Nach Arthur Conan Doyle · 7 Minuten zu lesen
Die Blutbuchen
An einem stillen Morgen, als Sherlock Holmes ein wenig schwermütig über die Eintönigkeit der jüngsten Fälle klagte, brachte die Post einen Brief, der ihn aufhorchen ließ. Eine junge Dame, Fräulein Violet Hunter, bat um Rat in einer Sache, die sie beunruhigte. Kurz darauf erschien sie selbst: eine aufgeweckte, gefasste junge Frau mit klugen Augen, von Beruf Erzieherin. Herr Holmes, begann sie, mir ist eine Stelle angeboten worden, und ich weiß nicht, ob ich sie annehmen soll. Sie ist außergewöhnlich gut bezahlt — und außergewöhnlich seltsam in ihren Bedingungen.
Sie erzählte. Ein Herr Jephro Rucastle, ein dicker, jovialer Mann, habe ihr eine Stelle als Erzieherin für seinen kleinen Sohn auf seinem Landsitz angeboten, einem Anwesen namens Die Blutbuchen, benannt nach den kupferroten Buchen am Tor, draußen bei Winchester. Der Lohn sei ungewöhnlich hoch. Doch daran seien sonderbare Auflagen geknüpft: Sie müsse ihr schönes langes Haar abschneiden lassen; sie müsse zu bestimmten Zeiten ein ganz bestimmtes, leuchtend blaues Kleid tragen; und sie müsse sich, wenn man es verlange, auf einen bestimmten Stuhl setzen, mit dem Rücken zum Fenster, und dort lachen oder zuhören, ganz wie man es ihr auftrage. Ist das nicht höchst eigentümlich, fragte sie. In der Tat, sagte Holmes nachdenklich. Ich kann Ihnen nicht raten, abzulehnen; das gute Geld lockt, und vielleicht ist alles harmlos. Aber versprechen Sie mir eines: Sollte Ihnen etwas Sorge bereiten, so telegrafieren Sie mir, und ich komme zu jeder Stunde.
Einige Wochen vergingen. Dann kam das Telegramm: Fräulein Hunter bat Holmes dringend, nach Winchester zu kommen. Wir reisten sogleich, und in einem stillen Gasthof erzählte sie uns, was sie erlebt hatte. Das Leben auf den Blutbuchen sei von Anfang an bedrückend gewesen. Herr Rucastle sei zwar nach außen heiter, doch unter seiner Leutseligkeit liege etwas Kaltes; seine Frau sei still und traurig; das Söhnchen sei wunderlich grausam veranlagt. Im Haus gebe es zudem einen finsteren Diener namens Toller und dessen Frau — und einen großen, bösartigen Hund, einen gewaltigen Wachhund, der nachts frei im Garten umherlaufe und den nur Toller zu bändigen wisse, denn man halte ihn absichtlich halb ausgehungert, damit er recht scharf sei.
Mehrmals, fuhr Fräulein Hunter fort, habe man sie das blaue Kleid anlegen lassen und auf jenen Stuhl am Fenster gesetzt. Dann habe Herr Rucastle ihr lustige Geschichten erzählt, über die sie habe herzlich lachen müssen, während sie mit dem Rücken zum Fenster saß. Einmal aber habe sie ein kleines Stück Spiegel in ihrem Taschentuch verborgen und so heimlich nach hinten geblickt — und auf der Straße jenseits des Gartens einen jungen Mann entdeckt, der herübersah, geradewegs zum Fenster. Sowie sie ihn bemerkte, habe Herr Rucastle ihr befohlen, dem Fremden mit der Hand zuzuwinken, als wolle sie ihn fortschicken. Und noch etwas habe sie zutiefst beunruhigt: In einer verschlossenen Schublade habe sie zufällig eine zusammengerollte Locke gefunden, Haar, das ihrem eigenen abgeschnittenen Haar zum Verwechseln ähnlich sah, und das doch nicht das ihre war, denn das ihre lag wohlverwahrt in ihrem Koffer.
Vor allem aber, sagte Fräulein Hunter mit gesenkter Stimme, gebe es im Haus einen ganzen Flügel, der stets verschlossen sei und den zu betreten ihr streng verboten wurde. Einmal habe sie eine offene Tür genutzt und einen Blick hineingewagt, einen langen, dunklen Gang mit verriegelten Zimmern. Da habe Herr Rucastle sie ertappt und ihr mit einem Mal ganz anders, drohend bedeutet, sich nie wieder dort blicken zu lassen, sonst werde er den Hund auf sie hetzen. Da, Herr Holmes, schloss sie, habe ich Ihnen telegrafiert.
Holmes hatte mit großer Aufmerksamkeit zugehört, und nun nickte er langsam. Ich glaube, ich verstehe das traurige Spiel, sagte er. Hören Sie: Herr Rucastle hat aus erster Ehe eine erwachsene Tochter, nennen wir sie Alice. Diese Tochter hat, wie ich vermute, ein eigenes Vermögen geerbt, über das sie verfügen darf. Solange sie ledig und im Hause ist, kann der Vater dieses Geld verwalten und nutzen. Heiratet sie jedoch, so wäre es verloren. Und der junge Mann auf der Straße, fragte ich. Ihr Verlobter, ohne Zweifel, sagte Holmes. Herr Fowler, der treu vor dem Haus Wache hält, in Sorge um sie.
Und nun begreifen Sie auch die seltsamen Auflagen, fuhr Holmes fort und wandte sich an Fräulein Hunter. Sie wurden eingestellt, weil Sie der Tochter Alice von Gestalt und Haar ähneln. Man ließ Ihr Haar abschneiden, damit es ganz dem ihren gleiche; man steckte Sie in Alices blaues Kleid und setzte Sie ans Fenster, mit dem Rücken zur Straße. So sollte der wartende Verlobte draußen glauben, er sehe seine fröhlich lachende Alice, eine Alice, die offenbar guter Dinge sei und ihn nicht mehr brauche. Man wollte ihn entmutigen, dass er von ihr ablasse und fortbleibe. Und die wahre Alice, fragte Fräulein Hunter erschrocken. Die wahre Alice, sagte Holmes ernst, ist gewiss in jenem verschlossenen Flügel gefangen gehalten.
Holmes beschloss zu handeln, solange Herr Rucastle abwesend war. Fräulein Hunter berichtete, dass der finstere Toller an diesem Abend dem Trunk verfallen und seine Frau auffällig zugänglich sei, ein günstiger Augenblick. Wir gingen zum Haus, drangen heimlich in den verbotenen Flügel ein und brachen die Tür des verschlossenen Zimmers auf. Doch das Zimmer war leer. Das Fenster stand offen, ein Seil hing hinab — Alice war soeben entkommen. Wie sich zeigte, hatte ihr treuer Verlobter, Herr Fowler, nicht aufgegeben: Mit Hilfe der bestochenen Tollerin hatte er die Gefangene befreit und war mit ihr fortgeeilt, um sie endlich heimzuführen und zu heiraten.
In diesem Augenblick kehrte Herr Rucastle zurück. Als er das leere Zimmer und das offene Fenster sah, begriff er, dass sein Plan durchkreuzt war, und in blinder Wut wollte er den großen Wachhund auf die Flüchtenden hetzen. Doch hier wandte sich sein eigenes finsteres Werkzeug gegen ihn: Der betrunkene Toller hatte das ausgehungerte Tier nicht gefüttert, und so fiel der gereizte Hund nicht über die Fliehenden her, sondern über seinen eigenen Herrn. Es war ein gefährlicher Augenblick; doch ich hatte meinen Revolver bei mir und konnte den Hund unschädlich machen, ehe Schlimmeres geschah. Herr Rucastle überlebte, schwer gezeichnet von dieser Stunde, ein gebrochener Mann, dessen kaltherziger Plan in sich zusammengefallen war.
Alles aber wendete sich zum Guten. Alice Rucastle und ihr treuer Herr Fowler heirateten bald darauf und durften endlich ihr eigenes, freies Leben führen, fern von dem düsteren Haus. Fräulein Violet Hunter, die mutige junge Erzieherin, war wohlbehalten und um eine seltsame Erfahrung reicher. Holmes hielt große Stücke auf ihre Klugheit und ihren Mut, und wie ich später hörte, brachte sie es zur geachteten Leiterin einer eigenen kleinen Schule und kam im Leben gut voran. Sehen Sie, Watson, sagte Holmes auf der Heimfahrt, wie oft hinter den friedlichsten Landhäusern, fern der lauten Stadt, die dunkelsten Dinge verborgen liegen — und wie gut, wenn sie rechtzeitig ans Licht kommen.
So endete der Fall von den Blutbuchen, und mit ihm die Reihe jener ersten Abenteuer, die Doktor Watson getreulich aufgezeichnet hat. Nun ist es still geworden, das dunkle Haus liegt weit hinter uns, und über dem Land breitet sich friedlich der Abend.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.