Nach Arthur Conan Doyle · 5 Minuten zu lesen
Die drei Garridebs
Unter all den Fällen, die ich mit Sherlock Holmes erlebt habe, gibt es einen, den ich besonders in Ehren halte — nicht wegen seiner Verwicklung, sondern wegen eines einzigen Augenblicks, der mir mehr über das Herz meines Freundes verriet als alle Jahre zuvor. Er begann mit einem ungewöhnlichen Namen. Eines Tages kam ein Herr zu uns, der sich John Garrideb nannte, ein Anwalt aus Amerika, und brachte eine höchst seltsame Geschichte mit. Es gebe, erzählte er, ein gewaltiges Vermögen zu erben, hinterlassen von einem verstorbenen reichen Mann namens Garrideb.
Die wunderliche Bedingung des Testaments aber laute: Das Erbe falle nur dann, wenn man drei erwachsene Männer fände, die alle denselben seltenen Namen Garrideb trügen. Zwei haben wir bereits, sagte der Besucher. Mich selbst und einen alten Herrn hier in London, einen gewissen Nathan Garrideb. Nun fehlt nur noch ein dritter. Holmes hörte höflich zu, doch ich sah, wie seine Augen aufmerksam wurden. Bald lernten wir auch den anderen Garrideb kennen: Nathan Garrideb, einen alten, weltfremden Sonderling, der seit Jahren zurückgezogen in seinen Zimmern lebte, umgeben von seinen Sammlungen alter Münzen, Knochen und Altertümer, und der seine Wohnung kaum je verließ.
Die Aussicht auf das Erbe hatte den alten Mann ganz aus dem Häuschen gebracht. Als nun, wie durch ein Wunder, eine Anzeige tatsächlich einen dritten Garrideb in einer entfernten Stadt zutage förderte, drängte der Amerikaner darauf, der alte Nathan müsse selbst hinfahren, um diesen dritten Mann zu treffen. Der menschenscheue Sonderling, sonst nie zum Ausgehen zu bewegen, willigte in seiner Begeisterung ein und plante, am nächsten Tag für viele Stunden zu verreisen.
Holmes aber schüttelte den Kopf, als wir allein waren. Diese ganze Geschichte vom Erbe, Watson, ist erfunden, sagte er ruhig. Sie hat nur einen einzigen Zweck: den alten Nathan Garrideb für einen ganzen Tag aus seinen Zimmern zu locken. Jemand will an etwas heran, das sich in jenen Räumen befindet. Und Holmes hatte mehr herausgefunden: Der angebliche Anwalt John Garrideb war in Wahrheit ein gefährlicher amerikanischer Verbrecher, der unter falschem Namen auftrat.
Und nun begreife ich auch, was er sucht, sagte Holmes. In eben diesen Zimmern wohnte vor Nathan Garrideb einst ein berüchtigter Falschmünzer. Irgendwo dort, verborgen, müssen noch seine Druckerpresse und seine Platten zum Geldfälschen liegen. Die will sich unser Mann holen, sobald der alte Herr außer Haus ist. Dann müssen wir ihn auf frischer Tat stellen, sagte ich. So ist es, sagte Holmes. Wir werden ihm auflauern.
Am verabredeten Tag, als der ahnungslose Nathan Garrideb vergnügt zu seiner Reise aufgebrochen war, verbargen Holmes und ich uns in dessen dämmrigen Zimmern und warteten in der Dunkelheit. Nach einer Weile hörten wir, wie sich jemand leise Einlass verschaffte. Es war der falsche Garrideb, der Verbrecher. Vorsichtig spähte er umher, dann machte er sich an einer Stelle des Fußbodens zu schaffen, hob ein Brett empor und legte ein verborgenes Loch frei, in dem tatsächlich die alten Fälscherwerkzeuge lagen.
In diesem Augenblick trat Holmes aus dem Schatten. Guten Abend, sagte er ruhig. Das Spiel ist aus. Doch der Mann war ein gefährlicher Bursche. Blitzschnell zog er eine Waffe und feuerte. Ein Schuss krachte — und ich spürte einen heißen Schmerz in meinem Bein und taumelte. Und nun geschah das, woran ich mich mein Leben lang erinnern werde. Mit zwei raschen Bewegungen hatte Holmes den Verbrecher entwaffnet und niedergeschlagen. Doch im selben Augenblick, da er sah, dass ich getroffen war, vergaß er den Täter völlig.
Er war augenblicklich an meiner Seite, kniete neben mir nieder, und seine sonst so ruhige, beherrschte Stimme bebte. Sie sind doch nicht verletzt, Watson? Um Gottes willen, sagen Sie mir, dass Sie nicht ernstlich verletzt sind! Seine starken Hände tasteten besorgt nach meiner Wunde, und als ich in sein Gesicht blickte, sah ich, dass seine klaren, harten Augen feucht schimmerten und seine festen Lippen zitterten. Es war nur eine leichte Wunde, kaum der Rede wert. Doch in jenem Augenblick war mir die kleine Verletzung tausendfach willkommen.
Denn sie ließ mich zum ersten und einzigen Mal hinter die kühle Maske blicken und das große, treue Herz erkennen, das hinter dem großen Verstand schlug. All die Jahre stiller Freundschaft fanden in diesem einen besorgten Blick ihren Lohn. Der Verbrecher wurde der Polizei übergeben, die alten Fälscherwerkzeuge sichergestellt, und der gute Nathan Garrideb erfuhr enttäuscht, dass es weder ein Erbe noch einen dritten Garrideb je gegeben hatte. Meine Wunde heilte rasch und ohne Folgen.
Doch was mir aus diesem Fall blieb, war kein gelöstes Rätsel, sondern eine Gewissheit, die mir kostbarer war als alles: dass mein Freund mich liebte, so tief und so treu, wie ein Mensch nur lieben kann, auch wenn er es selten zeigte. Es war nichts, Holmes, sagte ich gerührt. Nur ein Kratzer. Und ich sah, wie die Erleichterung über sein Gesicht ging. So endete der Fall der drei Garridebs: ein erfundenes Erbe, ein verborgenes Geheimnis und, mitten darin, ein Augenblick wahrer Freundschaft, der alles andere überstrahlte.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.