasst wurden und zu Boden sanken. Schadrach, Meschach und Abed-Nego aber fielen mitten ins Feuer.
Und dann geschah etwas, das Nebukadnezar aufspringen ließ von seinem Thron. Er trat näher an den Ofen heran und starrte hinein, und sein Gesicht veränderte sich. Er wandte sich an seine Räte und fragte: Haben wir nicht drei Männer gebunden in das Feuer geworfen? Und sie antworteten: Ja, o König. Er aber sprach: Und ich sehe vier. Vier Männer, ungebunden, gehend mitten im Feuer, und keinen Schaden haben sie genommen. Und der vierte, sein Aussehen ist wie das eines Gottessohnes.
Die Worte des Königs hingen in der Stille. Niemand sprach. Die Flammen rauschten leise. Und Nebukadnezar trat so nah an den Eingang des Ofens, wie er es wagte, und rief mit lauter Stimme: Schadrach, Meschach, Abed-Nego, ihr Knechte des höchsten Gottes, kommt heraus, kommt her. Und sie kamen heraus, mitten aus dem Feuer, langsam und aufrecht, als kämen sie aus einem Garten.
Die Fürsten und Statthalter und Räte des Königs drängten sich um die drei, und sie schauten und suchten, an den Haaren, an den Kleidern, an der Haut. Das Feuer hatte sie nicht berührt. Kein Haar war versengt, kein Gewand beschädigt, nicht einmal der Geruch von Rauch lag auf ihnen. Sie standen da, die drei Männer, still und vollständig, als wäre nichts gewesen.
Nebukadnezar schwieg lange. Dann sprach er leise, und seine Stimme hatte den Zorn verloren und etwas anderes angenommen, etwas wie Ehrfurcht: Gesegnet sei der Gott von Schadrach, Meschach und Abed-Nego, der seinen Boten gesandt hat, um seine Knechte zu erretten, die auf ihn vertraut haben. Und er gab Befehl, dass niemand in seinem Reich ein Wort gegen diesen Gott sprechen solle. Denn es gab keinen anderen Gott, so sagte er, der solchermaßen erretten könnte. Und Schadrach, Meschach und Abed-Nego blieben in Babel.
Sie lebten weiter in dem fremden Land, das nun ein wenig weniger fremd geworden war. Die hohen Türme der Stadt ragten noch immer in den Himmel, und der Lärm der Straßen war noch derselbe. Aber in den Herzen der drei Männer lag eine Ruhe, tiefer als zuvor, die Ruhe derer, die durch das Feuer gegangen sind und auf der anderen Seite herausgekommen sind, leicht und unversehrt, als trügen sie das Licht noch immer in sich, das sie im Ofen begleitet hatte. Und der Abend senkte sich über Babel, und die Sterne traten hervor, einer nach dem anderen, über den Dächern der großen Stadt, wie sie es jede Nacht taten, ruhig und unveränderlich, seit der Welt Beginn.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.