Nach den Erzählungen der Bibel · 5 Minuten zu lesen
Die Berufung der Fischer
Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, lag ein See, der war so blau wie der Himmel selbst. Die Menschen nannten ihn den See Genezareth, und seine Ufer waren belebt von Booten und Netzen, von Fischern und ihren Familien, vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Das Wasser dieses Sees war manchmal glatt wie ein Spiegel und manchmal aufgewühlt von Stürmen, die schnell kamen und schnell vergingen. Aber in den frühen Morgenstunden, wenn das Licht noch rosig und zart über die Hügel fiel, war der See von einer Stille erfüllt, die das Herz zur Ruhe einlud.
In jenen Tagen zogen viele Menschen durch das Land, um einem Mann zuzuhören, dessen Worte wie Wasser in der Dürre waren. Und so geschah es, dass dieser Mann an einem Morgen an das Ufer des Sees trat, wo die Fischer nach einer langen Nacht auf dem Wasser an Land gekehrt waren. Sie hatten ihre Netze ausgeworfen und wieder eingezogen, immer und immer wieder, und das Ergebnis war mager gewesen. Jetzt saßen sie am Ufer und wuschen ihre Netze in der frühen Helligkeit, und die Müdigkeit der Nacht lag noch auf ihren Schultern.
Sein Name war Jesus, und wohin er auch kam, da sammelten sich die Menschen um ihn. So auch an jenem Morgen: Schon bald standen viele am Ufer, drängten sich um ihn, wollten seine Worte hören. Da sah Jesus zwei Boote, die am Rand des Wassers lagen, und er bat einen der Fischer, ihn ein kleines Stück vom Land wegzurudern, damit er vom Boot aus zu den Menschen sprechen könnte. Dieser Fischer hieß Simon, und er war ein kräftiger, wettergegerbter Mann, dessen Hände das Seil und das Ruder kannten wie ein alter Freund.
Simon nickte und setzte sich ans Ruder, und das Boot glitt leise ins Wasser hinaus. Von dort aus sprach Jesus zu den Menschen, die am Ufer standen, und seine Stimme trug sich über das stille Wasser wie ein Lied. Die Morgensonne stieg höher und warf ihr goldenes Licht auf den See, und wer dort stand und zuhörte, der spürte, dass dieser Morgen kein gewöhnlicher Morgen war. Die Worte, die gesprochen wurden, waren einfach, aber sie setzten sich fest im Herzen wie Samen in guter Erde.
Als Jesus geendet hatte und die Menschen sich langsam zerstreuten, wandte er sich an Simon. Fahre hinaus auf den See, sagte er, und wirf deine Netze aus, tief ins Wasser hinein. Simon rieb sich die müden Augen und sah Jesus an. Die ganze Nacht hatten er und seine Gefährten gearbeitet, hatten die Netze geworfen und wieder gezogen, und nichts war darin gewesen als dunkles Wasser. Und doch, etwas in der Stimme dieses Mannes ließ Simon nicht widersprechen. Weil du es sagst, antwortete Simon ruhig, will ich die Netze auswerfen.
Und sie fuhren hinaus auf den See, dorthin, wo das Wasser tiefer und dunkler wurde, und warfen die Netze aus. Was dann geschah, war so unerwartet, dass Simon die Hände erstarrten. Die Netze füllten sich, als hätte das Wasser selbst seine Schätze preisgegeben. So viele Fische drängten sich in die Maschen, dass die Netze zu reißen drohten. Simon rief nach seinen Gefährten, die im anderen Boot warteten, sie möchten kommen und helfen, und als jene heranruderten, da war das Staunen auf ihren Gesichtern geschrieben wie mit großen Buchstaben. Beide Boote füllten sich, bis sie tief im Wasser lagen, und die Männer standen inmitten dieser Fülle und wussten nicht, was sie sagen sollten.
Simon ließ sich auf die Knie fallen, mitten zwischen den Fischen, mitten im Boot, und sah Jesus an. Die Worte, die ihm kamen, kamen aus einem Ort tief in seiner Brust, aus einem Ort, den er selbst kaum kannte. Er war überwältigt, nicht allein von dem, was er gesehen hatte, sondern von dem Gefühl, das ihn nun durchströmte: das Gefühl, einem Menschen gegenüberzustehen, der von einer ganz anderen Art war als er selbst. Und mit seinen Gefährten Jakobus und Johannes, den Söhnen des Zebedäus, die in jenem zweiten Boot gerudert waren, teilte er dieses stille Staunen.
Jesus aber sah Simon an, und in seinem Blick lag etwas, das schwer zu beschreiben ist, eine Wärme, die nicht urteilte, und eine Tiefe, die einlud. Fürchte dich nicht, sagte er, und seine Stimme war so ruhig wie der See in der Stille des frühen Morgens. Von nun an wirst du Menschen gewinnen. Es war kein Befehl und keine Verheißung, die Angst machte. Es war eher wie ein Licht, das man von weitem sieht und dem man folgen möchte, weil man spürt, dass es nach Hause führt.
Als sie wieder das Ufer erreichten und die Boote ans Land zogen, da geschah etwas Stilles, aber Tiefes. Simon, und mit ihm Jakobus und Johannes, ließen ihre Netze liegen. Sie ließen die Boote am Ufer, ließen die Fülle des Fanges, der noch zappelte und glänzte im Morgenlicht, und sie gingen. Sie gingen einfach, mit leichten Schritten, hinter diesem Mann her, dessen Worte sie nicht mehr losließen. Es war kein Aufbruch in Hast, kein Abschied in Schmerz — es war eher, als ob sie etwas gefunden hätten, das sie immer gesucht hatten, ohne es zu wissen.
Der See von Genezareth lag still und blau in der Sonne, als sie sich entfernten. Das Wasser kräuselte sich leise, die Möwen zogen ihre Kreise, und die leeren Boote schaukelten sanft im Uferwasser. Es war ein Morgen wie viele andere Morgen an diesem See, und doch war er anders als alle, die vorher gewesen waren. Etwas Neues hatte begonnen, so leise und unaufgeregt wie das erste Licht des Tages, das über die Hügel steigt und alles in ein sanftes Gold taucht, bevor die Welt erwacht. Und die Männer, die an jenem Morgen ihren Fang und ihre Netze zurückließen, trugen in ihren Herzen eine Stille, die größer war als der See selbst.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.