Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 7 Minuten zu lesen
Die drei Äpfel
In den Zeiten des Kalifen Harun ar-Raschid, als Bagdad wie eine zweite Sonne am Horizont leuchtete und die Tigris-Wasser in der Mondnacht silbern glänzten, begab es sich, dass der mächtige Herrscher mit seinem treuen Wesir Dschafar am Ufer des Flusses entlangschritt. Die Nacht war warm und schwer vom Duft des Jasmins, der über die Gartenmauern quoll, und die Sterne standen so dicht am Himmel, als hätte ein Juwelier sie eigenhändig eingesetzt.
Der Kalif liebte diese Stunden, in denen er unerkannt durch seine Stadt wandern konnte, ein schlichter Mantel über den Schultern, das Gesicht dem leisen Wind zugewandt. Es war eine Nacht, wie sie nur der Orient kennt: weich, geheimnisvoll, erfüllt von fernen Klängen und dem Flüstern des Wassers. Da bemerkte Harun ar-Raschid am Ufer einen alten Fischer, der sein Netz noch einmal auswarf, obwohl die Nacht schon weit fortgeschritten war.
Der Kalif ließ ihn gewähren und beobachtete, wie das Netz sich im dunklen Wasser blähte und versank. Als der Fischer es wieder herauszog, war es schwerer als erwartet, doch was er an Land zerrte, war kein Fisch, kein Schatz, sondern eine verschlossene Truhe aus dunklem Holz, mit Stricken fest verschnürt. Der alte Mann betrachtete seinen Fund mit staunenden Augen, und der Kalif trat näher, neugierig wie ein Kind, das hinter einem Vorhang etwas Verbotenes ahnt. Sie öffneten die Truhe gemeinsam, und was sie darin fanden, ließ selbst dem weisen Wesir Dschafar das Blut in den Adern stocken. Eingewickelt in einen Mantel aus weißer Seide lag die Gestalt einer jungen Frau, reglos und kalt, die Hände gefaltet wie im Gebet.
Ihr Gesicht war von solch außerordentlicher Schönheit, dass die Nacht selbst innezuhalten schien. Der Kalif stand lange schweigend, dann wandte er sich an seinen Wesir, und seine Stimme trug den ruhigen Ernst eines Mannes, dem Gerechtigkeit kein leeres Wort ist. Dschafar, sprach er, wisse, dass ich dir drei Tage gebe, drei Tage, um den Mörder dieser Frau zu finden. Gelingt es dir nicht, so trifft dich die Strafe, die dem Schuldigen gebührt. Dschafar war ein kluger Mann, ein Mann der Bücher und der Gedanken, doch dieser Auftrag lastete schwer auf ihm.
Er kannte Bagdad in all seinen Winkeln, die Karawansereien, in denen Händler aus fernen Ländern schliefen, die engen Gassen des Basars, wo Gewürze und Gerüchte gleichermaßen die Luft füllten, die stillen Moscheen, in deren Höfen die Brunnen murmelten. Drei Tage lang ließ er seine Boten ausschwärmen wie Vögel nach dem Regen, befragte Wächter und Händler, Fischer und Bäcker, doch niemand wusste etwas, niemand hatte etwas gesehen, und die Nacht hielt ihr Geheimnis fest wie ein Schrein sein Siegel.
Als der dritte Tag sich dem Abend zuneigte und Dschafar in seinem Gemach saß, den Kopf in die Hände gestützt, da ließ er seine Kinder zu sich rufen, seine Söhne und seine Töchter, um ihnen ins Gesicht zu sehen, bevor das Schicksal ihn ereilte. Und während er so dasaß, umgeben von den Liebsten seines Herzens, trat ein junger Mann in sein Gemach, ein Fremder, den er nicht kannte, dessen Kleid fein war und dessen Augen einen Kummer trugen, der tiefer schien als Schlaf. Der junge Mann kniete nieder und sprach mit leiser, gefasster Stimme: O Wesir, ich bin der Mann, den du suchst. Ich habe meine Frau getötet, doch höre meine Geschichte, bevor du mich dem Kalifen übergibst.
Dschafar ließ den jungen Mann sprechen, und was er hörte, war eine Geschichte der Liebe und des Kummers, wie sie nur das Leben schreibt, nicht der Verstand, nicht der böse Wille. Der junge Mann hatte seine Frau über alles geliebt, mit einer Zärtlichkeit, die jeden Morgen neu erwachte. Als sie krank wurde und schwach, hatte er alles getan, was in seiner Macht stand, Ärzte aus fernen Städten gerufen, seltene Kräuter beschafft, Gebete gesprochen bis tief in die Nacht.
Eines Tages hatte sie ihn mit matter Stimme gebeten: Bitte bringe mir drei Äpfel, rote, duftende Äpfel, wie ich sie als Kind gegessen habe. Und er war aufgebrochen, hatte tagelang gesucht, hatte Gärten und Märkte abgesucht, bis er tief im Land endlich drei solcher Äpfel gefunden hatte, rund, leuchtend, duftend wie der Frühling selbst. Er hatte ihr die Äpfel gebracht, und ihre Augen hatten für einen Moment geleuchtet.
Doch sie war zu schwach, um sie zu essen, und ließ sie neben sich liegen wie kleine rote Laternen. Eines Morgens, als der junge Mann zurückkehrte, sah er auf der Gasse einen Knaben, der einen der Äpfel in der Hand hielt und lachend davonlief. Der junge Mann fragte seine Frau, und sie gestand ihm erschöpft, dass sie den Knaben nicht kenne, er müsse ihn irgendwo gefunden oder gestohlen haben. Da überkam den jungen Mann ein Dunkel, das er sich selbst nicht erklären konnte, ein Schatten, schnell und irrational wie ein Fiebertraum. Er hatte seiner Frau die schrecklichsten Worte gesagt, Worte, die er noch in derselben Stunde bereute, und als er zurückkehrte, war sie nicht mehr am Leben.
Er hatte sie nicht mit Händen getötet, sondern mit dem Kummer seiner Worte, und dieser Gedanke war schwerer zu tragen als jede Kette. Dschafar hörte die Geschichte zu Ende, und sein Herz, das Herz eines weisen, erfahrenen Mannes, war bewegt. Er führte den jungen Mann zum Kalifen, und Harun ar-Raschid saß aufrecht auf seinem Thron, das Gesicht ernst, die Augen wach. Der junge Mann wiederholte seine Geschichte, kein Wort auslassend, kein Schatten seiner Schuld verbergend, und der Kalif schwieg lange, das Kinn auf die Hand gestützt.
Doch das Schicksal hatte noch eine letzte Wendung bereit, denn gerade in diesem Augenblick trat Masrur, der Hauptmann der Wache, in den Saal, und hinter ihm ein Knabe, ein kleiner, zerlumpter Knabe, der weinend einen roten Apfel in den Armen hielt. Masrur räusperte sich und sprach: O Beherrscher der Gläubigen, dieser Knabe hat mir eben etwas erzählt, das du hören solltest. Der Knabe, ängstlich, aber tapfer, trat vor und berichtete stockend, wie ein Sklave des Kaufmanns ihn auf dem Basar angesprochen hatte, ihm diesen Apfel geschenkt und dabei gelacht hatte, gelacht über die Frau, die krank zu Hause lag und ihrem Mann nicht gut genug sei.
So enthüllte sich das wahre Gesicht der Geschichte: nicht der junge Mann allein trug die Schuld, sondern auch der Zufall, die Lüge, das leichtfertige Wort eines anderen, jene unsichtbaren Fäden, die das Schicksal spinnt und die kein Mensch ganz in Händen hält. Der Kalif saß in tiefem Schweigen, und die Öllampen flackerten, als spürten sie das Gewicht des Augenblicks. Dann sprach Harun ar-Raschid, und seine Stimme war ruhig wie das Wasser einer tiefen Quelle: Diese Geschichte ist schwerer als jedes Urteil. Geh, junger Mann, und trage die Erinnerung an deine Frau in Würde. Die Reue, die du trägst, ist strenger als jede Strafe, die ich verhängen könnte.
Dschafar verneigte sich tief, und in seinen Augen stand etwas, das selten in den Augen großer Männer zu sehen ist, Dankbarkeit, rein und unverstellt. Der junge Mann verließ den Palast in die Nacht hinaus, den roten Apfel noch immer in der Hand, und die Sterne über Bagdad standen still, als lauschten auch sie dem Ende dieser Geschichte. Der Kalif trat ans Fenster und blickte auf die schlafende Stadt, die weißen Kuppeln, die dunklen Gassen, den silbrigen Strom des Tigris in der Ferne.
In jener Nacht, so erzählen es die Überlieferungen, blieb Harun ar-Raschid lange wach und dachte nach, nicht über Urteile und Gesetze, sondern über die stillen Kräfte, die im Herzen eines Menschen wohnen, über Liebe und Verlust, über das flüchtige Glück und die schwere Gnade der Vergebung. Und langsam, ganz langsam, legte sich der Schlaf über die Stadt wie ein sanfter Mantel, über die Paläste und die Gassen, über den Basar und den Fluss, über alle Menschen, die an diesem Abend geliebt und gelitten, gehofft und bereut hatten. Die Nacht hüllte alles in ihr weiches Dunkel, und Bagdad ruhte still unter dem Mondlicht, geborgen wie ein Kind im Schlaf.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.