Andreas’ Nacht

Nach Arthur Conan Doyle · 4 Minuten zu lesen

Die Bruce-Partington-Pläne

An einem dichten, gelben Novembernebel, der ganz London in graue Watte hüllte, geschah etwas höchst Ungewöhnliches: Mycroft Holmes, der Bruder meines Freundes, kam persönlich in die Baker Street. Das allein war ein kleines Wunder. Denn Mycroft, obgleich von noch schärferem Verstand als Sherlock selbst, war der bequemste Mensch der Welt; er bewegte sich stets nur zwischen seiner Wohnung, seinem Amt und seinem stillen Klub und wich niemals von diesen Gleisen ab.

Wenn Mycroft seine Bahn verlässt und herkommt, sagte Holmes ernst, dann muss etwas von höchster Wichtigkeit geschehen sein. Das ist, als sähe man einen Planeten von seiner Bahn abweichen. Und so war es. Mycroft, schwer und bedächtig, ließ sich nieder und legte uns eine Staatsangelegenheit von größter Tragweite vor. Es geht um die Bruce-Partington-Pläne, sagte Mycroft mit gedämpfter Stimme. Das sind die geheimen Konstruktionspläne eines neuartigen Unterseeboots, eine Waffe von ungeheurer Bedeutung, das bestgehütete Geheimnis unseres Landes.

Gerieten diese Pläne in fremde Hände, so wäre das ein Unglück von kaum zu ermessender Größe. Und nun, fuhr er fort, sind sie gestohlen. Ein junger Beamter aus der Waffenwerkstatt, ein gewisser Cadogan West, wurde tot aufgefunden, nahe einer Station der Untergrundbahn, neben den Gleisen. In seiner Tasche fand man sieben der zehn geheimen Pläne. Doch die drei wichtigsten, die das eigentliche Geheimnis bergen, fehlen. Sherlock, sagte Mycroft eindringlich, das Land braucht dich. Finde die drei fehlenden Blätter, ehe sie außer Landes gelangen.

Holmes nahm sich der Sache mit allem Eifer an. Bald zeigte sich, dass der Tod des jungen West nicht so einfach war, wie er schien. Sehen Sie, Watson, sagte Holmes, der junge Mann hatte keine Fahrkarte bei sich. Und es war erstaunlich wenig Blut an der Stelle, wo man ihn fand. Hätte er den Tod durch einen Sturz von der Plattform gefunden, müsste es anders aussehen. Holmes dachte lange nach, und dann kam ihm die entscheidende Erkenntnis.

Er ist gar nicht dort gestorben, wo man ihn fand. Sehen Sie: An einer bestimmten Stelle hält die Untergrundbahn, und dort verlaufen die Gleise dicht an den Hinterfenstern gewisser Häuser. Ich glaube, der junge West wurde anderswo getötet, und man legte seinen Leichnam aus einem solchen Fenster auf das Dach eines haltenden Wagens. Der Zug fuhr an, und an einer Weiche, wo er schwankt, glitt der Körper hinab neben die Gleise. So erklärt sich alles, das fehlende Blut und die fehlende Fahrkarte.

Diese kühne Schlussfolgerung führte Holmes geradewegs zum Täter. An eben jener Stelle, wo die Bahn an den Häusern vorbeiführt, wohnte ein gefährlicher internationaler Agent namens Hugo Oberstein, ein Mann, der von Land zu Land zog und mit den Geheimnissen der Staaten handelte. Holmes verschaffte sich Zutritt zu Obersteins verlassenem Haus und fand dort die Bestätigung: das Fenster über den Gleisen, die Spuren der Tat. Und er fand noch mehr, eine Reihe geheimer Botschaften, die der Spion über versteckte Zeitungsanzeigen mit seinem Helfer ausgetauscht hatte.

So enthüllte sich das ganze traurige Bild: Ein hoher Beamter, der in Geldnöte geraten war, hatte als Verräter die Pläne gestohlen und an Oberstein verkauft. Der junge, pflichttreue Cadogan West aber war dem Dieb auf die Spur gekommen, war ihm heimlich gefolgt — und musste dafür mit dem Leben bezahlen, damit er nichts verraten konnte. Seinen Leichnam hatte man auf jene grausige Weise auf dem Zugdach fortzuschaffen versucht, und um den Verdacht von sich zu lenken, die sieben weniger wichtigen Pläne in seine Tasche gesteckt.

Nun stellte Holmes dem Spion eine Falle. Mit Hilfe der geheimen Anzeigensprache, die er entschlüsselt hatte, gab er selbst eine Botschaft auf, als sei sie von Oberstein, und lockte so den Verräter und schließlich den Agenten selbst in einen Hinterhalt. Der Verräter gestand sein Tun, von Reue und Scham gebeugt, und der gefährliche Oberstein wurde gefasst — und mit ihm kamen die drei fehlenden, kostbaren Pläne wieder ans Licht, wohlbehalten und vollständig.

Das große Geheimnis des Landes war gerettet, ehe es in fremde Hände gelangen konnte. Mycroft, der schwerfällige, geniale Bruder, war zufrieden wie selten, und es hieß, eine sehr hohe, sehr gnädige Persönlichkeit habe Holmes für diesen Dienst mit einem kostbaren kleinen Andenken bedacht, einer smaragdgrünen Nadel. Holmes aber sprach nie darüber; ihm genügte das gelöste Rätsel. So endete der Fall der Bruce-Partington-Pläne: ein Verrat, ein treuer junger Mann, der seine Pflicht mit dem Leben bezahlte, und ein Geheimnis, das Holmes’ Scharfsinn dem Land bewahrte. Nun ist es still, der Nebel liegt weich über der schlafenden Stadt, und alle Gefahr ist gebannt.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Sherlock Holmes · Die besten Fälle. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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