Nach Zacharias Topelius · 6 Minuten zu lesen · Vorabdruck
Die Birke und der Stern
Vor langer Zeit ging ein Krieg über Finnland, der viele Jahre dauerte. Die Städte brannten, das Korn verdarb ungeschnitten auf den Feldern, und wer laufen konnte, lief in die Wälder. Auf einem einsamen Hof im Norden holten fremde Reiter zwei Kinder aus dem Haus, einen Buben und seine kleine Schwester, und nahmen sie mit sich fort über das Wasser in ein fremdes Land. Die Mutter stand am Zaun und rief ihnen nach, solange man sie hören konnte, und dann konnte man sie nicht mehr hören.
In dem fremden Land nahmen freundliche Leute die beiden auf. Sie bekamen zu essen, sie bekamen warme Kleider, und sie bekamen einen Platz auf der Bank neben dem Ofen, wo es nach Brot und nach heißem Ton roch. Man war gut zu ihnen. Aber jeden Abend, wenn es dunkel geworden war, saßen sie dort zusammen und sprachen leise von zu Hause, in ihrer eigenen Sprache, damit niemand sonst es verstand. Nach Jahren kam die Nachricht, es sei Friede, und wer wolle, dürfe heimgehen.
Da baten die Kinder so lange, bis man ihnen zuhörte. Die Leute im Haus sagten, das sei nicht möglich. Der Weg sei hunderte von Meilen weit, es liege Wald dazwischen und Wasser und Wölfe, und eure Eltern sind gewiss längst tot. Und wie wollt ihr euer Haus überhaupt wiederfinden. Da antwortete der Bub, vor der Tür meines Vaters steht eine große Birke, und jeden Morgen singen die Vögel darin. Und das Mädchen sagte, und nachts scheint ein Stern durch die Zweige der Birke.
An einem Abend, an dem der Mond hell über den Hof stand, gingen sie fort. Sie nahmen nichts mit als das, was sie anhatten, und ein Stück Brot in einem Tuch. Sie hielten sich immer dorthin, wo die Sonne am Abend hinunterging, und dann ein wenig nach rechts, denn der Bub hatte es sich so gemerkt. Sie aßen Nüsse und Beeren, sie tranken aus den Bächen, und wo sie an einen Hof kamen, gab man ihnen manchmal Milch und manchmal nichts. So gingen sie den Sommer hindurch.
Zwei kleine Vögel kamen und blieben bei ihnen. Sie flogen ein Stück voraus und setzten sich und warteten, und wenn die Kinder heran waren, flogen sie wieder voraus. Wenn der Weg sich gabelte, saßen sie in dem Zweig über dem einen Weg und nicht über dem anderen. Das Mädchen sagte, das seien Engel, die Gott ihnen geschickt habe, und der Bub widersprach ihr nicht. Wenn sie nachts unter einem Baum lagen, hörten sie die beiden über sich in den Blättern rascheln.
Dann kam der Winter, und der Winter war lang. Der Boden wurde hart wie Stein, und der Schnee legte sich in die Fußspuren, kaum dass sie gemacht waren. Sie gingen an einem Fluss entlang, der schon zugefroren war, und das Eis knackte unter ihnen, und sie liefen weiter, ohne stehen zu bleiben. Eine Nacht schliefen sie in einer Scheune im Heu, dicht aneinander, und über ihnen ging der Wind ums Dach. Am Morgen war das Tuch, in dem das Brot gewesen war, steif gefroren.
Als der Schnee zurückging, kamen sie an einen See, und am Ufer stand ein Mädchen und wusch Wäsche und sang dabei. Sie sang in der Sprache ihrer Mutter. Da setzten die beiden sich in das nasse Gras und weinten, denn nun wussten sie, dass sie zu Hause waren. Die Leute dort fragten, wohin sie wollten, und die Kinder sagten es. Da lachten die Leute nicht, aber sie schüttelten den Kopf und sagten, in diesem Land stünden tausend Birken, und über jeder von ihnen stehe ein Stern.
Gott ist größer, sagte der Bub. Und sie gingen weiter, an den Seen entlang und über die Hügel und durch die langen Wälder, in denen der Weg oft nur eine Rinne im Moos war. Sie fragten in jedem Dorf nach dem Namen des Hofes, und niemand kannte ihn. Sie sahen viele Birken vor vielen Türen, und keine war die richtige. Der Bub wurde in dieser Zeit größer, und die Schuhe des Mädchens hielten mit Bast zusammen, den sie sich selbst geflochten hatte.
An einem Abend gegen Ende des Mai, im zweiten Jahr ihrer Wanderung, traten sie aus dem Wald und sahen unten einen einsamen Hof. Vor dem Haus stand eine große Birke. Die jungen Blätter waren noch hell, fast gelb im letzten Licht, und durch die Blätter hindurch stand der Abendstern. Das Mädchen blieb stehen und griff nach der Hand ihres Bruders. Dort ist der Brunnen, sagte sie, aus dem die Mutter Wasser für die Kühe gezogen hat. Und dort, sagte er, ist der Stall unseres Vaters.
Unter der Birke lagen zwei kleine Kreuze im Gras, die vorher nicht dort gewesen waren. Die beiden gingen an ihnen vorbei und traten in die Stube. Am Tisch saßen zwei alte Leute, und der Mann sprach gerade und sah dabei nicht auf. Wir haben alle unsere Kinder verloren, sagte er. Zwei liegen unter der Birke, und das ist noch das leichtere, und zwei sind im Land der Feinde, und davon weiß niemand etwas. Da fragten die Fremden an der Tür, ob es hier ein Stück Brot gebe.
Die Mutter stand auf, um Brot zu holen, und blieb auf halbem Weg stehen und sah die beiden an. Sieh sie dir an, sagte sie zu ihrem Mann, so hätten die unseren jetzt ausgesehen. Weiter kam sie nicht, denn da hielten es die Kinder nicht mehr aus und liefen zu ihr hin. Es wurde lange nichts gesprochen in der Stube. Der Vater legte die Hände flach auf den Tisch und ließ sie dort liegen, als müsse er sich an etwas halten, und dann stand er auch auf und ging um den Tisch herum.
Spät am Abend saßen sie alle vier vor der Tür auf der Bank. Heute Morgen haben zwei kleine Vögel in der Birke gesungen, sagte die Mutter, so schön wie noch nie. Das Mädchen sah zu den Zweigen hinauf und sagte, sie wisse, wer das gewesen sei, und wer sie die ganze Zeit über geführt habe. Über dem Hof war es still geworden, das Gras roch nach dem Tau, der schon fiel, und oben zwischen den hellen Blättern stand der Stern und brannte heller, als sie ihn je gesehen hatten.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.